Moritz Schumm

Promotionsprojekt

Unsinnige Gestalten – Die Filme Ethan und Joel Coens als Formen paradoxaler Objektivität

Im Kino Ethan und Joel Coens hat man es nie mit nur einem, sondern immer mit mehreren Filmen zu tun. Mit dieser Setzung gehen zwei Untersuchungsfelder einher, die für das Promotionsvorhaben maßgebend sind.
Zum einen sollen die inszenatorischen Strategien der Filme in den Blick genommen werden. Dabei hat man es grundlegend mit einer multiperspektivischen Differenzierung zu tun: Jeder Figur auf der Leinwand entspricht eine Perspektive und eine Weise des Sehens und Hörens, die sie für den Zuschauer als Film unter Filmen bestimmt. Die filmische Handlung und Welt tritt durch die Blickpunkte der Protagonisten in Erscheinung. Diese unterschiedlichen Weisen des Wahrnehmens können sich zu einer gemeinsamen filmischen Handlung und Welt verbinden. Nur allzu oft jedoch etablieren sie Widersprüchlichkeiten, die ihren Ausdruck in einem Unsinn findet, den auch der Zuschauer nicht aufzulösen vermag.
Zum anderen reflektiert sich die Eigenständigkeit der Perspektiven in der Verortung des Kinobesuchers. An die Stelle eines Erfahrungshorizontes, den man sich mit den anderen Zuschauern teilt, tritt das Publikum als ein heterogenes Feld unterschiedlicher Weisen des Nachvollzugs: Jedem Zuschauer vor der Leinwand entspricht eine Perspektive und eine Weise des Sehens und Hörens, die sich als Film unter Filmen bestimmt. Inwiefern sich von dieser Vereinzelung ausgehend wieder zu einer allgemeingültigen Aussage finden lässt, scheint gerade der Unsinn offenzulegen. Denn die diegetischen Brüche stehen für eine Erfahrung (der Figur/des Zuschauers), die über den je eigenen Horizont hinausgeht und sich im Kontext anderer Wahrnehmungen realisiert. Objektivität lässt sich dem entsprechend als ein Zustand beschreiben, der sich durch einen intersubjektiven Zusammenhang erfahrbar macht. Diese Verständigung kann in ihren Überschneidungen Sinn machen. Im Ausgang von einer grundlegenden Differenz der Perspektiven, findet sie ihren adäquaten Ausdruck allerdings in der Produktion von Paradoxien. In einer Erfahrung, die auf Grund unterschiedlicher Perspektiven mit sich unähnlich wird, um darin ihr erkenntnistheoretisches Fundament offenzulegen.

Vita

Moritz Schumm studierte Theater- und Filmwissenschaft an der Universität Wien und der Freien Universität Berlin. Nach seinem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich 626 Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste.

Publikationen

„Es wird keine Trauer geben“, Jean-Luc Godards Le Mépris und ein Weg aus der Agonie. (Anwesenheitsnotiz, Heft 0, Sommer 2010)

„You will kindly remove your mask“, die Vermittlung des Realen durch den Blick in und von Stanley Kubricks Eyes Wide Shut. (Anwesenheitsnotiz, Heft 0, Sommer 2010)

„L’histoire est comme Janus“, Das Geschichtsbild Walter Benjamins als eine Frage der Haltung. (Syn, Magazin für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Band 2, 2011)

„Wahrnehmung und Wissen“, in: wissenderkuenste.de, Onlinepublikation des Graduiertenkollegs „Das Wissen der Künste“, Nr. 1 „Wissensformationen und -praktiken“, Oktober 2013, URL: http://wissenderkuenste.de/#/text/wahrnehmung-und-wissen/.

„Alter Ego – Narration und Perspektive am Beispiel von A Young Doctor’s Notebook“, in: wissenderkuenste.de, Onlinepublikation des Graduiertenkollegs „Das Wissen der Künste“, Nr. 2 „Opake Evidenzen“, Juni 2014, URL: http://wissenderkuenste.de/#/text/alter-ego-narration-und-perspektive-am-beispiel-von-a-young-doctors-notebook/.

„Unter Singvögeln – Zum kinematografischen Gesang der Nachkriegszeit“ (zusammen mit Michael Lück), in: Blachut, Bastian / Klages, Imme / Kuhn, Sebastian (Hg.): Reflexionen des beschädigten Lebens? Nachkriegskino in Deutschland zwischen 1945 und 1960, München: Edition text + kritik, 2015, S. 249–267.

„Zug um Zug – Christoph Girardets und Matthias Müllers Locomotive als sich anbahnendes Genre“, in: Berger, Hanno / Döhl, Frédéric / Morsch, Thomas (Hg.): Prekäre Genres. Zur Ästhetik peripherer, apokrypher und liminaler Gattungen, Bielefeld: transcript Verlag, 2015, S. 113–132.

„Film in der Architektur – Der Kinosaal und seine Rolle im Film“ (zusammen mit Ralf Liptau), in: Haitzinger, Nicole / Kollinger, Franziska (Hg.): Überschreitungen. Beiträge zur Theoretisierung von Inszenierungs- und Aufführungspraxis, München: epodium Verlag, 2015 (=off epodium #5), S. 59–67.

„Einleitung. Periphere Visionen, Wissen und die Denkfigur des Randes“ in: Barrenechea, Heide / Finke, Marcel / ders. (Hg.): Periphere Visionen. Wissen an den Rändern von Fotografie und Film, Paderborn: Wihelm Fink Verlag (=Schriftreihe des DFG-Graduiertenkollegs „Das Wissen der Künste“, Bd. 1), im Druck

„,The beginning of the end of the end of the beginning has begun.‘ Ränder als multiperspektivische Erfahrungshorizonte in Wes Andersons The Grand Budapest Hotel“, in: Barrenechea, Heide / Finke, Marcel / ders. (Hg.): Periphere Visionen. Wissen an den Rändern von Fotografie und Film, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag (=Schriftreihe des DFG-Graduiertenkollegs „Das Wissen der Künste“, Bd. 1), im Druck.

 

 

Präsentationen

No Country for old Men als Western?, gehalten am 22.12.2011 im Rahmen des Tutoriums „Schreiben über Film im Spannungsfeld von Medien- und Filmwissenschaft“ im Studiengang Europäische Medienwissenschaft an der Universität Potsdam.

Klangbilder des deutschen Nachkriegskinos. Der Musikfilm zwischen 1950 und 1965 (zusammen mit Michael Lück), gehalten am 7.7.2012 im Rahmen der Tagung Nachkriegskino in Deutschland, Reflexionen des beschädigten Lebens? Der Goethe-Universität Frankfurt und des Deutschen Filmmuseums Frankfurt.

Spekulierende Lebenswelten in den Filmen Ethan und Joel Coens, gehalten am 5.10.2012 im Rahmen der GfM-Jahrestagung Spekulation.
Das Grün der Heide in Gevacolor (zusammen mit Michael Lück, Hanno Berger, Sarah-Mai Dang), gehalten am 27.10.2012 im Rahmen des Workshops Filmfarbe des Teilprojektes B7 am Sonderforschungsbereich 626.

3x Caligari - filmwissenschaftliche Positionen zum Expressionismus bei Lotte Eisner, Siegfried Kracauer und Anton Kaes, gehalten am 20.1.2014 für das Proseminar Proseminar „Von der Tonmalerei zur Klangskulptur“? Zum Verhältnis zwischen Bild, Klang und Raum im Expressionismus (Anastasia Dittmann/Daniela Fugelie).

Chronos, Treitl, Äon – Das Ereignis in den Filmen Ethan und Joel Coens, gehalten am 19.9.2014 für den Workshop Zeitregime und Gegenaktualisierung des Schwerpunktprogramms 1688: Ästhetische Eigenzeit – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne/TP Stillstand: Szenen der Stasis und Latenz.

„Secrets are my life“ – Wissen und Wahrnehmung im filmischen Dialog, gehalten am 10.10.2014 für die Tagung Dialog der Wissenschaften 2014: Ästhetik und Artikulation.

Eins, zwei, drei Wissens-Lounge. Live Feature zur Online Publikation wissenderkuenste.de, am 10.11.2014 im Rahmen der Ringvorlesung Zwischenstopp – Sechs Blicke auf das Wissen der Künste; gemeinsam mit Miriam Ackermann,  Anastasia Dittmann, Marcel Finke, Ralf Liptau, Benjamin Schneider, Nina Wiedemeyer.

Beteiligung an Veranstaltungsorganisation

26.-27-10.2012: Filmfarbe; Workshop des Teilprojektes B7 am Sonderforschungsbereich 626. Mit Vorträgen von Barbara Flückiger, Cilli Pogodda und Daniel Illger, Moritz Schumm/Michael Lück/Hanno Berger/Sarah-Mai Dang.

22.10.2013: Thomas Elsaesser - Harun Farockis „The Silver the Cross“ und das Prinzip Potosi; Workshop zur Ringvorlesung Anders wissen/anderes Wissen des Graduiertenkollegs “Das Wissen der Künste“ an der Universität der Künste Berlin. Diskussion der Vorlesung zusammen mit Thomas Elsaesser.

13.-14.12.2013: Geschmack und Öffentlichkeit; Tagung der Teilprojekte B2 und B7 am Sonderforschungsbereich 626. Mit Vorträgen von Hermann Kappelhoff, Kai van Eikels, Ludger Schwarte, Meike Wagner, Jan Lazardzig, Barbara Hahn, Martin Vöhler, Sarah-Mai Dang, Thomas Hilgers, Benjamin Wihstutz.

11.-12.4.2014: Prekäre Genres – kleine, periphere, minoritäre, apokryphe und liminale Gattungen, Formen und Spezies; Tagung der AG Genre am Sonderforschungsbereich 626. Mit Vorträgen von Daniel Martin Feige, Michael Lück, Stephan Günzel, Thomas Hensel, Fabian Holt, Thomas Morsch, Sarah-Mai Dang, Hans-Jürgen Wulff, Matthias Haenisch, Frédéric Döhl.

9.-11.11.2014: „…macht aber viel Arbeit.“ – Kunst – Wissen – Arbeit; Jahrestagung des Graduiertenkollegs “Das Wissen der Künste“ an der Universität der Künste Berlin. Mit Beiträgen von Tanja Michalsky, Kerstin Stakemeier, Stewart Martin, Marina Gerber, Sergey Letov, Vadim Zakharov, Jens Schröter, Anastasia Dittmann/Heide Barrenechea, Georg Breidenstein, hermann J. Kaiser, Felicity Lawrence, Marion Haak-Schulenburg, Sarah Zalfen, Matthias Paszierny, Tatjana Bergius, Jens Meinrenken, Franziska Uhlig, Martina Dobbe, Hans-Georg Bauer.

Lehrveranstaltungen

Sommersemester 2012: Lehrveranstaltung: Filmgeschichte Übung A (zusammen mit Eileen Rositzka), Seminar für Filmwissenschaft, Freie Universität Berlin.

Sommersemester 2015: Lehrveranstaltung: Film in der Architektur. Der Kinosaal und seine Rolle im Film (zusammen mit Ralf Liptau), Studium Generale, Universität der Künste Berlin.