25 Jahre Deutsche Wiedervereinigung

Verteidigerin der Freiheit der Kunst: die Universität der Künste Berlin

Die Universität der Künste Berlin zählt zu den größten, vielseitigsten und traditionsreichsten künstlerischen Hochschulen der Welt. Ihr Lehrangebot umfasst das ganze Spektrum der Künste und der auf sie bezogenen Wissenschaften. Nicht erst seit dem Fall der Mauer verteidigt die UdK Berlin im Herzen Europas die Freiheit und den Eigenwert der Künste und deren Ausbildung.

„Während Berlin langsam zu der Erkenntnis gelangt, dass die kreative Dynamik der ersten Jahren nach dem Mauerfall nach 25 Jahren langsam nachlässt und dass steigende Mieten, komplexe Großprojekte und die deutschlandweite und internationale Konkurrenz um die besten Köpfe neue Ideen fordern, ist die UdK Berlin als hervorragend international vernetzte Institution besser aufgestellt denn je. Das Herzstück der UdK Berlin ist seit jeher die künstlerische Ausbildung. Exzellent besetzte Professuren in allen Fakultäten sowie die stete Weiterentwicklung von Lehrkonzepten tragen dazu bei, das hohe Niveau der künstlerischen und künstlerisch-wissenschaftlichen Ausbildung in Berlin zu sichern und kontinuierlich zu verbessern.

Berlin ist attraktiv, und es ließen sich zahllose Gründe aufführen, die dies zugleich erklären und belegen: Zahlen zur Internationalität, Daten zu Kulturinstitutionen, qualitative und quantitative Untersuchungen zu Besucherinnen und Besuchern, die schiere Zahl der Neuberlinerinnen und -berliner. Für mich wird in Berlin jedoch ein Aspekt deutlicher als anderswo auf der Welt, welcher großes Potenzial bietet: das Nebeneinander von permanentem Wandel und kurzfristigen Impulsen auf der einen und Tradition auf der anderen Seite.

Beides gilt auch für die Universität der Künste Berlin. Fast alle Studiengänge der UdK Berlin stehen in einer Jahrhunderte alten Tradition. 1975 zusammengeführt in die Hochschule der Künste Berlin, haben sie sich von einzelnen Akademien weiterentwickelt und in den letzten 25 Jahren als künstlerisch und thematisch vernetzte Fakultäten etabliert. Der jährliche Wechsel  eines Großteils ihrer Mitglieder und ihre Entwicklung von Bewerberinnen und Bewerbern zu Studierenden, Absolventinnen und Absolventen steht im spannungsvollen Kontrast zu den zu verteidigenden tradierten Lehrformaten, die nach wie vor den heute immer wichtiger werdenden Freiraum zur kreativen Entfaltung der Künstlerpersönlichkeit garantieren. In allen Epochen war nicht nur die Hochschule selbst, sondern immer auch ihre Lage im Herzen Berlins wesentlicher Faktor für ihre Attraktivität. Die UdK Berlin kann ohne Berlin nicht gedacht werden – und es ist meine Überzeugung, dass sich eine Institution wie die UdK Berlin nicht ohne Grund gerade in Berlin findet. So ist das Schicksal der Hochschule, ihre Entwicklung und ihr Selbstverständnis enger mit Berlin verknüpft als das so manch anderer Einrichtung.

Nach 25 Jahren auch einmal ankommen zu wollen, ist ein berechtigter Wunsch. Und es muss – und darf mit Recht - die Frage gestellt werden, ob die Beschwörung des Wandels und das kreative Unfertigsein nicht vielerorts in Berlin längst zu Phrasen und Phantasielosigkeit verkommen sind, die ihren Ausdruck in einer ratlosen Hinnahme aufscheinender Schwierigkeiten finden. Permanente Aufbruchstimmung und Wandel als bloßes Prinzip sind 25 Jahre nach dem Mauerfall ebenso kritisch zu betrachten wie der unreflektierte Ruf nach Beständigkeit und Festhalten an alten Mustern, die zwar für den Moment bequem und einladend wirken mögen, in wenigen Jahren jedoch schon nicht mehr tragen können.

Ich mache mir jedoch keine Sorgen um die deutsche Hauptstadt. Und auch nicht um die Institution, die ich in ihr vertrete. An kaum einem anderen Ort der Welt, ist die Idee der Freiheit so sinnfällig zu erleben wie hier.

Viele tausend Studierende, die am Campus Charlottenburg an UdK Berlin und Technischer Universität studieren, überqueren täglich den Ernst-Reuter-Platz, in dessen unmittelbarer Umgebung sich viele wesentliche Gebäude beider Universitäten finden. Wenn die Studierenden und ihre Lehrenden den Blick über den Platz schweifen lassen, lesen sie jeden Tag die folgenden Worte des für Berlin so wichtigen Namensgebers:  „Friede kann nur in Freiheit bestehen.“ Nicht zuletzt auch dieser Erkenntnis fühlt sich die UdK Berlin verpflichtet, wenn sie die Freiheit verteidigt. Die Freiheit der Kunst. Die Freiheit des Künstlers. Die Freiheit selbst.

Bereits vor drei Jahren konnte die UdK Berlin mit Hilfe der Einstein Stiftung Berlin – einer weiteren Institutionen, für die man Berlin nur beglückwünschen kann – den chinesischen Künstler Ai Weiwei auf eine Gastprofessur berufen. In einem kürzlich stattgefundenen Gedankenaustausch bedauerte Ai Weiwei vor allem die jungen Menschen in seinem Land, welchen die chinesische Regierung jede Chance auf eine freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit nähme, und warnte vor den beängstigenden Konsequenzen, die er für die chinesische Gesellschaft fürchtet. Oft wird uns unsere – scheinbar zur Selbstverständlichkeit gewordene – Freiheit nur im Spiegel der Unfreiheit anderer bewusst. 

Freiheit und Unsicherheit – mit beiden möge man sich befreunden, fordert Joseph Beuys. Vorsicht ist jedoch auch hier angebracht: ich beobachte, wie die Unsicherheit, die wir vielen unserer jungen Menschen heute mehr denn je zumuten, leichthin umgedeutet und als Freiheit getarnt wird. Es wird eben viel über Freiheit gesprochen – und doch ist nur schwer zu verstehen, welchen unermesslichen Wert sie darstellt, wenn sie erst einmal alltäglich, verantwortungsvoll in einer emanzipierten Gesellschaft errungen worden ist. Sie zu erkennen und verstehen ist schwer, doch ihre Einschränkung zu erkennen ist nicht weniger schwer. Dort wo Bildung und Erkenntnisgewinn, Lehre und Forschung, Kunst und Wissenschaft mehr und mehr einer Eigenlogik der Konkurrenz und einem ökonomiezentrierten Weltbild unterworfen werden, müssen wir besonders wachsam sein.

Berlin kann auch 25 Jahre nach dem Mauerfall sicher sein, dass aus der Universität der Künste weiterhin große künstlerische und wissenschaftliche Leistungen, kreative Impulse, nachdenkliche Positionen und wesentliche Diskurse in die Gesellschaft und die öffentliche Diskussion hineinwirken werden. Die UdK Berlin als Verteidigerin der künstlerischen
Freiheit – darauf werden sich die Berlinerinnen und Berliner auch in den nächsten 25 Jahren und weit darüber hinaus verlassen können.“

 

Prof. Martin Rennert, Präsident der Universität der Künste Berlin
Im Themenheft der Berliner Wirtschaftsgespräche e.V. „Das neue Berlin – 25 Jahre nach dem Fall der Mauer“
9.11.2014