Zur Erinnerung an Professor Thomas Zipp (1966–2026)
Die Fakultät Bildende Kunst trauert um Professor Thomas Zipp. Mit großer Bestürzung erfuhren wir, dass er am 3. April 2026 nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist. Er hat seit 2008 als Professor die Fachklasse für Malerei mit großem Engagement und Zugewandtheit geleitet. Für alle Kolleg*innen, Freund*innen und die Studierenden der Klasse ist der Verlust immens, ihnen gilt unser herzliches Beileid. Hier erinnern Wegbegleiter*innen an den Künstler, Lehrenden, Kollegen und Freund Thomas Zipp. Weitere Stimmen kommen in den nächsten Tagen hinzu.
Norbert Palz, Professor der Architektur
Gedanken über Thomas
Die Lücke, die der Tod von Thomas hinterlässt, ist enorm. Seine Familie verliert Vater und Ehemann, Studierende einen prägenden Lehrer und die Kunstwelt einen außergewöhnlich eigenständigen, schöpferischen Künstler. Für mich ist ein enger Freund und Projektpartner gegangen. Die Jahre mit ihm waren – wenig überraschend – intensiv.
Oft erinnerte er mich an Flammarions „Wanderer am Weltenrand“: jene Figur, die den Blick durch die Sphäre des Himmels wagt, um über den irdischen Horizont hinauszugelangen. Thomas suchte nach Übergängen und Ordnungssystemen – zwischen Sichtbarem und Gedachtem, zwischen Materialität und Transzendenz. Eine wichtige gemeinsame geteilte Referenz waren für uns beide Claude Bragdons Überlegungen zur vierdimensionalen Geometrie: der Versuch, Systeme zu denken, die Architektur, Kunst sowie Zeiten und Dimensionen miteinander verbinden. In der Mitte, die menschliche Existenz in der Zeit.
Sein künstlerisches Arbeiten war von einer doppelten Bewegung geprägt. Einerseits suchte er nach Strukturen und Ordnungen, die das Weltliche an eine übergeordnete, transzendente Ordnung anschließen könnten – und damit bestehende weltliche Machtgefüge relativieren. Die christliche Ikonographie war ihm dabei ein bewusst genutzter Bildvorrat: kulturell tief verankert und geeignet, komplexe Zustände sichtbar zu machen. Doch war er kein sakraler Künstler. Seine Bezüge waren offen, gegenwärtig, vielschichtig und eklektisch. So standen Referenzen wie Sun Ra und die Idee einer „kosmischen Gegenexistenz“ neben seinen eigenen Erfahrungen mit spirituellen Räumen – etwa in Chartres oder in Ronchamp. In dieser Verbindung von materieller und spiritueller Welt suchte Thomas nach einer Grundlage für ein anderes Denken von Gemeinschaft: eine Welt, die sich um Frieden und Moral bemüht und Grenzen zu überwinden versucht. Dieses Anliegen prägte nicht nur seine Kunst, sondern auch seine Arbeit als Professor. Sein Einsatz für eine diskriminierungsfreie Perspektive auf das Menschsein war kein abstrakter Anspruch, sondern gelebte Haltung in Kunst und Leben. Dass ein solches Projekt anspruchsvoll ist, war ihm bewusst. Er forderte sich selbst bis an die Grenzen: in seiner Produktivität, in seinem Denken und in seiner intensiven Teilnahme am Leben.
Freundschaft bedeutet, gemeinsame Werte zu teilen und Zukunft zu entwerfen. Zugleich wird es mit den Jahren oft schwieriger, sich noch einmal auf eine neue Tiefe einzulassen. Wir haben es dennoch versucht – auf unsere eigene Weise. In den letzten Jahren ist daraus viel entstanden. Es bleibt die Ahnung, dass noch mehr möglich gewesen wäre.
Er fehlt mir sehr.
Mandfred Peckl, Gastprofessor Bildende Kunst Lehramt
Der Künstler und Menschenfreund Thomas Zipp entwarf in radikaler Offenheit eine integrative Gesellschaft. Mit grosser Neugier war er angetrieben von einer künstlerischen Idee, aus den Randbereichen des Seins ein neues Zentrum zu formen. Seine Zugewandtheit war elektrisierend. Thomas war ein Zustandsverstärker, der das Dunkle als Licht las, der Untiefen in Erkenntnisgipfel verwandelte. Sein Raum war die Welt. In seiner Arbeit ist Platz für die Welt.
Der Mensch Thomas Zipp entsprach dem Künstler Thomas Zipp total. Das war schon immer so, Grenzen waren seine Möglichkeiten. Neues wurde aufgenommen - ins System eingespeist - verwandelt, gezippt. Mit ihm war es ernst und lustig zugleich. Seine hohe Intensität war inspirierend, nie anstrengend. Auf den Menschen müssen wir nun schmerzlich verzichten, auf den Künstler zum Glück nicht.
Mir fehlt Thomas sehr. Wir waren echte Freunde, sehr lange
Fritz Bornstück, Alumnus Klasse Zipp
Thomas wollte, dass Zusammen-sein eine intensive Erfahrung für alle ist, Grenzen überschritten und Grundsteine für Neues gesetzt werden. Als Prof an der UdK hat er uns Studenten immer wieder mit seinen Freunden zusammen gebracht und dafür gesorgt, dass wir aus erlernten Mustern und Rollen ausbrechen und jeder mehr er selbst werden kann. Danke für die gemeinsame Zeit, die Erfahrungen und die Freundschaften die hier entstanden sind.
Fabian Hub, Alumnus Klasse Zipp
Wegen dir bin ich nach Berlin gekommen und durfte so viele tolle Menschen kennen lernen die mich bis heute begleiten. Mit deiner unkonventionellen und feinfühligen Art hast du mein Leben nachhaltig bereichert, in deiner Klasse waren wir alle frei.
Danke Thomas für die tolle Zeit. Geist über Materie.
Kurt von Bley, Tutor der Fachklasse Prof. Thomas Zipp von 2024-2026
Thomas war einer der letzten Allround-Künstler, dessen OEuvre vor nahezu keinem Medium Halt machte. Sein Gesamtkunstwerk umfasst so viel mehr als nur Malerei – auch wenn er oft als Maler bezeichnet und wahrgenommen wurde. Objekte, Installationen, Collagen, Zeichnungen, Fotoarbeiten, Performances, Texte, Sound und Live-Musik: Es gibt kaum eine künstlerische Disziplin, die er nicht in sein unverwechselbares Werk integrierte – ein Werk, das eigentlich schon längst ein eigenes Adjektiv verdient hätte: “zipp-esk”.
So vielfältig wie die Medien, mit denen er arbeitete, war konsequenterweise auch seine Klasse, die Persönlichkeiten seiner Studierenden und deren künstlerische Arbeiten. Und das ist sie bis heute geblieben.
Er war ein engagierter und fordernder Professor, ohne dabei je hierarchisch zu sein. Zugleich war er eine stetige Inspirationsquelle. Er ermutigte seine Studierenden, radikal zu denken, Risiken einzugehen und die eigenen künstlerischen Grenzen immer wieder neu auszuloten. Doch er war weit mehr als das: Er war unser Mentor, Diskussionspartner, kritischer Begleiter und Freund. Wir liebten ihn für seine Unangepasstheit, für seine schier endlose Energie, sein unorthodoxes und unvoreingenommenes Denken – und vor allem für sein großes Herz und seine Offenheit. Thomas, wir werden Dich vermissen. Vergessen werden wir Dich nicht!
Andi Fischer, Alumnus Klasse Zipp
Lieber Thomas,
du wirst sehr fehlen.
Ich bin dir unglaublich dankbar für alles, was du für mich getan hast.
Deine Türen waren immer offen.
Vielen Dank für deine Unterstützung,
deine Loyalität,
dein Lachen,
deine Freundschaft.
Joram Schön, Alumnus Klasse Zipp
When I think of you, Dear Thomas, I think of the incredible class trip to London right in my first year at UdK, I think of the Klasse Zipp Rundgang bars that turned the UdK courtyard into a punk concert, Klasse Zipp exhibitions transformed into a military tent. But I especially remember that you gave me the chance to explore myself, to try out new things and to stand behind me even when I failed, because you said that the UdK should be a laboratory and a safe space at the same time, where it should be possible to try things out, to fail and to start again.
These are things I will remember fondly.
Cheers!
You were a very special and important person in this cosmos for many people whom you helped and supported to live their own artistic freedom!
Have a good trip Dear Thomas...
Thank you 4 Everything!
Mary-Audrey Ramirez und Eva Vuillemin, Alumnae Klasse Zipp
Thomas,
danke, dass wir in dein Universum eintauchen durften und du uns sowohl künstlerisch als auch menschlich begleitet hast. Du hast uns vorgelebt, was es heißt, sich treu zu bleiben – dass man sich nicht verbiegen muss und es unnötig ist, in eine vorgegebene Form zu passen.
Viele von uns verdanken dir entscheidende Impulse – nicht nur für die eigene künstlerische Praxis, sondern auch für das Denken und Leben darüber hinaus. Mit deiner zugewandten, offenen Art hast du Räume aufgerissen, in denen echte Entwicklung möglich war.
Wir tragen deinen Spirit weiter.
Geist über Materie.
Du wirst uns extrem fehlen.
Okka-Esther Hungerbühler, Alumna Klasse Zipp
Thomas Zipp war ein außergewöhnlich toller Professor. Er hat die Klasse atmosphärisch geleitet, wie ich es sonst nirgends nochmal so gesehen habe. Der Raum in dem wir uns trafen war immer ein künstlerischer. Er hatte eine beeindruckend unendliche Energie. Er hat als Professor immer ermutigt und unterstützt. Er war sehr großzügig und wohlwollend. Ich denke so gerne an meine Studienzeit zurück und bin sehr dankbar, dass ich ihn kennenlernen durfte.
Ursula Neugebauer, Professorin Institut Kunst bis 2026
Als Thomas Zipp zum Professor berufen wurde, war ich in der Berufungskommission. Alle waren in den Bann seines Kosmos gezogen und setzten ihn auf Platz 1.
2016 habe ich mit der Klasse an der UdK mit Studierenden und Kollegen Interviews geführt zum Thema Kunst und Lehre. Hier ein Zitat von ihm aus dem Film ETWAS UND DANN NICHTS:
Thomas Zipp:
„Mein Ziel ist, dass Studierenden lernen, angstfrei zu werden, stabil ihre Ideen zu formulieren und sich nicht irgendwas ansagen zu lassen. Selbst ich nehme mich auch als Professor zurück. Ich bekämpfe Hierarchien mein Leben lang. Die Klasse ist ein Gebilde an sich, sie braucht keine Hierarchie.“
Still aus dem Film ETWAS UND DANN NICHTS:
Tania Elstermeyer, Gastdozentin Klasse Zipp
Thomas Zipp war kein Punk. Er hatte Sympathie für Punker, aber seine Kunst ist eklektisch. Er kannte das Chaos, weil seine Lebensumstände chaotisch waren. Er war einer der wenigen Professoren, die ich im akademischen Milieu kennen gelernt habe, der selbst nicht aus diesem entsprungen ist.
Seine Kleidung war die eines "working class hero", in seinen Dickieshosen, den groben Hemden und fleckigen T-shirts, seinem humpelnden Gang in stabilen Schuhen und der Beeniemütze auf dem Kopf.
Alles von guter Qualität, aber unspektakulär. Im Kontext der Universität wirkte das cool.
Thomas Zipp hatte einen Sinn für menschliches Leid und ein riesengroßes Herz.
Seine Empathie entsprang einer Verletzlichkeit. Traf man ihn privat, waren seine Gesten anders, zärtlicher, feiner. Thomas war ein schöner Mensch.
Die Mechanismen des Ausschlusses im akademischen Wettbewerb, waren ihm bewusst. Seinen Studierenden hat er vermittelt, alle Freiheit, alle Möglichkeiten auszureizen, um ihr künstlerisches Arbeiten umzusetzen. Zivilisatorische Grenzen hat er dabei nicht überschritten. Respekt vor der Individualität eines jeden Menschen um sich herum, war ihm wichtig.
Er liebte die Arbeiten von Boris Lurie und identifizierte sich mit der Sängerin Amy Winehouse.
Thomas Zipp war ein enthusiastischer Typ, der es nicht nötig gehabt hat, andere abzuwerten. Er hat keinerlei Angst verbreitet, seine Autorität als Professor nicht ausgenutzt. Allerdings ging er weit, um Ressourcen für seine Studierenden zu bekommen. Es war eine Tradition der Klasse Zipp, Räumlichkeiten und Flächen auf dem universitären Grundstück zu besetzen.
Ein großes Militärzelt, mitten im Ruinengarten, das so lange stand, bis darunter kein Gras mehr vorhanden war. Einen riesigen Bretterverschlag im Innenhof. Irgendwann musste der verschwinden, aber der Platz wurde der Klasse Zipp für ihre legendären Konzerte während des Rundgangs überlassen.
Er hat die Studierenden ermutigt furchtlos an ihrer Kunst zu arbeiten, Lust am kreativen Prozess zu empfinden. Es war sein formuliertes Ziel, dass sie, nach dem Studium bei ihm, ihr Leben lang Kunst machen. Unabhängig davon, ob sie finanziell erfolgreich sind oder nicht. Wie man sich durchschlägt, hat er uns gezeigt.
Jeglicher Identitätspolitik hat er sich strikt verwehrt.
Einmal gab es deswegen Streit im Chat der Klasse. Thomas schrieb
Mir ist kein menschliches Leben egal.
Alle wurden still, weil sie wussten, daß stimmt.
Shiri Feingold, Alumna Klasse Zipp
Thomas is one of those rare people who open for you a portal to a parallel universe every time you meet him.
He's so original and unique, full of character, that you just can’t talk about him in the past tense.
He's still here. Next to you, just in his rich and teeming parallel universe.
From another point of view, it's all of us who are actually gone.
Every encounter with Thomas leaves you a strong impression.
Some of the stories require a parental advisory warning.. but PG rated or not, gracefulness, generosity and integrity were always key words even in the chaotic adventures you shared with him.
Next to such a person who owns a huge golden heart and doesn’t fear himself you have all the freedom to be as strange as you are and do what you want. Something I valued a lot as his former student.
Thomas, thank you for all those epic memories you left me with and the precious legacy you left to this world.
Thank you for your generous support! Something a lot of people who met you often got to say.
Mark Lammert, Professor Malerei/Zeichnen
Neben dem zweifelsfreien, fraglosen und reinen Künstlertum von Thomas Zipp trug ihn noch etwas anderes – so schien es mir in fünfzehn Jahren neben ihm.
Dieses etwas, dieses andere, ist schwer zu definieren. Beschreiben ließe es sich vielleicht als dialektisches Grundgesetz des Punk, eine Art, allem Politischen sozial zu begegnen und individuell. Ein bisschen wie bei Karl Marx: Gleiches Recht für ungleiche Individuen ist Unrecht.
Thomas, frei von jedem Generationsvorurteil oder Ost/West-Vorurteil, zum Beispiel, war deshalb emphatisch und warmherzig, weil er sowohl das eine wie das andere denken (und fühlen) konnte.
Deshalb auch, zum Beispiel, war er für mich, unter vielem anderen, auch der beste Studentenvertreter, der mir je begegnet ist.
Von unser beider Geburtsjahren und Sozialisierungen her betrachtet, zu wenig nah, zu wenig fern, waren wir oft selbst darüber erstaunt, wie wenig die Einschätzungen von Vorgängen, Handlungen und Handelnden auseinander lagen oder voneinander abwichen, denen wir ausgesetzt sind.
Das hat dazu geführt, wie selbstverständlich und oft, zum Schluss hin immer, sich auszutauschen.
Thomas Zipps Tod, unnötig, traurig und sich so falsch anfühlend, sollte bitte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Thomas, unter dem Strich, am Abend des Tages immer den moralischsten aller Sätze, die es gibt, unterschrieben hätte: „Wenn das Gesetz nicht gerecht ist, hat die Gerechtigkeit Vorrang vor dem Gesetz.“
Stefan Pfeiffer, Alumnus Klasse Zipp, Tutor 2008 - 2010 und langjähriger Assistent von Thomas Zipp
Thomas, war in erster Linie immer guter Kumpel für mich. Ich habe Ihn stets als einen absolut offenen, warmherzigen und geraden Menschen gekannt, unglaublich humorvoll, liebenswert, mit seinem grossartig schrägen Wesen, seiner feinen Intelligenz und tiefer Menschlichkeit. Durch seine immer einladende Art kam ich mit unzähligen, tollen Menschen in Kontakt, von denen viele gute Freunde wurden.
Seine Kunst war und ist, durch ihre Komplexität, Rätselhaftigkeit, Inszenierung und den Tiefgang immer ein Wegweiser für mich und viele seiner Studenten, wobei er mit seiner Mischung aus Humor und Klarheit, in seiner Klasse stets, das „Angstfrei-werden“ propagierte.
Thomas, Du Grenzgänger, Du unangepasstes, großes Herz!
Ich bin dankbar dafür, dass Du mich mitgerissen hast, in deinen dunklen Kosmos! Bin dankbar für die vielen, verrückten Erlebnisse mit Dir, den Rock ’n’ Roll, für die wilden Zeiten voll Lachen, Loyalität und Freundschaft...
Du fehlst mir!
Media Esfarjani, Studierende der Klasse Zipp
Ich wusste von Anfang an, dass für mich nur Thomas' Klasse in Frage käme. Uns alle hat er gleichermaßen unterstützt – ganz egal, ob man Teil seiner Klasse war oder nicht. Die Leute sind teilweise jede Woche extra für unsere Klassentreffen aus anderen Städten angereist, so viel haben ihnen die Begegnungen mit Thomas bedeutet. Bescheiden war er trotz seines Ideenreichtums, herzlich und gütig. Nie wieder habe ich jemanden kennen gelernt, der so einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hatte.
Er hat keinen Unterschied zwischen den Menschen gemacht, sondern immer wieder versucht, das elitäre Kunstsystem aufzubrechen und beharrte darauf, dass wir uns selbst treu bleiben sollen.
Sein Humor und seine Leichtigkeit hat uns durch schwere Zeiten geholfen, seine Loyalität uns gegenüber war unbezwingbar.
Ich wünschte, ich hätte ihn noch einmal sehen dürfen. Er fehlt sehr.