crescendo26: GegenTöne

Gegen-Strebiges – „Unter Blumen eingesenkte Kanonen“ – crescendo

Jakob Tillmann

Musik für 7 Flügel von Mathias Spahlinger und an 7 Flügeln von Frédéric Chopin.

 

Mathias Spahlinger: Farben der Frühe
Frédéric Chopin: 24 Préludes op. 28

Eunhee Baek, Çya Bazzaz, Yan Cai, Juae Ha, Björn Lehmann, Sabine Simon, Yen-Ni Wu, Klavier / Studierende und Lehrende der UdK Berlin / Kentaro Machida, Leitung

 

„Du hörest niemals auf, beherzt zu gegenstreben der wilden Barbarei“ (Friedrich Schiller)

Das Bedürfnis, „einmal nur die dezentere buntheit der schwarz/weiß/grau-tönungen zuzulassen“ ist der Ausgangspunkt Mathias Spahlingers für seine Komposition Farben der Frühe für 7 Klaviere.  7 Klaviere, fächerförmig aufgestellt – 7 x 88 = 616 Tasten: eine Besetzung, die ihresgleichen sucht – in der Tat eine scheinbar einheitliche Klangfarbenlandschaft. Die Vielfalt der Charaktere, der Prozesse und damit der klanglichen Erscheinungsformen der 6 Sätze ist aber frappierend: Von zersplitterten Einzelimpulsen, komplex orchestrierten Quasi-Unisoni, die sich von links nach rechts im Raum bewegen über Resonanz- und Klangflächen bis hin zu massivem Tutti und plötzlichen Eruptionen reicht die Klangpalette. 

Die Hörgewohnheiten des Publikums werden auf spannende Weise getestet und herausgefordert - belohnt wird es durch eine völlig ungeahnte Fülle an Farben und Formen, die unsere Wahrnehmung und damit unser Denken und Fühlen verändern kann.

„Chopins Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen.“ So schrieb es Robert Schumann 1831 in der Allgemeinen musikalischen Zeitung über seinen Zeitgenossen. Die revolutionäre Kraft, die aus Chopins Musik hervorgeht, ist oftmals erst beim genaueren Hören auszumachen. Viele Stücke des Komponisten beziehen sich auf den Widerstand gegen fremde Herrschaft und können als Symbol der polnischen Nationalbewegung gelesen werden. An diesem Abend erklingt mit den 24 Préludes Musik, die in komprimiertester, feinster, poetischster Gestalt auftritt und doch im Innersten eine Kraft birgt, die weit über das scheinbar Fragile hinausgeht und die die Musik oftmals bis zum Zerreißen spannt. Die räumliche Auffächerung im Saal auf 7 Flügel bringt die unterschiedlichen Charakteristika der 24 Tonarten stärker in das Bewusstsein und zeigt die Friktionen und Brüche des Zyklus‘, generiert aber auch Verbindungen über die benachbarten Préludes hinaus und schafft eine mögliche Lesart des Gesamtzyklus‘, die dessen Konflikthaftigkeit hervorhebt. Blumen, ja. Aber mit Zündladung.

 

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Info

crescendo – Künstlerisches Betriebsbüro der Fakultät Musik
crescendo_ @udk-berlin.de