Frieda Loebenstein

Quelle: Passfoto, Brasilien 1940

Mit Frieda Loebenstein (1888–1968) wird diesmal eine Pionierin der Klavierpädagogik in der hochschulgeschichtlichen Kolumne vorgestellt. In den 1920er Jahren war sie maßgeblich am Aufbau eines innovativen Seminars für Musikerziehung an der Hochschule für Musik, der heutigen Musikfakultät der UdK, beteiligt. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 verlor sie als Jüdin ihre Stellung. Zur Emigration gezwungen, lebte Loebenstein, die zum Katholizismus konvertiert war, seit 1939 als Benediktinerin in São Paulo und lehrte dort Gregorianik.

In den Akten der Hochschule Musik findet sich eine „Vereinbarung“ mit Frieda Loebenstein vom 21. Dezember 1932, durch die sich ihr Anstellungsverhältnis verbessern sollte. Es war vorgesehen, dass sie künftig als „vollbeschäftigte“ Lehrerin tätig wird. Doch stand die Abmachung unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch das Ministerium, und zu ihr kam es nicht. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme vom 30. Januar 1933 – der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler – geriet Loebenstein sofort ins Visier rassistischer Verfolger. Ein Randvermerk auf dem Schriftstück hält in nüchternen Worten fest: „Diese Vereinbarung ist nicht in Kraft getreten.“

Der Kampfbund für deutsche Kultur , eine völkisch gesinnte, antisemitische Pressure Group der Nazis, hatte an der Hochschule „Aufräumarbeiten“ verlangt. Frieda Loebenstein gehörte zu den aufgelisteten Personen, die verschwinden sollten; abschätzig wird sie als „Kestenbergianer, Kulturbolschewist, Jüdin“ charakterisiert. So war es nur konsequent, dass der erwähnte Vertrag mit ihr nicht abgeschlossen wurde. Diese Ereignisse beendeten die kurze Blütezeit des Seminars für Musikerziehung.

Der Musikreferent im preußischen Kultusministerium, Leo Kestenberg, hatte dessen Gründung kulturpolitisch ermöglicht. Sein Leitwort „Erziehung zur Menschlichkeit mit und durch Musik“ entsprach den musikpädagogischen Auffassungen Loebensteins, die von Anfang an tatkräftig mitwirkte. Rückblickend brachte sie ihr musikpädagogisches Credo wie folgt zum Ausdruck: „Bewußt schaltete ich alles aus, was Nur-Künstlerisch oder Aesthetisch war, und begann die Musik immer nur als Mittel der inneren menschlichen Bildung zu verwenden, nie als künstlerischen Selbstzweck.“

Diese radikale, gegen die Position des „l’art pour l’art“ gerichtete Stellungnahme gehört in eine Zeit, in der Virtuosentum gefeiert wurde, pädagogische Sensibilität im Klavierunterricht, den viele Kinder des Bürgertums erhielten, aber oft fehlte. Dieses Defizit rief Gegenkräfte auf den Plan. Der israelische Komponist Josef Tal, der das Seminar für Musikerziehung besucht hatte, bestätigte, dass Frieda Loebensteins „kongeniale pädagogische Fähigkeiten“ zu Kestenbergs „Erziehungsideal“ haargenau passten.

Klavierunterricht sollte kein Training für irgendeine Aufführung mehr sein, sondern einfach Freude bereiten, Lebenskräfte wecken und die Entwicklung der Persönlichkeit unterstützen. Loebenstein ordnete das Klavierspiel in ein musikpädagogisches Gesamtkonzept ein, in dem sie nicht zuletzt auch 

die Gehörbildung wichtig nahm. Ihre Vorstellungen flossen in das Buch Klavierpädagogik ein, das 1932 in der von Kestenberg herausgegebenen Musikpädagogischen Bibliothek erschien.

Frieda Loebensteins musikalische und auch ihre pädagogische Neigungen hatten sich früh gezeigt. Sie kam am 16. Mai 1888 als viertes Kind einer gläubigen jüdischen Familie in Hildesheim zur Welt, ihr Vater war Miteigentümer des dortigen Kaufhauses Löbenstein & Freudenthal. Sie begann, wie sie später berichtete, bereits als Jugendliche, andere auf dem Gebiet der Musik zu unterrichten. In Berlin studierte sie bei dem Musiktheoretiker und -pädagogen Wilhelm Klatte, der sie 1921 als Lehrerin für Gehörbildung ans Stern’sche Konservatorium der Musik holte. Hier entwickelte sie sich zu einer „bekannten Vorkämpferin für die Tonika-Do-Methode“, einer Lehrmethode für den Gesangsunterricht, und lernte auch die bedeutende Musikpädagogin Maria Leo kennen.

Nachdem das preußische Kultusministerium 1925 mit einem Erlass den Privatmusikunterricht reguliert hatte, entstand im Jahr darauf an der Hochschule ein Seminar für Musikerziehung, das in einem zweijährigen studienbegleitenden Kursus auf die Prüfung für Privatmusiklehrerinnen und -lehrer vorbereitete; sie musste bestanden haben, wer einen Unterrichtserlaubnisschein erhalten wollte. Das Seminar sollte für ganz Preußen, so Kestenberg, ein „Vorbild“ sein. Unter der Ägide des Musikwissenschaftlers Georg Schünemann übernahm Loebenstein dort das Lehrgebiet „Einführung in den Klavierunterricht“. Weitere Lehrkräfte waren Siegfried Borris, Georg Götsch, Paul Höffer und Charlotte Schlesinger. Das Seminar arbeitete auch eng mit Charlotte Pfeffer zusammen, die nach einer Ausbildung bei Émile Jaques-Dalcroze in Dresden-Hellerau an der Hochschule das Fachgebiet Rhythmische Gymnastik etablieren konnte. Ein Höhepunkt der Seminararbeit waren Uraufführungen von Singspielen für Kinder auf der Veranstaltung Neue Musik Berlin 1930, darunter Wir bauen eine Stadt von Paul Hindemith.

Im Seminar leitete Loebenstein „praktische Übungen“, in denen die Musikstudierenden den Sprung ins kalte Wasser pädagogischer Praxis wagen konnten. Sie lernten, Kinder zu unterrichten – einzeln und in Gruppen. Die Stunden wurden von sorgfältigen Vor- und Nachbereitungen sowie von wissenschaftlicher Forschung begleitet. Für die Kinder war diese Unterweisung unentgeltlich; die Teilnehmenden kamen aus ärmsten Verhältnissen – es waren, so Josef Tal, „unsere Zillekinder“. Loebenstein setzte sich dafür ein, dass der Unterricht kontinuierlich erteilt wurde; die Kinder wären einfach zu enttäuscht gewesen, wenn sie nach kurzer Zeit auf ihn wieder hätten verzichten müssen. Mit der Zeit entstand eine veritable „Übungsschule“.

Doch dann kam, wie schon erwähnt, das abrupte Ende des Seminars für Musikerziehung. Wie aber erging es Frieda Loebenstein nach ihrem erzwungenen Ausscheiden? Noch vor wenigen Jahren gab diese Frage manche Rätsel auf. Dank der profunden Forschungen von Eva Erben, die bis nach Brasilien führten, können wir uns heute in ihrer spannenden Monographie „Den Himmel berühren“ (2021) ohne viel Mühe orientieren.

Den beruflichen Einschnitt im Jahr 1933 benutzte Loebenstein, um eine existenzielle Entscheidung zu treffen, die sich in ihr schon länger angebahnt hatte. Durch Romano Guardini, dessen Vorlesungen an der Berliner Universität sie jahrelang hörte, und durch Aufenthalte im Kloster Beuron an der Donau ließ sie sich für den katholischen Glauben gewinnen. In der damaligen tiefen Krise und Not suchten viele Menschen nach Halt und Bindung, welche die katholische Kirche zu geben versprach. Loebenstein wurde 1934 getauft und trat einer Schwesterngemeinschaft in Oranienburg bei; später wechselte sie zu den Johannesschwestern in Leutesdorf am Mittelrhein. Ihre musikalische Arbeit lenkte sie nun auf den gregorianischen Choral. Gemeinsam mit Pater Corbinian Gindele aus Beuron veröffentlichte sie 1936 die Schrift Der Gregorianische Choral in Wesen und Ausführung

1939 erkannte sie, dass sie Europa verlassen musste, um ihr Leben zu retten. Denn die Nationalsozialisten sahen sie – gemäß ihren rassistischen Schablonen – weiterhin als eine „Nicht-Arierin“ an. Trotz Unterstützung durch die Benediktiner mit ihren weltweiten Kontakten war ihr Weg ins Exil schwierig. Schließlich gelang es ihr aber, nach Brasilien zu entkommen. Als Schwester Paula wurde sie in die Gemeinschaft der Benediktinerinnen der Abadia de Santa Maria in São Paulo aufgenommen, wo sie sich wohl fühlte. In ihrem zurückgezogenen klösterlichen Leben konnte sie weiter musikpädagogisch arbeiten. Mit einigen Menschen, die sie aus ihrer deutschen Zeit kannte, etwa mit Paul Hindemith und seiner Frau Gertrud, blieb sie – vor allem brieflich – in Verbindung. 1951 erschien ein weiteres Buch von ihr, Canto Sacro, nun auf Portugiesisch. Im Laufe der Jahre, bis zu ihrem Tod 1968, unterrichtete sie mehr als 600 Personen, die nicht zu ihrem Kloster gehörten, vornehmlich Ordensleute, im gregorianischen Gesang.

 

Postskriptum: Als ich in den 1990er Jahren meine archivarische Tätigkeit an der damaligen Hochschule der Künste aufnahm, erhielt ich eines Tages Besuch von einem älteren Herrn. Helmut Köhler, so sein Name, hatte jahrzehntelang in Plauen, Vogtland, als Musiklehrer gewirkt und kehrte nun – nach dem Fall der Berliner Mauer – noch einmal besuchsweise an den Ausgangspunkt seines Berufslebens zurück. Einen Brief seiner Dozentin Frieda Loebenstein vom April 1933, den er aufbewahrt hatte, brachte er mit. In der kurzen Begegnung wurde spürbar, wie inspirierend und prägend die Arbeit des Seminars für Musikerziehung und ganz besonders Loebensteins Beitrag zu ihr gewesen waren. Woran mich Helmut Köhler damals Anteil nehmen ließ, möchte ich mit der vorliegenden Skizze, soweit es möglich ist, festhalten und weitergeben.

 

Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)