Blickwechsel

Man Ray _ Indestructible Object, 1933

Quelle: Man Ray, 1933

Das optische Modell einer Epoche reflektiert sich in den Gesetzen der ästhetischen Repräsentation des anschaulich gegebenen Raumes. Der Blick des Subjektes ist jeder räumlichen Ordnung eingeschrieben. Dass die Gärten des Barock und die Landschaftsgärten der Aufklärung in ihrer räumlichen Organisation auf den Blick eines Betrachters bezogen sind, ist offensichtlich – wenngleich die Bezugnahme sich ihrer Struktur wie ihrer Form nach unterscheidet, vor allem, weil es sich um einen je anderen Blick eines je anderen Betrachters handelt, um den des absoluten Fürsten im einen, um den des frühbürgerlichen frühkapitalistischen Individuums im anderen Garten. Was jedoch beide sehen auf einen Blick, ist ein vor ihnen ausgebreitetes und in sich - wenn auch formal unterschiedlich - geordnetes räumliches Ganzes.

Die räumlichen Beziehungen in den Gärten der Renaissance und der Moderne hingegen sind vom Sehen, vom Blick des Betrachters unabhängig. In beiden Fällen liegen ihnen die auf unterschiedlichen geometrischen Theorien beruhende Raumidee und Proportionslehre der jeweils zeitgenössischen Architekturtheorie zugrunde.

Gleichwohl spielt der Blick des Betrachters auch in diesen Gärten eine große Rolle. Eingedenk der Tatsache, dass die Idee des Blickpunktes immer auch auf die Idee des Subjektes verweist, reflektiert der „Blick“ den allgemeinen Status des Subjektes in der Welt seiner Epoche. Der Blickwechsel zeigt dann auch seine Statusveränderung. an.

Thema des Seminares ist die sozio-kulturelle Rekonstruktion der Bedeutung paradigmatischer Gärten der Renaissance, des Barock, der Aufklärung und der Moderne unter Einbeziehung des jeweiligen Blicks, das meint hier, unter Einbeziehung der Sehtheorien der jeweiligen Epoche. 

Da sich das optische Modell einer Epoche in den Gesetzen der ästhetischen Repräsentation des anschaulich gegebenen Raumes im Bild und in der Architektur reflektiert, ist der Gewinn, den der sehtheoretische Aspekt erbringt, unmittelbar einsichtig: Er erhellt, dass den Gärten bereits auf der ästhetischen Ebene ihrer räumlichen Organisation die Position des Subjektes in diesem Raum eingeschrieben ist, also vor aller konkreten und individuellen Deutung dieses allgemeinen Verhältnisses durch Programm, Ikonographie und Ikonologie.

Villa d´Este, Villa Lante, Vaux-le-Vicomte, Versailles, Ermenonville, Désert de Retz, Parc de la Villette.

Villa d´Este, Tivoli _ Plan

Quelle: Stich von Étienne Dupérac (1560–1575)

Villa d´Este, Tivoli

Quelle: Foto: Simon Lindenberg, 2014

Villa Lante, Bagnaia _ Plan

Quelle: Barth, Fritz: Die Villa Lante in Bagnaia, Stuttgart 2001

Villa Lante, Bagnaia

Quelle: Foto: Roberto Ferrari, 2007

Villa Lante, Bagnaia

Quelle: Foto: Simon Lindenberg, 2014

Vaux-le-Vicomte, Maincy _ Plan

Quelle: Brix, Michael: Der barocke Garten, Stuttgart 2004

Vaux-le-Vicomte, Maincy

Quelle: Brix, Michael: Der barocke Garten, Stuttgart 2004

Schloss Versailles _ Plan

Quelle: Lablaude, Pierre-André: The garden of Versailles, Paris 2005

Schloss Versailles

Quelle: Foto: Paolo Costa Baldi, 2011

Schloss Versailles

Quelle: Foto: Michael Kenna, 1996

Parc d´Ermenonville _ Tombeau de Jean-Jaques Rousseau

Quelle: Niedermeier, Michael: Die Gärten von Ermenonville, Berlin 2007

Désert de Retz, Chambourcy _ Plan

Quelle: Horst Bredekamp, Vicino Orsini und der heilige Wald von Bomarzo, Ein Fürst als Künstler und Anarchist, Worms 1985

Désert de Retz, Chambourcy _ La colonne détruite

Quelle: Foto: Michael Kenna, 1988

Parc de la Vilette, Paris _ Plan

Quelle: Bernard Tschumi, 1983

Parc de la Vilette, Paris

Quelle: Foto: Vincent Fillon