Theorien der Gestaltung

Michael Schultze (Lehrbeauftragter)

BA MODUL 10 - Praxis der Gestaltung - 2 LP ; BA Modul 14 - 3 LP

 


ANMELDUNG: über Moodle bis Dienstag, dem 19. April, 20.00 Uhr!

EINFÜHRUNG: Donnerstag, 21. April, 10.00 Uhr, R54

SEMINARZEITEN: Donnerstags, voraussichtlich 17.00 - 18.30 Uhr
 

*Teilnahme an den Salons (18.00 - 21.00) ist verpflichtend. 
*Theorien und Praxis der Gestaltung sollten zusammen belegt werden.

 

 

Die künstlerischen Avantgarden und die Ästhetisierung der Lebenswirklichkeit.

Kaum ein Begriff ist so verbraucht wie der cri de guerre der Moderne, der Ruf der Avantgarden nach dem Neuen.

Die historischen künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts propagierten und vollzogen eine radikale Zäsur mit der Geschichte. Weder vorher noch nachher wurden sämtliche Gewissheiten darüber was Kunst ist, war, oder sein könnte in kurzer Zeit so in Frage gestellt wie in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die historischen Avantgarden veränderten unser Verständnis über das Verhältnis von Ästhetik und Politik grundlegend und definieren damit immer noch, mehr oder weniger bewusst, unser Verständnis von Kunst und Lebenswirklichkeit. Dieser Big Bang der Avantgarde, der Gründungsurknall des Modernismus, evozierte – um einen physikalischen Vergleich zu bemühen – eine Art von kosmischer Hintergrundstrahlung, deren Effekte bis heute feinporig in den Feldern von Kunst und Politik zu finden ist. Wir leben nach der Postmoderne damit auch in einer Postavantgarde.

Speziell die Forderung der künstlerischen Avantgarden, allen voran der futuristischen und konstruktivistischen Bewegungen die Kunst ins Leben zu überführen scheint weiterhin von Bedeutung zu sein, denken wir an die aktivistischen Kunstformen unserer Tage. Die Dispositive des Neuen, welche in den Gründungsmanifesten der Avantgarden eine poetische Heimat gefunden hatten, spuken weiterhin wie Untote durch nahezu alle aktuellen Debatten künstlerischer wie politischer Natur.

So stellt sich die Frage ob das zentrale Begehren der Avantgarden, die Überführung der Kunst in (neue) Lebenspraxen, weiterhin eine erstrebenswerte Option ist, oder ob sich diese Utopie womöglich – über die „totale Ästhetisierung des Alltags“ (Peter Bürger (*)) in eine dystopische Karikatur derselben verwandelt hat.

Das Seminar wird sich mit Quellentexten der Avantgarden ebenso beschäftigen wie mit dem umfangreichen Apparat von Kommentaren bis in die jüngste Zeit. Wir wollen versuchen in dem experimentellen Format der Salongespräche die Zeitgenossenschaft einer avantgardistischen Praxis zu bestimmen. Dass diese „Rettung“ eine der Methoden ist, die von den Avantgarden selbst bekämpft wurde, ist eine der interessanten Widersprüche die das Denken über die Avantgarde begleitet.

 

Abbildung:

El Lisitzky, Titelblatt der Mappe Figurinen, die plastische Gestaltung der elektro-mechanischen Schau "Sieg über die Sonne", Lithographie, 1923