Brief des Präsidenten zum Wintersemester 2015/16

An alle Mitglieder der Universität der Künste Berlin

 

Liebe Studentinnen und Studenten,
liebe Lehrende, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

ich begrüße Sie alle herzlich zum Wintersemester und hoffe, dass Sie alle einen erholsamen Sommer verbracht haben. Rechtzeitig zu Beginn des Semesters will ich Sie aber auch von einigen Entwicklungen während dieses Sommers in Kenntnis setzen und so kurz wie möglich wichtige Themen erwähnen, die in der Universität der Künste bearbeitet werden.

Über die Freilassung Ai Weiweis Ende Juli und seine fast sofortige Ausreise nach Berlin wissen Sie alle Bescheid. Einer seiner ersten Wege führte zu uns: schon Mitte August führte ich das erste von nun mehreren Gesprächen mit ihm, in welchem er seinen dringenden Wunsch äußerte, möglichst sofort seine von der Einstein Stiftung Berlin (ESB) gestiftete Gastprofessur an der UdK anzutreten. Dies haben wir in einem gemeinsamen Kraftakt von ESB, Fakultät Bildende Kunst und Fakultät Gestaltung, Graduiertenschule, vor allem aber den entsprechenden Verwaltungen ermöglicht: in wenigen Tagen wird er Aufnahmegespräche für seine Klasse führen, und am 1. November, um 17 Uhr im Konzertsaal Hardenbergstraße findet mit ihm eine Veranstaltung unter dem Titel „KUNST (lehren)“ statt, zu welcher Sie in diesen Tagen mit separater Post eingeladen werden.

Diesen Brief schreibe ich, nachdem ich vor wenigen Stunden Ai in seinem Studio in Peking besucht habe. Auch in diesem langen Gespräch betonte er mehrfach, wie sehr er sich auf seine Arbeit mit Studentinnen und Studenten an der UdK freut. Wie Sie wissen, haben wir Ai bereits vor seiner Verhaftung wegen einer Gastprofessur kontaktiert, diese mit Hilfe der ESB und dem Land Berlin allerdings nach seiner Verhaftung in nur zwei Tagen realisiert. Dass wir – für uns selbstverständlich, für ihn jedoch nicht – dieses Angebot dann vier Jahre aufrecht hielten und andauernd in Kontakt blieben, hat Ai Weiwei nach seiner Aussage gefreut und beeindruckt; jetzt, nachdem seine Situation so viel besser geworden ist, fühlt er sich der UdK bereits zu Beginn verbunden.

Kurz nach Ende des letzten Semesters nahm allerdings auch eine andere Entwicklung ihren Lauf, die uns alle stark bewegte und jetzt und in Zukunft zu großen Herausforderungen führt. Unvorstellbaren Bedrohungen durch Krieg und Terror entflohen, erreichen immer mehr Menschen Europa. Deutschland und Berlin nehmen viele Menschen auf und stehen vor einer langjährigen Aufgabe – zunächst der Erstaufnahme, dann aber der Integration dieser Menschen.

Diese Aufgabe ist sowohl eine gemeinsame als auch eine gewaltige, und wie ich weiß, sind viele von Ihnen auf unterschiedliche Weise privat engagiert. Aus meiner Sicht haben aber auch Institutionen, Kultureinrichtungen, darunter speziell Universitäten, die Aufgabe, ihren Teil im Sinne guter Aufnahme und Integration beizutragen.

Seit Anfang August habe ich eine große Zahl von Gesprächen geführt, deren Tenor stets ein positiver war. Ich habe Studierendenvertreter und -vertreterinnen aus unterschiedlichen Fakultäten und Gremien eingeladen, mit einzelnen Fakultäten bzw. manchen Mitgliedern und Vertretern von Studiengängen gesprochen, mit vielen Personen aus der Verwaltung etc. Natürlich werde ich hier nicht alle nennen und alles aufzählen können, was besprochen wurde, einzelne Schlussfolgerungen stelle ich aber weiter unten dar.

Desgleichen war ich früh im Gespräch mit dem Staatssekretär für Wissenschaft, Steffen Krach, dem Intendanten der Berliner Festspiele, Dr. Thomas Oberender, in dessen Gesprächskreis die Vizepräsidentin Prof. Dr. Hentschel nun eingebunden ist, mit dem Intendanten der Deutschen Oper, Schulen und Kirchengemeinden, Partnern im Campus Charlottenburg, dem Bezirksbürgermeister Naumann, etc. etc. Aus diesen Gesprächen haben sich z. T. weitere Handlungsoptionen ergeben, die wir noch im Einzelnen prüfen müssen.

Schon im August habe ich im Vorstand der LKRP (Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten) ein Papier mit entworfen, welches einige Tage später von der LKRP selbst verabschiedet wurde (s. Anlage I). Einzelne Hochschulen haben auch spontan Aktivitäten entwickelt, welche teils fortgeführt werden, teils aber auch wieder – mangels realistischer Umsetzungsmöglichkeiten oder auch Nachfrage – wieder eingestellt worden sind. Von uns vorgeschlagen und sofort durchführbar und publiziert sind zunächst Beratungsangebote und der Hinweis auf die entsprechenden Personen in den Universitäten (hier hat die UdK das Akademische Auslandsamt als erste Anlaufstelle benannt) sowie eine Stärkung des Studienkollegs und der Erlass von Gebühren für Gasthörer/innen, deren Status die Aufnahme eines regulären Studiums noch nicht zulässt. Für andere Universitäten von größerer Wichtigkeit ist die Anerkennung – oft fehlender – Qualifikationsnachweise; bei uns ist natürlich kein Abgehen von persönlicher Feststellung der (oft nicht papiergebundenen) Qualifikation möglich und beabsichtigt – eine uns bekannte, für alle geltende Hürde, die an dieser Stelle aber auch eine völlig andere, gleichberechtigte Zugangsmöglichkeit zu künstlerischen und gestalterischen Studiengängen darstellt.

An dieser Stelle ist wichtig zu erwähnen, dass der Senat von Berlin, für uns speziell Wissenschaftssenatorin Scheeres, Möglichkeiten der Förderung entsprechender Projekte geschaffen hat bzw. zu schaffen plant. Schon im vergangenen Januar wurde überdies auf Bundesebene eine Regelung in Kraft gesetzt, derzufolge eine BAFöG-Antragsberechtigung deutlich früher besteht als dies bis Ende 2014 der Fall war; überlegt wird, die nun geltende früheste Frist für einen BAFöG-Antrag von 15 Monaten nach Anerkennung des Asyls weiter zu verkürzen. Der Berliner Innensenator Frank Henkel hat vor wenigen Wochen  außerdem bekanntgegeben, dass der Stempel „Dieses Papier berechtigt nicht zur Aufnahme eines Studiums“, welcher sich auf Asyl-Anerkennungsdokumenten fand, nicht mehr zum Einsatz kommt und seine Wirkung auf schon ausgestellten Papieren verloren hat; ein Studium also mit allen Rechten und Pflichten grundsätzlich erheblich früher als bislang möglich sein könnte.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die uns sehr direkt betreffenden Schicksale und die bewegten letzten Wochen führen gelegentlich auch zu einer verkürzten Sicht auf eine sehr komplexe Realität. Hier gäbe es viele Beispiele, darunter, dass manche zunächst dazu verleitet waren, die nach Europa flüchtenden Menschen als eine homogene Gruppe zu sehen, welcher – jenseits humanitärer Hilfe – mit umfassenden Globalmaßnahmen wirksam geholfen werden kann. Dem ist nicht so. Aus allen möglichen Ländern, aus verschiedensten Landesteilen, Dörfern, kleinen und großen Städten, mit unterschiedlichstem (auch Bildungs-) Hintergrund kommen Menschen zu uns. Es kommen Alte und Junge, Frauen und Männer: erwähnt sei, dass gerade hinsichtlich der Vermittlung uns selbstverständlicher Grundsätze wie etwa der absoluten Gleichberechtigung der Geschlechter der Gesellschaft eine große Herausforderung bevorsteht.

Gleichzeitig aber darf man seine eigene Kraft, die Möglichkeiten eigener Wirksamkeit nicht überschätzen. Nichts darf unserer Zufriedenheit dienen, jeder Plan muss auf Nachhaltigkeit im Falle des Erfolgs geprüft werden, denn nicht gut wäre es, wenn ein guter, bereits in die Tat umgesetzter Plan an der Erschöpfung oder den fehlenden Ressourcen der anfangs hochmotivierten institutionellen Proponenten scheiterte.

Im Lichte dieser Umstände und neben weiteren in verschiedenen Gruppen besprochenen Ideen reifte im Gespräch mit den oben erwähnten vielen Personen früh eine durchaus herausfordernde Idee, der in der UdK einige Kommilitoninnen und Kommilitonen aus allen Gruppen nähertreten wollen und für dessen Realisierung in Gesprächen bereits konkrete Skizzen entstehen.

Wir alle haben in den vergangenen drei Jahren die schwierigen Diskussionen zum neuen Lehrkräftebildungsgesetz miterlebt, in welchen bis zur oft frustrierten Erschöpfung um die Bedeutung der Musik und der Bildenden Kunst in den schulischen Curricula sowie die Ausbildungsformate angehender Lehrerinnen und Lehrer gerungen wurde. Einigen Erfolgen unserer Argumentation standen deutliche, für uns nicht leicht erträgliche Eingriffe in unsere Studiengänge gegenüber; aus unserer Sicht sind sie geschwächt. In dem langen Prozess wurde aber wiederum deutlich, dass unsere Meinung unverändert die ist, dass Kunst und Musik für die Entwicklung von Menschen konstitutiv sind, unter anderem deswegen, weil diese Fächer die Möglichkeit von gleichberechtigtem Austausch, von Kontaktaufnahme und Persönlichkeitsbildung jenseits enger Sichten auf gemeinhin als „nützlicher“ betrachteter Fächer eröffnen, und es selbstverständliche Aufgabe einer verantwortlichen Universität der Künste ist, sich für diese Überzeugung zu engagieren. Um auch in Zukunft diese Fächer zu entwickeln und verteidigen, haben wir vor kurzem auch das Zentrum für Künstlerische Lehrkräftebildung (zfkl) gegründet.

Wenn wir unsere Möglichkeiten in der gegenwärtigen Lage aus dieser Perspektive betrachten, ändern sich auch andere Blickwinkel und gerät ein Teil jener, die zu uns flüchten, in eine andere Wahrnehmung: wir erkennen, dass es unter ihnen durchaus eine homogene Gruppe gibt, und zwar die der Kinder. Ankommen und sprachlos sein, oft mit unerträglichen Erinnerungen, Erfahrungen von Verlust, Angst, Machtlosigkeit der eigentlich beschützenden Eltern, finstere Erlebnisse auf dem Weg: wir können wenig lindern, glauben wir aber an unsere Aussagen der letzten Jahre – und das tun wir leidenschaftlich – , müssen wir als einzige in diesen Fächern lehrkräftebildende Universität dieser Region auch in diesen Tagen unserer Überzeugung zumindest zu folgen versuchen, einer Überzeugung, der man zudem nicht nur sprachbasiert folgen kann.

Eine Arbeitsgruppe mit den beiden Leitern der entsprechenden Studiengänge in der Musik, darunter Dr. Ickstadt, der bis Mai amtierende Vizepräsident für Lehrkräftebildung Prof. Granas und die stellvertretende Vorsitzende des zfkl und Beauftragte des Präsidenten für Lehrkräftebildung, Prof. Dr. Fontaine ist auf der einen Seite aktiv, auf der Seite der Bildenden Kunst entwickelt die Vorsitzende des zfkl Prof. Dr. Winderlich mit der Grundschule der Künste Angebote, ein Gespräch, das ich Ende September mit Kolleginnen und Kollegen aus der Lehre und den Werkstätten geführt habe, hat auch zu einem Termin zu diesem Thema am 7. Oktober geführt, zu dem Kilian Seyfried koordinierend eingeladen hat. Schon im August hat auch die Erste Vizepräsidentin Prof. Dr. Hentschel im Darstellenden Spiel die Öffnung einiger Projekte in Angriff genommen, und das Studium Generale hat sein Mitwirken an allen zentralen Plänen sofort angeboten. In einigen Tagen findet auf Einladung des AStA ebenfalls ein Treffen zu diesen Fragestellungen statt, auf dessen Ergebnisse ich gespannt bin.

Im weitesten Sinne wird es in diesen Gruppen darum gehen können, Kindern bis zu einem bestimmten Alter die Möglichkeit zu geben, in einer gewissen Regelmäßigkeit ein künstlerisches, freies Angebot nicht nur oder vornehmlich edukativer Art in unseren Räumen wahrzunehmen, wobei zentral für jedes Projekt mehrere Faktoren sein werden, darunter

die Realitätsnähe des Konzeptes, welches auf längere Zeit räumlich, zeitlich aber auch mental leistbar sein muss;

die verlässliche Übernahme einer betreuenden Verantwortung durch eine Gruppe von Personen;

die Unterstützung aus allen betroffenen Teilen der Hochschule;

die kluge Kooperation mit an anderen Stellen bestehenden Angeboten, etwa in Schulen;

die Integration von Studierenden möglichst in jedes Projekt – unter Anerkennung der Tatsache, dass viele von ihnen in ihrer freien Zeit arbeiten müssen; um Kontinuität zu erreichen also möglicherweise Studentische Hilfskraftstunden in einem gewissen Umfang zentral zur Verfügung gestellt werden müssen;

die Identifikation und Integration unserer bereits bestehenden, aufgebauten Kompetenz, etwa im Studium Generale und an anderen Stellen.

Ungelöst sind noch viele Fragen, darunter jene, wie man das Angebot an die möglicherweise interessierten Kinder herantragen kann, wie man den Eltern die Sorgen der Betreuung nimmt etc. Darüber wird momentan viel nachgedacht, und jedes Mitdenken ist willkommen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende, es ist meine feste Überzeugung, dass man jenem, was für uns in der Universität der Künste Berlin grundlegend ist und uns mithin verbindet – Gleichberechtigung, Toleranz, Freiheit der Rede und der Kunst, der Respekt vor Überzeugungen und Religionen auf der Basis unveräußerlicher humanitärer Werte, etc. – nur mit einem sehr klaren Blick, aber auch nur aus einem frohen, zugewandten und optimistischen Gesicht zur Geltung verhilft. Es ist, so meine ich, unsere Pflicht, uns in der Stärkung dieser Werte so gut es geht zu engagieren: Aus welchen menschengemachten Katastrophen oder Wirren auch immer kommend, haben gegenwärtig Viele sehr viel auf sich genommen, um die Möglichkeit zu haben, einen auch hier nicht in allen Zeiten selbstverständlichen Zustand des Respekts und der Sicherheit für sich und ihre Kinder zu erleben. Vielleicht ist es möglich, ein wenig hierzu beizutragen.

Mir steht hier keinesfalls zu, vielen von Ihnen für die vielen Stunden Ihrer ehrenamtlichen Arbeit in den letzten Monaten zu danken; zu dieser kann ich Sie und uns nur beglückwünschen. Innerhalb der UdK allerdings möchte ich all jenen danken, die sich bereits jetzt oder in naher Zukunft in unseren Projekten engagieren und biete auch im Namen von Vizepräsidentin Prof. Dr. Hentschel selbstverständlich an, für an Mitarbeit interessierte Studierende, Lehrende und Verwaltende eine Anlaufstelle zu sein.

 

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Martin Rennert