Zur Geschichte des Studiengangs
100 Jahre staatliche Schauspielausbildung in Berlin – die unterbrochene Geschichte des heutigen Studiengangs Schauspiel an der UDK
In seinem Buch „100 Jahre Schauspielschule in Berlin“ schreibt der Autor Gerhard Ebert über die Gründungszeit nach dem 1.Weltkrieg: „Immer wieder ertönte der Ruf nach staatlicher Ausbildung. Er richtete sich gegen die oft verantwortungslose Praxis von Privatlehrern, vor allem aber gegen den Umstand, daß der Staat bislang für den Schauspieler offiziell noch immer keine Berufsausbildung vorsah. Herbert Eulenberg argumentierte: «Ich meine, der Staat müßte mehrere Theaterhochschulen... gründen, ebenso wie er Universitäten, Kunstakademien und technische Hochschulen angelegt hat. Denn schließlich darf wohl auch ein Schauspieler, wirtschaftlich... übrigens ein weniger als Dienstboten und Bergarbeiter geschütztes Individuum, in Deutschland verlangen, daß er so vortrefflich wie möglich auf seinen Beruf vorbereitet wird...»
Auf einem Hochschulkurs für dramatische Kunst im Juni 1922 an der Universität zu Jena wurde geäußert, was die «Scene», die Blätter für Bühnenkunst, so kommentierten: «Tatsache ist..., daß gerade aus den Kreisen der Bühnenkünstler selbst immer lauter das Verlangen ertönt, auch ihrer Kunst eine "Hochschule" zu errichten, um dem ausübenden Künstler die Ausbildung, die er sich bisher nur nach eigenem Ermessen oder in vereinzelten Teilen in zumeist anderen Aufgaben dienenden Fächern suchen mußte, zweckmäßig und methodisch zu gewähren...»
Offensichtlich in der Absicht, die überhandnehmende Ausbildung durch Privatlehrer einzuschränken, und auf Drängen des Deutschen Bühnenvereins wie der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger wurde 1925 staatlicherseits die Gründung einer Schauspielschule geplant.
Mit Datum vom 1. Oktober 1925 wurde laut Verfügung des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die Staatliche Schauspielschule zu Berlin errichtet und der Staatlichen akademischen Hochschule für Musik in Berlin-Charlottenburg angegliedert. Die Marie-Seebach-Schule des Staatlichen Schauspielhauses stellte ihre Tätigkeit ein. Leiter der neuen Schule war Intendant und Regisseur Prof. Leopold Jessner. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre, unterrichtet wurde in den Fächern Sprechlehre, Sprachliche Stillehre, Fremdsprachen, Körperliche Ausbildung, Gehörbildung, Rollenstudium, Ensemblestudium, auch wurden theaterwissenschaftliche Vorlesungen gehalten. Die Unterrichtsgebühr betrug pro Halbjahr 100 Mark und konnte in Ausnahmefällen erlassen werden.
Die staatliche Theaterschule in Berlin existierte zwischen 1925 und 1931 unter dem Dach der Hochschule für Musik. Den Vertrag ihres Leiters Jessners als Generalintendant des Deutschen Schauspielhauses kündigten die Nazis 1933 auf, 1934 kehrte er nach einer Auslandstournee nicht mehr zurück. Nach dem Ende der Diktatur des Nationalsozialismus wurde die Hochschule für Musik neu begründet, aber erst 1964 kam es zu der Integration der West-Berliner „Max-Reinhardt-Schauspielschule“.
Damit hat der heutige Studiengang Schauspiel an der UdK neben den Vorkriegs-Anfängen der Staatlichen Schauspielschule zwei weitere Vorgänger-Institutionen: Im Jahr 1946, noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit, entstand am Hebbel-Theater in Kreuzberg durch Anregung von dessen Intendanten Karl-Heinz Martin eine Schauspielschule, die in enger Verbindung mit dem Theaterbetrieb stand. In der Anfangszeit war Walter Felsenstein einer der Lehrenden dieser von Ernst Schröder geleiteten Schule. Das Hebbel-Theater musste 1951 als städtische Bühne schließen, und auch die angegliederte Schule wurde aufgelöst.
Daraufhin beschloss der Berliner Senat, die Hebbel-Theater-Schule einer Theaterschule des Landes Berlin anzugliedern. Noch im selben Jahr begann der Unterricht an dieser neuen Ausbildungsstätte, die 1953 in Max-Reinhardt-Schule umbenannt wurde, denn mit Lucie Höflich gehörte eine Schauspielerin zum Lehrkörper, die an dem von Max Reinhardt bis 1933 geleiteten Deutschen Theater gespielt hatte. Diese West-Berliner Theaterschule stand somit nicht in unmittelbarer Kontinuität zur privaten Max-Reinhardt-Schauspielschule des Deutschen Theaters, die ihre Fortsetzung in der späteren „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ in Ost-Berlin fand.
Die Max-Reinhardt-Schule zog von der Jagowstraße (seit 1953 Richard-Strauss-Straße) in Grunewald 1958 in die Clayallee 34-38 um. Seit 1951 wurde sie von der in Wien ausgebildeten Schauspielerin Hilde Körber geleitet. Die Max-Reinhardt-Schule wurde zum Wintersemester 1964/65 in die Hochschule für Musik integriert. Die Hochschule für Musik wurde dadurch 1965 korrekterweise in Hochschule für Musik und Darstellende Kunst umbenannt.
Kurz zuvor hatte das Berliner Abgeordnetenhaus dem Neubau des Theater- und Probensaals – TPS, heute UNI.T – zugestimmt, doch sollte es noch bis 1975 dauern, ehe er eröffnet werden konnte.
Vor 50 Jahren wurden dann auch die Hochschule für Bildende Künste und die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zur Hochschule der Künste (HdK) zusammengelegt. Am 30. September 1975 wurde die HdK als eine „künstlerische und wissenschaftliche Hochschule” errichtet. Nach einer umfänglichen Strukturreform trägt sie seit 2001 den Namen Universität der Künste Berlin.
Zum UNIT
1975 eröffnet, sind die frühen Jahre des Theater- und Probensaals (TPS) von interdisziplinären Theaterexperimenten geprägt, wie sie u.a. Dieter Schnebel und Achim Freyer an der Schnittstelle von Theater, bildender Kunst und Neuer Musik realisierten. Ab den achtziger Jahren etablierte sich eine kontinuierliche Bespielung durch Produktionen der Studiengänge Schauspiel, Musiktheater und Musical in Kooperation mit Bühnen- und Kostümbild, Szenischem Schreiben und Musikensembles der Universität der Künste.
Das UNI.T ist ein bauliches Manifest für die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Theater. In den späten sechziger Jahren geplant, ist es Ausdruck der sozialen, urbanen und ästhetischen Utopien seiner Zeit. Anders als der zwei Jahrzehnte zuvor ebenfalls vom Architekt Paul Baumgarten entworfene und im selben Gebäude-Ensemble beheimatete Konzertsaal rückt der Theater- und Probensaal die gemeinsame Arbeit ins Zentrum. Mit Drehbühne, Orchestergraben, Hubrampen und -podien, Lichtgalerie und Bühnenturm bildet das UNI.T ein vollwertiges Theaterhaus auf der technischen Höhe seiner Zeit, wie sonst nur bei professionellen Mehrspartenhäusern. Auch die Kapazität von maximal 330 Plätzen geht im Vergleich mit anderen Studiobühnen im Ausbildungskontext weit über das übliche Maß hinaus. Zudem sind diverse Raumkonfigurationen und Schauanordnungen zwischen Publikum und Spielenden auf Bühne und im Orchestergraben möglich und während der Vorstellung modifizierbar, wie die Inszenierungsgeschichte eindrücklich belegt.