30 Jahre Erasmus+

30 Jahre Erasmus+

Anlässlich des Jubiläums führte Lutz Cleeves für die Dezemberausgabe 2017 des DAADeuroletter nachstehendes Interview mit Prof. Martin Rennert.

DAADeuroletter:Sehr geehrter Herr Professor Rennert, die Berliner Universität der Künste ist in besonderem Maße im Fokus internationaler Studierender. Wie hoch beziffern Sie deren aktuellen Anteil?

MARTIN RENNERT: Ungefähr 33 Prozent unserer Studierenden sind aus anderen Ländern, insgesamt aus etwa 80 Nationen. Allein rund 600 Studierende kommen aus 27 der 28 Mitgliedsstaaten der EU.

DAADeuroletter: Das ist ein beeindruckender Prozentsatz. Kommen diese angehenden Künstlerinnen und Künstler, um das Lehrangebot oder mehr um den „Spirit“ Ihrer Hochschule für sich zu erschließen?

MARTIN RENNERT: Verschiedene Gründe kommen hier zusammen. Berlin ist einmal eine hochattraktive Stadt. Aber ohne eine gute Hochschule wäre das nicht genug. Künstlerinnen und Künstler sind außerordentlich wählerisch, was ihren Studienort betrifft. Ein wichtiger Faktor ist, dass es bei uns eine intensive Bewerbungssituation für Professuren gibt und es unsere Politik ist, auf diesem Weg auch die wichtigsten Positionen in die Hochschule zu bringen. Und Sie haben Recht, die Universität hat einen Spirit. Alle Künste in einer Hochschule vereint zu haben, ist ja sehr ungewöhnlich. Die Universität der Künste Berlin ist in ihrer Art die weitaus größte in Europa.

DAADeuroletter: Das Erasmus+ Programm fördert diesen Austausch von Studierenden. Worin liegt nach Ihrer Auffassung dabei der Mehrwert des Programms insbesondere für die deutschen Hochschulen?

MARTIN RENNERT: Es ist grundsätzlich wichtig, dass man interkulturelle Erfahrungen sammelt, und durch Erasmus lernt man zu verstehen, in welchem Kontext in den einzelnen Ländern und Regionen gelehrt wird. Bei uns geschieht dies in anderer Form als in den meisten anderen Ländern. Wir haben ein modernes, sehr zugewandtes System in der Universität und verfolgen gleichzeitig ein Akademieprinzip, das aus dem 18. Jahrhundert stammt und das woanders zunehmend verloren gegangen ist. Andere Länder haben den Versuch unternommen, auch künstlerische Studiengänge zu modularisieren, da sticht dann – auch aufgrund des Gewichtes der UdK Berlin – hervor, dass wir das nicht gemacht haben. In den Künsten ist eine Modularisierung geradezu absurd! Auch das macht uns sehr attraktiv. Wenn unsere Leute rausgehen, ist es für sie sehr lehrreich zu erfahren, wie es ist, wenn man künstlerische Studiengänge vergleichbar machen will. Man kann damit die Kunst nicht fördern und wird den zukünftigen Künstlerinnen und Künstlern nicht gerecht. Allein diese Erfahrungen machen zu können, wird durch ein Austauschprogramm wie Erasmus möglich, und das ist von entscheidender Bedeutung.

DAADeuroletter: Wenn Sie rückblickend auf das Jubiläumsjahr von Erasmus+ schauen, was war für Sie an der UdK Berlin das herausragende Ereignis?

MARTIN RENNERT: Wir nehmen Erasmus immer sehr stark in Anspruch. Das haben wir auch im Jubiläumsjahr so gehalten und erlebt, wie wichtig der Austausch mit unseren etwa 170 internationalen Partnerhochschulen ist. Die sind weltweit verteilt und zumeist völlig anders aufgestellt als wir. Wir haben – bereits zum sechzehnten Mal – auch in diesem Jahr wieder ein Konzert für die Nationen veranstaltet. Das ist hier in der Bundeshauptstadt ein inzwischen eingeführtes Format, zu dem die Botschafterinnen und Botschafter aller Länder eingeladen werden. Es ist ein wichtiger – auch politischer – Treffpunkt geworden, der Gespräche ermöglicht, die sonst so kaum stattfinden könnten.

DAADeuroletter: Welche Erwartungen haben Sie an die zukünftige Ausgestaltung des Programms im Hinblick auch auf das Projekt Europa?

MARTIN RENNERT: Das lässt sich nur losgelöst von Kunst oder Wissenschaft betrachten. Es ist notwendig, den Zugang noch weiter zu erleichtern und alle Studierenden stärker zu motivieren, einmal im Ausland zu studieren. Ich glaube auch, es wäre nicht verkehrt, ein intensives Studium generale einzuführen. Damit ließen sich den Studierenden demokratiepolitische, kommunikationspolitische und andere Aspekte der Zivilisation näherbringen. Ich bin der Meinung, wir sollten nicht dem Goldenen Kalb nachlaufen und davon ausgehen, dass Begegnung per se schon ein Vorteil ist. Vielmehr sollten wir sagen: „Leute, ihr seid die Generation, die in den der Zukunft das ausbaden muss, was in der Gegenwart geschieht. Also, beteiligt euch, mischt euch ein, betrachtet die Gegenwart mit wachen Augen, die Rolle der verschiedenen Staaten in Europa und nicht nur euer Studienfach“. Erasmus ist ein wunderbares Programm, allerdings bedeutet es nicht, dass die Menschen damit automatisch zu Hoffnungsträgern werden. Man muss nur Großbritannien betrachten. Wenn sich dort die junge Generation in erheblichem Maße am Brexit-Votum beteiligt hätte, wäre die Lage jetzt unter Umständen eine vollständig andere. Das zeigt, wie wichtig es ist, den Menschen mehr mitzugeben, als nur ihr Studienfach.

DAADeuroletter: Der Brexit gibt das Stichwort für den Stellenwert von Sprache, insbesondere Englisch, bei einem Austauschprogramm. Kunst ist eine universelle Sprache. Macht dies das Studium in besonderem Maß für die Internationalisierung geeignet?

MARTIN RENNERT: Tatsächlich ist Kunst in einigen Bereichen weniger sprachbasiert, wie in den Bildenden Künsten, im Tanz oder in der Musik. Aber wir haben insgesamt einen höheren Anspruch. Wir bestehen an der Universität der Künste Berlin darauf, dass zum Beispiel eine koreanische Sängerin oder ein spanischer Maler in der Lage sein muss, sich mit Theorie und mit Kulturwissenschaften zu befassen, und das vermitteln wir aus Überzeugung nicht auf Englisch. Wenn Unterschiedlichkeiten in der Welt aus unterschiedlichen Gründen immer mehr in den Vordergrund treten, dann geht es auch darum, eine Sprache zu erlernen, um eine Kultur verstehen zu können. Es muss nicht am Ende ein spanischer Tenor Goethe perfekt auf Deutsch vortragen können; er sollte aber die Sprache so beherrschen, dass er ein Gefühl dafür bekommt, in welcher Form Sprache benutzt werden kann. Als Künstler kann ich Ihnen sagen, dass diese Nuancen und Unterschiedlichkeiten groß sind, dass ein wesentlicher Teil des kulturellen Verständnisses auch auf den Sprachen beruht. Insofern, Englisch ist wichtig, auch wenn Großbritannien bald nicht mehr in der EU sein wird. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Leute in den Sprachen des Landes, in denen sie studieren, sprechen können.

DAADeuroletter: Sie selbst haben in Wien, Graz und Granada studiert. Trägt Internationalisierung zur künstlerischen Entwicklung bei?

MARTIN RENNERT: Natürlich!

DAADeuroletter: Lässt sich das erfahrbar machen?

MARTIN RENNERT: Ich bin Musiker und in meinem Fach ist es gewiss so, dass man dadurch ganz andere Arten von Idiomen kennenlernt. Man muss in eine Kultur einsteigen, um zu verstehen, in welchem Zusammenhang Kunst produziert wurde. Aber das gibt es auch in anderen Fächern. Bei uns gehört ja zum Beispiel auch Architektur zu den Künsten. Und das bedeutet, dass wir uns in verschiedenen Formen auskennen müssen, die auch kulturhistorisch in speziellen Gegenden wichtig sind. Internationalisierung lässt sich zum Beispiel in den Bildenden Künsten dadurch erfahrbar machen, dass man versteht, wie Gauguin sein Licht gewählt hat. Das kann man erst verstehen, wenn man auf Tahiti oder in der Camargue war, denn dort gibt es ein anderes Licht als in Berlin. Es gibt viele Aspekte, die anders nicht verständlich werden können als vor Ort.

DAADeuroletter: Können junge Künstlerinnen und Künstler durch die Erasmus+ Förderung zu einem Motor für den europäischen Zusammenhalt, vielleicht sogar zu einem international wirksamen Faktor werden?

MARTIN RENNERT: Ich hoffe es! Erasmus+ ist ein Programm, das weiterhin ein großartiges Instrument des Zusammenhaltes sein kann. Ich stelle allerdings in den Raum, dass wir nur wenige Menschen erreichen, verglichen mit den großen Zahlen von Menschen, die es gibt. Das bedeutet, wir müssen möglicherweise die guten Programme weiter ausbauen und zusehen, dass die Europäische Kommission noch bessersieht, dass dies für uns alle von entscheidender Zukunftsbedeutung ist.

DAADeuroletter: Herr Professor Rennert, wir danken Ihnen für dieses Interview.