Hör-Zeit, Hör-Erfahrung, Hör-Erforschung, Hör-Wissen. von Kirsten Reese
„Neapel, 9. Dezember 1840
Ich beobachtete die Musiker vor mir, die Clarinette, die Trompete, die Posaune pp. Wie sagte ich zu mir selbst: diese Menschen haben sich begnügt in diese kleine musikalische Gesellschaft als geringfügige Theile mit ein zu gehen, jeden Tag sich für den kommenden Abend ein zu üben und jeden Abend ihr Blatt zu spielen. Daran knüpfen sie ihre Hoffnungen, ihren Ruhm, den größten Teil ihrer Leiden und Freuden, bis ihnen endlich der Athem ausgeht und Trompete, Clarinette und Posaune an den bleichen Lippen verstummen.
Und du!? Du träumtest, nicht nur die ganze Erde zu durchfliegen, und mit allen ihren Wunder dich zu vertrauen. Du träumtest auch, diese Wunder begreifen, sie mit einander in Verbindung setzen und so als ein einfaches leichtes, aber schlichtes Ganze deinem forschenden Auge vorlegen zu wollen.
Ja! Es ist dein Glaube und wie deine Ueberzeugung, daß dieß der Zweck des menschlichen Geistes sei, daß er, auf diese Weise sich bildend, für ein freieres Leben geschickt wurde. Wo bleiben jene Menschen, die auf einer Trompete, auf einer Clarinette ruhig fort vegetieren, wie das Moos auf trockener Wand, wie die Lichene auf feuchter Baumrinde? Ein wie demüthigendes Gefühl verursacht es zu denken, sich ein zu bilden, daß Tausende von Menschen als bereiter Thallus dazu dienen, einem andern die Mittel zu verschaffen, jenes höhere Ziel zu erreichen, während sie selbst ein geistiges Schattenleben mit über das Grab nehmen.“ Ludwig Leichhardt, aus seinen „Europäischen Reisetagebüchern“
Hör-Erforschung und das Projekt „Cobourg“
Aus diesen Beobachtungen, die der aus Trebatsch im südöstlichen Brandenburg stammende Naturwissenschaftler Ludwig Leichhardt während einer Expeditionsreise nach Südeuropa notierte, spricht die aufklärerische Sehnsucht des forschenden (männlichen) Geistes – eine Utopie, die heute postkolonial und im Hinblick auf westliche Kulturgeschichte insgesamt kritisch befragt wird.
Eine Australien-Reise von Leichhardt einige Jahre später war Ausgangspunkt meines Projekts „Cobourg“: Als erster europäischer Entdecker kartografierte er 1845 eine über 4000 Kilometer lange Inlandsroute vom heutigen Brisbane bis zu der an der mittleren Nordspitze Australiens liegenden Cobourg-Halbinsel. Sein Ziel war Port Essington, eine strategische militärische Siedlung, die die Briten als Kolonialherren 1838 errichtet hatten, die aber schon nach elf Jahren nicht zuletzt aufgrund fehlender Anpassung an die Umweltbedingungen wieder aufgegeben werden musste. Leichhardts Aufzeichnungen, seine field journals, dokumentieren die dichte Besiedlung der von ihm durchquerten Landschaften, bevor dann mit Ankunft der Europäer auch in dieser Region Australiens eine Zeit des Niedergangs der indigenen Bevölkerung begann.
In der elektroakustischen Komposition und Klangkunst bezieht sich Forschung häufig auf technologische Entwicklungen – aktuell etwa auf KI-geleitetes sound processing oder Verräumlichungstechnologien. Eine spannende Frage bleibt, wie man Forschungsthemen in eine künstlerische Arbeit einfließen lässt, in die zunächst nicht bildhaften, nicht textorientierten Medien von Klang/Musik. Dies kann etwa über Umwandlung von Daten in Klang (Sonifikation) oder über field recordings (Feldaufnahmen) und Sprachaufnahmen geschehen; oder über die Einbindung anderer Medien und verweisende Strukturen zwischen Klang und Sprache, Klang und Bild, Klang(-dokumenten) und komponierter Musik usw. Für mich bedeutet ein forschender Ansatz darüber hinaus eine Entwicklung der Formate eines musikalischen/klangkünstlerischen Werks über Genre-Zuordnungen hinweg – und hierfür ist das Projekt „Cobourg“ ein Beispiel. Es thematisiert akustische Ökologie und postkoloniale Fragen. Im Mittelpunkt stehen dabei Wissenssysteme: indigenes, naturwissenschaftliches, künstlerisches Wissen und die Frage, wie Wissen über Zuhören vermittelt wird.
Field recordings
Vom 28. Juli bis zum 4. August 2019 reiste ich von Darwin über den Kakadu Nationalpark zu den Ruinen der britischen Siedlung, die Leichhardts Expeditionsziel gewesen war und die heute im Garig Gunak Barlu Nationalpark auf Cobourg liegt. Bei der Suche nach einer künstlerischen Form, die die umfangreiche Recherche, die Erfahrungen der Reise, die Begegnungen und Gespräche, das gesammelte Soundmaterial repräsentieren würde, kristallisierten sich drei aufeinander verweisende Formate heraus: ein Ensemblewerk/Bühnenaufführung, eine Radiokomposition und eine Publikation mit Mind Maps. Pandemiebedingt konnte eine geplante Ausstellung nicht umgesetzt werden, die Konzertaufführung fand ohne Publikum als Stream statt und ist als Videodokumentation weiterhin online verfügbar.
Sowohl in der Ensemblekomposition „Cobourg Nets“ wie auch in der Radiokomposition „Field Log Cobourg“ stehen die auf der Reise aufgenommenen field recordings im Mittelpunkt. Das Radiostück bringt dazu einen Text in Ich-Perspektive, der die Zusammenhänge der Reise erzählend vermittelt. Die kompositorische Verzahnung von Aufnahmen und Text macht das Hören als Eintauchen in die vorgefundenen akustischen Umgebungen nachvollziehbar. Die radikal persönliche Perspektive ist bewusst gewählt. Das Hören steht – allein schon durch die für jeden Menschen individuelle Position der Ohren, die Schall und Raumreflexionen unterschiedlich einfangen – im Allgemeinen für eine subjektive Perspektive. Hörerfahrung ist per se immersiv, intensives Hören wird als gleichzeitig nach innen und nach außen gerichtet erlebt. Die Aufmerksamkeit richtet sich („die Ohren gespitzt“) nach außen, aber die Konzentration nach innen. Gleichzeitig ist Zu-hören die Voraussetzung dafür, in einen wirklichen Kommunikationsprozess einzutreten, ausgehend von der eigenen Erfahrung sich offen und empathisch zu machen für das Gegenüber.
Die Reflexion dieses Prozesses des Hörens, die auch implizit die heute so wichtige Frage des „wer spricht für wen?“ aufgreift, macht den klangkünstlerischen Aspekt und künstlerisch-forschenden Ansatz von „Field Log Cobourg“ aus. Field recordings sind keine Atmo, keine akustische Illustration, sondern verweisen etwa auf die zentrale Erfahrung, in den Nächten im Schlafsack nur unter einem Moskitonetz auf der Erde liegend den Insekten zuzuhören.
Entschleunigte Hör-Zeit
Die siebentägige Reise von Darwin zur Cobourg Peninsula stellte die Kulmination der langen Beschäftigung mit dem Projekt dar, eine unglaubliche zeitliche Verdichtung, auch eine Entschleunigung, innerhalb derer die Zeiten des Aufnehmens und Hörens noch mal eine zugespitzte Erfahrung bedeuteten. Das Hören ist radikal im Moment verortet, gleichzeitig wird das Vergehen der Zeit erlebbar – auf diese Weise strukturiert Komposition Zeit. Hören ist Hingabe an die Zeit, eine kurze Zeitspanne wird lang, potenziell unendlich, weil die in ihr bewegten Klänge sich ständig entwickeln, lebendig sind. Die Zeit des Zuhörens verläuft nicht nur linear, sondern gleichzeitig nimmt die Dichte des Hörbaren zu: Je mehr ich in Cobourg zuhörte, umso mehr hörte ich, nicht quantitativ, sondern qualitativ – mehr feinste, leiseste Insektenklänge, mehr Kommunikation zwischen den Kleinstlebewesen ...
Nicht lineare Lesarten
Die fünf Mind Maps der Publikation beschäftigen sich mit Geschichte und Ökologie der Cobourg Peninsula, Ludwig Leichhardt, Arnhem Land und Aboriginal Kultur, Insekten und Naturwissenschaft, Sammlungen und dem postkolonialen Umgang damit. Sie spiegeln die umfangreiche inhaltliche Recherche der Arbeit und enthalten Zitate aus historischen Quellen und aus Aufsätzen mit aktuellen Diskursen, Schilderungen von Begebenheiten der Reise, Fotos, fotografierte Objekte, Medienversatzstücke usw. Die Mind Maps können als lose Blätter in freier Abfolge und Ordnung ausgebreitet werden und gestatten somit nicht lineare und nicht hierarchische Lesarten.
Transformations- und Übersetzungsprozesse
In der Ensemblekomposition stehen ebenfalls field recordings im Mittelpunkt, der Instrumentalsatz ist eher reduziert. Die Tonhöhen der Instrumente sind abgeleitet aus den Soundscapes aufgenommener Geräusche und aus den teilweise in Archiven recherchierten Insektenklängen. Es geht um Transformationsprozesse, Verwandtschaften und um Bezüge zwischen „echten“, aber medial vermittelten Tonaufnahmen und den real im Raum klingenden, aber künstlichen Tönen der „Kunst-Instrumente“. Überhaupt sind Transformations- und Übersetzungsprozesse, in technologischer und kultureller Hinsicht, für „Cobourg“ zentral. Es geht um Übersetzung von hörender Wahrnehmung in Medialität, von Erfahrung und Erkenntnis in künstlerische Form, von Inhalt in klangliche Form, in Bilder einer Mind Map oder in die „Zugänglichkeit“ eines Radioformats. Das Projekt brachte mich zum Nachdenken über das Konzept der „einfachen Sprache“ – Komplexität heißt nicht Kompliziertheit, indigenes Wissen und Aboriginal-Denken zeigen das exemplarisch.
Sonic agency
Das Projekt „Cobourg“ steht in einem größeren Zusammenhang mit den aktuellen ökologischen Herausforderungen: dem menschlichen Umgang miteinander sowie mit den Lebewesen und den Ressourcen des Planeten, deren Ausdruck und größte Zuspitzung die Klimakrise darstellt. In Seminaren der elektroakustischen Komposition zu „Sonic Agency in Times of Climate Crisis“ wurde die Rolle von Soundscapes in bioakustischer Forschung, in ökologiebezogenen Musikstücken oder akustischen Werken besprochen, verbunden mit der Frage, welche agency für gesellschaftliche Transformation künstlerische Arbeit anstoßen könnte.
de-growth und die Nachhaltigkeit des Hörens
In dem gemeinsamen Seminar „teacher.solar 0“, initiiert von Daniel Hromada, Professor für Digital Education an der UdK Berlin, ging es um die Entwicklung eines solarbetrieben Netzwerks für mobile Lehre, Studierende „erbastelten“ dafür solarbetriebene modulare Soundobjekte. Elektronische Musik und Medienmusik waren immer ein Feld, in dem technologische Entwicklungen fetischisiert wurden, etwa teure Hochtechnologie, multikanalige Lautsprechersysteme, digitale Sensorsysteme, Kamera-Tracking usw. Es ist davon auszugehen, dass de-growth in Gestalt einer sehr viel nachhaltigeren Auswahl von Technologie in Zukunft mehr diskutiert werden wird. Auch historische Ästhetiken – small music nannte der Klangkünstler Rolf Julius seine Ensembles aus Lautsprecher-Chassis – und konzeptuelle Zugänge und Praktiken wie das deep listening, mit dem Pauline Oliveros schon in den 1970er Jahren einen politischen, feministischen Zusammenhang herstellte, können Vorbilder sein – für eine Hinwendung über das Hören zu den leisesten Klängen der kleinsten Lebewesen oder der miniaturisiertesten elektronischen Klangerzeuger, für die Weiterentwicklung verinnerlichter, gleichzeitig kommunikativer Hör-Techniken im Zusammenspiel mit nachhaltiger Technologie statt ungebremster Technik-Affinität und Digitalisierungseuphorie.
Prof. Kirsten Reese ist Lehrbeauftragte für Komposition am Institut für neue Musik. Zum Projekt: kirstenreese.de/cobourg.html