Veranstaltungen
Hier präsentieren wir verschiedene Formate, die nicht nur entscheidende Impulse setzen und den Dialog über Antisemitismus nachhaltig stärken, sondern auch aufzeigen, wie durch kreative, interaktive und wissenschaftliche Ansätze ein tieferes Verständnis für die komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen im Umgang mit Antisemitismus gefördert und langfristige Prävention unterstützt werden kann.
Antisemitismus als visueller Code. Zum Verhältnis von Bild, Kunst und Antisemitismus
Dr. Mira Anneli Naß
Donnerstag, 22.10.2026 | 18.00 Uhr c.t.
Hardenbergstrasse 33, 10623 | Raum 201 (Aula)
Antisemitismus hat mit Bildern im weitesten Sinne zu tun: mit Projektionen, Denkmustern, Mythen, Weltbildern oder Stilfiguren. Er ist, mit Shulamit Volkov gesprochen, nicht nur ein kultureller, sondern auch ein visueller Code, der sich gesellschaftlichen Normen, technischen Entwicklungen und künstlerischen Stilen anzupassen vermag.
Dennoch beschäftigt sich die Kunstgeschichte verhältnismäßig wenig mit dem Zusammenhang von Bild und Antisemitismus – also gerade jenes akademische Fach, das sich traditionell als zuständig für die Analyse von Bildern versteht. Auch in Deutschland hat sich trotz, oder gerade wegen, der Verstrickungen von Kunst, Kunstgeschichte und Kulturpolitik in eine lange Tradition des Judenhasses bis heute keine eigenständige Forschung zum Verhältnis von Bild und Antisemitismus etabliert.
In den letzten Jahren hat sich das Kunstfeld vielmehr zu einem zentralen Ort der Artikulation von Antisemitismus und der Debatten darüber entwickelt. Der Einführungsvortrag nimmt diesen Umstand zum Anlass, einen Ein- und Überblick auf das grundlegende Verhältnis von Bild, Kunst und Antisemitismus zu geben und dabei auch der Frage nach dem Ort der Antisemitismusforschung in der Kunstgeschichte nachzugehen.
Zur Person
Mira Anneli Naß hat Kunstgeschichte, Literatur- und Theaterwissenschaft in München und Florenz sowie Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste in Essen studiert. 2025 wurde sie dort mit einer Studie zu operativen Bildern im Kunstfeld als Überwachungskritik nach 9/11 promoviert. Von 2019 bis 2024 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Kunstwissenschaft und Ästhetische Theorie an der Universität Bremen. Darauf folgte eine Tätigkeit im Forschungsprojekt zu Antisemitismus auf der documenta fifteen und in der Kunstwelt an der Frankfurt UAS und ein Aufenthalt als Minerva Gastwissenschaftlerin an der Hebrew University of Jerusalem. Seit 2026 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin (PostDoc) im Forschungsprojekt Searching for a Common Cause. Antisemitismus in the Cultural Field am Institut für Grundlagen moderner Architektur (IGmA) der Universität Stuttgart. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Fotografie und zeitbasierte Medien; Ästhetik, Geschichte und Theorie operativer Bildlichkeit; politische Ikonographie; erinnerungskulturelle Debatten; Antisemitismus(forschung) in Kunst und Kunstgeschichte. Mira Anneli Naß ist Gründungsmitglied und Co-Sprecherin der AG Kunst und Antisemitismus im Ulmer Verein. Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften e.V Sie ist zudem als Kunstkritikerin tätig (Camera Austria, taz u.a.) und wurde 2019 mit dem C/O Berlin Talent Award Theory ausgezeichnet.
Denken gegen Denken: Von Angriffen auf „jüdischen“ Geist und „zionistische“ Metaphysik
Dr. Gottfried Schnödl
Donnerstag, 12.11.2026 | 18.00 Uhr c.t.
JIB | Saal | Einsteinufer 43-45, 10587 Berlin
Antisemitismus impliziert immer auch eine Wende gegen das Denken. Schon Wilhelm Marr hatte 1879 dem vorgeblich „zersetzenden“ „jüdischen Geist“ den Kampf angesagt. Die Engführung „jüdischen Denkens“ mit Pragmatismus und Realitätssinn, aber auch mit Spaltung, Trennung und Abstraktion zieht sich bis heute durch. Der jüngere Antizionismus greift dies wieder auf. Der Vortrag versucht, dieses Motiv zunächst in seiner historischen Entwicklung nachzuzeichnen und im Rückgriff auf die kritische Theorie und die Psychoanalyse als Wende gegen das reflexive Denken selbst zu beschreiben. Dabei wird die These vertreten, dass sich die Angriffe auf „jüdisches“ oder „zionistisches“ Denken als Legitimierungen eben der Verfallsformen des Denkens lesen lassen, die Antisemitismus und Antizionismus allererst konstituieren; gleichsam als Absicherung der „pathischen Projektion“ (Adorno/Horkheimer).
Zur Person
Dr. Gottfried Schnödl studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Wien und Sevilla. Er arbeitete an der Germanistik der West-Universität Timisoara, am Institut für Philosophie der Universität Wien, sowie am Institut für Kultur und Ästhetik digitaler Medien (ICAM) der Leuphana Universität Lüneburg. Seit 2024 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Geschichte, Theorie und Ästhetik materialer Kulturen an der Bauhaus Universität Weimar. Ausgewählte Veröffentlichung: Technik, in: Karl Kraus-Handbuch. Leben - werk - Wirkung, hg. v. Katharina Prager u. Simon Ganahl, Stuttgart: Metzler.
Vom Antijudaismus zum Hass auf Israel: Projektiver Antizionismus in Geschichte und Gegenwart
Prof. Dr. Stephan Grigat
Donnerstag, den 19.11.2026 | 18.00 Uhr c.t.
Hardenbergstraße 33, 10623 | R110
Inwiefern beruht der moderne Antisemitismus auf religiöser Judenfeindschaft und welche Rolle spielen religiöser Antijudaismus und verschwörungsmythischer Antisemitismus beim Hass auf den jüdischen Staat? Der Vortrag wird Grundzüge einer kritischen Theorie des Antisemitismus skizzieren und der Frage nachgehen, inwiefern Ausprägungen eines projektiven Antizionismus schon lange vor der israelischen Staatsgründung entstanden sind – insbesondere in der nationalsozialistischen und in der islamistischen Ideologie der 1920er- und 30er-Jahre und in Teilen der radikalen Linken. Vor diesem Hintergrund sollen Bezüge sowohl zur aktuellen Konfrontation Israels mit dem Regime im Iran als auch zur gegenwärtigen Situation in Deutschland hergestellt werden.
Zur Person
Stephan Grigat ist Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und Leiter des Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien [CARS] in Aachen und Köln. Er ist Autor von „Vom Antijudaismus zum Hass auf Israel: Interventionen zur Kritik des Antisemitismus“ (Budrich 2025) und Herausgeber der Bände: „Kritik des Antisemitismus in der Gegenwart“ (Nomos 2023) und – gemeinsam mit Karin Stögner – „Projektiver Antizionismus: Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober“ (Nomos 2025).
Die Veranstaltungsreihe BREACH! ON ART AND ANTISEMITISM wurde konzipiert und umgesetzt von Henning Gutfleisch, Referent für Antisemitismusfragen des Präsidenten, UdK Berlin - mit freundlicher Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ).
Taube Juden und Jüdinnen Sozio-historische Annäherungen an eine transnationale und hybride Gemeinschaft im 19. und 20. Jahrhundert von Zaurov, Mark
Buchvorstellung am 7.7.2026 I Charlotte-Salomon-Saal I 16 Uhr in der Hardenbergstrasse 33
Als 1896 der Verein für taube Juden in Berlin gegründet wurde, gab es schon die Israelitische Taubstummen-Anstalt in Berlin-Weißensee. 1908 kam ein Altersheim dazu. 1926 erschien die erste und einzige deutschsprachige Zeitschrift für taube Juden und Jüdinnen. All diese Räume boten den Nährboden für die vielfältige Taub-Jüdische Welt als imagined community. Diese Gemeinschaft war eine doppelte kulturelle Minderheit: taub und zugleich jüdisch - bis die Nationalsozialisten sie zerstörten. Erst 2001 fand der Verein für taube Juden in der IGJAD, der Interessengemeinschaft für taube Menschen mit jüdischer Abstammung in Deutschland, seine Nachfolgeorganisation. Diese Lücke zeugt von der Leerstelle in unserer Erinnerungskultur. Obwohl Inklusion heute gefördert wird, hat sich das sowohl in der hörend-jüdischen Welt, als auch in der nichtjüdischen Gehörlosengemeinschaft nicht geändert. Forschung dazu gibt es kaum. Wer waren die Personen, die die taub-jüdische Gemeinschaft aufbauten, wie verliefen ihre Biographien und wurde im Zuge der Restitution ihr materielles Erbe, die Gebäude, berücksichtigt? In dieser Lesung trägt der taube Historiker Mark Zaurov aus der ersten wissenschaftlichen Arbeit zu diesem Thema vor.
Vita: Mark Zaurov, geb. 1972 in der ehem. Sowjetunion, ist von Geburt taub und promovierte als Deaf Historiker im Fachbereich Gebärdensprachen an der Universität Hamburg u.a. mit einem Stipendium der Friedrich Ebert Stiftung. 2011 war er Fellow am United States Holocaust Memorial Museum (USHMM), 2016 erhielt er einen Fellowship der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) für Yad Vashem. Seine Forschungsschwerpunkte sind Deaf Studies, Deaf Holocaust und taube Täter*innen des Nationalsozialismus sowie Deaf Art und Translation im Kontext Tauber Juden und Jüdinnen, ausserdem ist er freiberuflicher Dolmetscher und Übersetzer. Er ist Gründer und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Gehörloser Jüdischer Abstammung in Deutschland e. V.
2025 Vortragsreihe an der UdK Berlin: Antisemitismus an Hochschulen – Realität, Reflexion, Reaktion
Diese Veranstaltungsreihe bot Raum für fundierte Reflexion und konstruktiven Austausch über Antisemitismus. Antisemitismus ist auch an Hochschulen eine Realität – ob in akademischen Debatten, studentischen Initiativen oder im Alltag auf dem Campus. Die Reihe "Antisemitismus an Hochschulen – Realität, Reflexion, Reaktion" beleuchtete aktuelle wissenschaftliche Perspektiven auf dieses Thema und zeigte sowohl analytische als auch praxisorientierte Ansätze zur Bekämpfung antisemitischer Denk- und Handlungsmuster.
Den Auftakt bildete ein Vortrag zur empirischen Erforschung des Antisemitismus: Wann ist es Antisemitismus? Wissenschaftliche Antworten auf eine viel gestellte Frage(Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel, TU Berlin). Anschließend wurde Antisemitismus und Intersektionalität. Kritik und neue Perspektiven beleuchtet (Prof. Dr. Karin Stögner, Universität Passau).
Praktische Strategien zur Erfassung und Bekämpfung von Antisemitismus standen im Fokus des dritten Termins: Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS Berlin) und Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) Berlin stellten zivilgesellschaftliche Ansätze vor, die sich mit der Dokumentation antisemitischer Vorfälle, der Unterstützung Betroffener und dem Umgang mit Antisemitismus in Hochschulen und Kulturinstitutionen befassten (Workshop: Antisemitische Vorfälle in Berlin mit einem Fokus auf Hochschulen von Julia Kopp, Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Berlin und Matthias Müller, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR)).
Den Abschluss der Reihe bildete eine Analyse der Auswirkungen des 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland. Der Vortrag Antisemitismus im institutionellen Kontext Hochschule – Traditionslinien, Leerstellen und Forschungsstand untersuchte, wie sich Antisemitismus im universitären Alltag vor und nach diesem Datum verändert hat und welche Herausforderungen sich daraus ergeben (Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai, Fachhochschule Potsdam).
Organisiert wurde die Vortragsreihe von Dr. Michaela Conen, Prozessbeauftragte für Antisemitismusprävention an der Universität der Künste Berlin mit Unterstützung des MFFB. Im weiteren finden Sie die aufgezeichneten online Vorträge.
Vortrag vom 12. Mai 2025: Wann ist es Antisemitismus? Wissenschaftliche Antworten auf eine viel gestellte Frage
Seit Jahren prägen Behauptungen wie „man verfüge noch nicht über hinreichend Forschung“ oder man „vermisse eine präzise Wissenschaftsdefinition zu Antisemitismus“ die Diskurse und Debatten zum aktuellen Antisemitismus. Auf diese Weise wird die vorliegende, umfangreiche Forschung zum Thema ausgeblendet und die dringend benötigte Aufklärung sowie der gesamtgesellschaftliche Kampf gegen den grassierenden Judenhass in eine nebulöse Zukunft verschoben. Im Vortrag wird datenreich und mittels gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der historischen und aktuellen, empirischen Forschung erörtert, was Antisemitismus ist (und was nicht), wie er sich manifestiert und wie man Antisemitismen erkennen und dekonstruieren kann.
Den online Vortrag finden Sie hier
Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel
Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel, Antisemitismusforscherin und Kognitionswissenschaftlerin an der TU Berlin; Lehrstuhl am Institut für Sprache und Kommunikation. Buchpublikationen u.a: Aktueller Antisemitismus, ein Phänomen der Mitte; Gebildeter Antisemitismus; Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert; Judenhass im Internet; Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen.
Vortrag vom 19. Mai 2025: Antisemitismus und Intersektionalität. Kritik und neue Perspektiven
Nach dem 7. Oktober wurde deutlich, dass Antisemitismus in weiten Teilen des intersektionalen Feminismus eine Leerstelle ist. Das ging so weit, dass Jüdinnen und Juden sowie Israelis die intersektionale Solidarität verweigert wurde. In einem Neuentwurf intersektionaler Ideologiekritik analysiert der Vortrag demgegenüber die gegenseitigen Verstrickungen von Antisemitismus, Rassismus und Sexismus.
Den online Vortrag finden Sie hier.
Prof. Dr. Karin Stögner
Prof. Dr. Karin Stögner ist Professorin für Soziologie an der Universität Passau. Sie ist u.a. Autorin von „Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen“ (Nomos 2014) und Co-Herausgeberin von „Kritische Theorie und Feminismus“ (Suhrkamp 2022).
Vortrag vom 4. Juni 2025: Antisemitismus im institutionellen Kontext Hochschule – Traditionslinien, Leerstellen und Forschungsstand
Im Vortrag wird der Frage nachgegangen, wie sich Antisemitismus vor und nach dem 7. Oktober im institutionellen Alltag von Hochschulen manifestiert und auf jüdische und israelische Communities in Deutschland auswirkt. Dafür wird auf dominanzgesellschaftliche Traditionslinien im Umgang mit Jüdinnen und Juden sowie mit Antisemitismus in der Gegenwartsgesellschaft eingegangen und in die Analysekategorie des institutionellen Antisemitismus eingeführt. Anschließend werden Befunde aus aktuellen Studien zu Antisemitismuserfahrungen im Kontext Hochschule vorgestellt und diskutiert.
Den online Vortrag finden Sie hier.
Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai
Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai ist Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit und Sozialarbeitsforschung an der Fachhochschule Potsdam. Sie forscht unter anderem zur Aufarbeitung von (sexualisierter) Gewalt, zum Alltagserleben im Strafvollzug und den Wahrnehmungen von Gefängnisarchitektur, zu institutionellem Antisemitismus, sowie zu den Auswirkungen des 7. Oktobers 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland. Zusammen mit Marina Chernivsky leitet sie einen gemeinsamen Forschungsbereich am Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung. Aktuelle Veröffentlichungen, jeweils zusammen mit Marina Chernivsky: Analysekategorie institutioneller Antisemitismus - Traditionslinien, Erkenntnisse und Forschungslücken (2025); „wie kommt das […] dass du nichts sagst wenn Jüdinnen vergewaltigt werden?“ – Sexualisierte Gewalt im Kontext des 7. Oktobers aus jüdischen Perspektiven in Deutschland (2025), in: Glöckner, Olaf/ Jikeli, Günther (Hrsg.): Antisemitismus in Deutschland nach dem 7. Oktober. Georg Olms Verlag: Hildesheim; Der 7. Oktober als Zäsur für jüdische Communities in Deutschland (2024), in: APuZ - Aus Politik und Zeitgeschichte: Antisemitismus. 74 Jg., 25-26 2024, S. 19-24.