Der Präsident zur künstlerischen Ausbildung

Innenaufnahme Atelier mit Studierenden
Quelle: Johannes Bock

Einfachheit ist kein Wert

Welches Ziel hat die künstlerische Ausbildung? Jedenfalls nicht Einheitlichkeit – denn in der Kunst entsteht Erkenntnis durch Vielfalt plus Reibung

Es gibt manchmal sehr privilegierte und sammelwütige Laien. Das größte und bemerkenswerteste Monument, das sich Menschen dieser Art je schufen, steht in London:
das Victoria und Albert Museum zeugt in sowohl immensem als auch immens zufälligem Umfang, in völlig eklektischer Art, nicht nur vom Ausmaß des Britischen Imperiums und den unendlichen logistischen Möglichkeiten seiner Herrscher, sondern in zutiefst beeindruckender Weise von einem gleichfalls immensen, oft auch anrührenden Wissenshunger.

So groß und zufällig die V&A Sammlung ist, so überwältigend ist auch ihre Darbietung. Wenn man nur zwei Schritte von einem originalgroßen Abguß der Doppeltür des Baptisteriums des Doms von Florenz und einem hunderte Jahre älteren Originalportal eines kambodschanischen Königspalastes gehen muß, nur wenige Meter zwischen einer prunkvollen Sänfte und einer Taxi – Rikscha, die erste aus China, 14. Jh., die zweite aus Ägypten um 1900, befindet man sich nicht nur auf einer Zeit- und Weltreise. Zwischen Kaffeeautomaten aus dem Wien des 19. Jahrhunderts und daneben stehenden, ausgestopften Vögeln aus dem Amazonas, einem Bachmanuskript neben einer indischen Taschenuhr, nehmen Gedanken einen eigenen Pfad, auf welchem es um Wahrnehmung, um die Aussagekraft von Kunstfertigkeit ohne Kontext, um die kaum noch vorstellbare Unbefangenheit einer kolonialen und hierarchischen Weltsicht, um für den normalen Menschen fast unüberwindliche Distanzen räumlicher und zeitlicher Art, vor allem aber um eine zutiefst ungleichzeitige Welt geht.

In unserer Gegenwart lebt man in enger Juxtaposition; man ist in wenigen Stunden fast allen Kulturen und Zeiten auf der realen oder virtuellen Spur. Heute bezieht sich ein chinesisches Kunstwerk vielleicht auf eines in Berlin – und dieses wiederum auf die Selbstverständlichkeit dieses alltäglich gewordenen weltweiten Bezugs. Gleichzeitigkeit und Bezüglichkeit werden so konstitutiv für unsere tägliche, stündliche Wahrnehmung; die globalen Vernetzungen und Mobilitäten lassen die Vorstellung einer regionalen oder nationalen zeitgenössischen Kunst vollkommen antiquiert erscheinen. Joseph Haydn abgeschottet in Eisenstadt, Immanuel Kant alleine in Königsberg, Gauguin auf Tahiti, alle einsam beschäftigt mit dem Prägen einer Gedankenwelt? Fast unvorstellbar.

Folgerichtig ist etwa der deutsche Pavillon auf der Biennale in Venedig nicht alleine der Kunst aus Deutschland gewidmet. Und dann ist er auch nicht der deutsche, sondern wurde mit dem französischen vertauscht, wo ebenfalls nicht vor allem französische Kunst gezeigt wird. Wenn Kunst der Welt gilt, lässt sie sich eben nur schwerlich national sortieren. Und wenn schon seit jeher in Gemäldegalerien Werke unterschiedlichster Provenienz nebeneinander hängen können und Konzertprogramme Mendelssohn zu Vivaldi, Pergolesi zu Gershwin mit Gewinn in Beziehung setzten, ist der lange Weg, der zu diesem venezianischen Sommer führte, für manche vielleicht verwirrend, dennoch aber insofern der richtige, als er die Realität unseres täglichen Erlebens spiegelt.

Nicht richtig allerdings ist die Missachtung der Grundlagen dieser Vielfalt. Während man sich beim Sehen und Hören nicht von Grenzen aufhalten lassen darf, sollte man sich dessen bewusst sein, dass die Art zu sehen, hören und verstehen sehr unterschiedlich sein kann und wir deswegen die Artenvielfalt in der Ausbildung, begründet in nationalen Traditionen und regionalen Herangehensweisen, schützen und bewahren müssen. Sie steht für Reichtum und ist eben nicht Ausweis von Borniertheit. Allen Menschen der Welt steht die UdK offen, aus allen Ländern kommen ihre Lehrenden und Studierenden. Das ist ein Glück. Sind sie aber hier angekommen, ist die Art der Unterweisung und der spezifischen Form der Auseinandersetzung mit den Künsten, auch die Struktur der Universität selbst, Teil unserer zentralen Botschaften und Inhalte. Als solche werden sie auch verstanden und anerkennend oder kritisch verinnerlicht.

Zunächst verändert allein das Wissen von der Anwesenheit aller Künste jede Eigenwahrnehmung. Vor allem aber wird im Vergleich der grundsätzlichen
Methoden – bei aller Unterschiedlichkeit der Lehrenden und Disziplinen und bei aller Dynamik der Entwicklung – eine Tradition deutlich, die einer Überzeugung entspricht und es an anderen Orten der Welt nur anders geben kann.

So trägt die Ausbildung in Dirigieren Züge eines jahrelangen Kolloquiums, jene in Bildender Kunst ist geprägt von offenem Raum und an Symposien und Town Hall Treffen erinnernde Elemente. So unterscheiden sich in der Schauspielausbildung schon im deutschen Sprachraum die Herangehensweisen grundsätzlich und finden sich in allen Fakultäten sowohl die Fundamentierung auf praxisbezogene und zeitgenössische Theorie als auch wesentliche Elemente eines jahrhundertealten Meisterklassenprinzips; so erklärt sich unsere Überzeugung in Sachen Lehrerbildung, mit welcher sich zu beschäftigen allen künstlerischen Institutionen schon wegen der mit ihr einhergehenden Momenten der Selbsterkenntnis gut zu Gesicht stünde und wo wir im Gegensatz zu anderen leidenschaftlich an die essentielle Vermittlung unverfälschter Erfahrung in der eigenen Disziplin glauben.

Dies ist nicht überall ganz anders, es gibt einige großartige Hochschulen auf der Welt. Doch an allzu vielen Orten wurden gerade in den letzten Jahrzehnten zentrale Aspekte hinsichtlich der freien und dennoch präzise und persönlich begleiteten Entwicklung im künstlerischen Studium aufgegeben. Wissensmodule in eng strukturierten und verschulten, fast austauschbaren und zumeist immens teuren Studiengängen, an das V&A Museum erinnernde erlebnisorientierte Zufälligkeiten in oft beliebigen Formaten und Ideen prägen heute weit überwiegend das Bild einer Ausbildung, die von der schillernden Vielfalt der Seh-, Hör-, Bewegungs- und Denksysteme lebte, aus welchen kommend man im besten Fall offen in die Welt schritt um sich zu ihr in Beziehung zu setzen. Der Verlust solcher autonomen Vielfalt wird für die Gedankenwelt – weit über die Künste hinaus – ähnlich dramatische Folgen haben wie das Artensterben in der Natur.

Es war zumindest für die künstlerische Hochschulausbildung ein folgenschwerer Sündenfall und ein tiefes Missverständnis der EU, Einheitlichkeit und vordergründige Vergleichbarkeit zum Ziel zu erklären; es war ein Jammer, die Willfährigkeit zu betrachten, mit welcher in großer Tradition stehende disziplinspezifische Ausbildungsformate an vielen Orten ohne jede vorangegangene kritische Selbstbetrachtung aufgegeben wurden. Es geht doch seit langem nicht mehr darum, „genug“ Maler, Bratschistinnen oder Mitglieder eines Opernchores für einen willigen Markt auszubilden, was durchaus auch ein Anliegen der Gründerzeit war. Will man die Künste bewahren, geht es – wie in der Literatur und dem Denken selbst – um die Störenfriede, um die Vielzahl der Stimmen, um die grundlegenden Überzeugungen und Positionen in historischen und regionalen Kontexten, und sich wegen Verfahrensfragen zu Tode zu fürchten wird diesem großen Anliegen nicht gerecht.

Prof. Martin Rennert, Präsident der Universität der Künste Berlin
Dieser Text erschien in der Tagesspiegel-Beilage der UdK Berlin vom 11. Juli 2013