Wilhelm Kempff

Quelle: Emil Stumpp

Anlässlich des Mendelssohn-Wettbewerbs, der diesmal im Fach Klavier ausgetragen wird, haben wir für die hochschulgeschichtliche Kolumne Wilhelm Kempff (1895–1991) ausgewählt. Er studierte an der Hochschule für Musik, der heutigen Musik-Fakultät der UdK, und gewann den Preis gleich zweimal. Dass er sich 1917 im Fach Klavier durchsetzte, verwundert angesichts seiner glanzvollen Karriere als Pianist nicht. Überraschender dürfte für manchen sein, dass er zwei Jahre zuvor, 1915, auch als Komponist reüssierte – und damit in zwei unterschiedlichen Gebieten Preisträger war.
 

In Jüterbog am 25. November 1895 geboren, wuchs Wilhelm Kempff in Potsdam als Sohn des Kantors an der Nikolaikirche auf – und konnte im Alter von zehn Jahren alle Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach auswendig. Der Vater, der 1891/92 am Institut für Kirchenmusik in Berlin studiert hatte, förderte die musikalische Entwicklung seines jüngsten Sohnes, so dass dieser schon während der Schulzeit Unterricht bei Heinrich Barth erhielt, dem Vorsteher der Klavierabteilung an der Hochschule für Musik. Barth nahm als Hofpianist zeitweilig in Potsdam seinen Wohnsitz, wo er den Kindern Kaiser Wilhelms II. Klavierunterricht erteilte. Das Komponieren lernte der junge Kempff in Privatstunden bei Robert Kahn, der ebenfalls an der Berliner Hochschule für Musik lehrte.

Kempff beschreibt die Atmosphäre des Unterrichts bei seinen beiden hochkarätigen Lehrern im Erinnerungsbuch Unter dem Zimbelstern (1951) in ihrer Gegensätzlichkeit. Was Kahn betrifft, so setzt er mit einer Szene ein, in der er sich in der Rückschau mit den beiden Töchtern spielen sieht, während der Vater verspätet, aber fröhlich pfeifend von der Hochschule nach Hause kam. Seinem Schüler tat Kahn den Gefallen, den Freund Karl Klingler eine Violinsonate ausführen zu lassen, die der junge Kempff komponiert hatte. Das war ein prominenter Interpret: Klingler, ein Schüler Joachims, ist durch das nach ihm benannte Quartett bekannt.

Anders ging es bei Barth zu, der „ein weitaus strengeres ‚preußisches‘ Regiment führte“. Hier traf der Schüler auf dem Weg diejenigen, die vor ihm ihre Klavierstunde hatten. „Wenn ich die vier Treppen zu seiner Wohnung hinanstieg, begegneten mir nicht selten Gestalten, die fassungslos in ihr Battisttaschentuch schluchzten“. Das war „ein nicht gerade aufmunternder Anblick für den ‚Nächsten‘“. Kempff hat bei allem Festhalten an Traditionen auch die autoritären Züge des kaiserzeitlichen Preußen, durch das er geprägt war, nicht verschwiegen.

Heinrich Barth (1847–1922) dürfte heute nur noch den Wenigsten bekannt sein. Als Schüler von Hans von Bülow und Carl Tausig war er ein Enkelschüler Franz Liszts. Zunächst als Lehrer am Stern’schen Konservatorium der Musik tätig, wechselte er 1871 an die Hochschule. Als Pianist war er häufig ein Partner Joseph Joachims. Als er Kempff unterrichtete, hatte er das 60. Lebensjahr überschritten und konzertierte selbst nicht mehr. Wie die lange an der UdK tätige Klavierpädagogin Linde Großmann herausgearbeitet hat, ist Barth schon aufgrund seines Einflusses auf die russische Schule des Klavierspiels bedeutsam. Denn er war der Lehrer von Arthur Rubinstein und Heinrich Neuhaus, der seinerseits der Lehrer von Emil Gilels, Swjatoslaw Richter, Radu Lupu und vielen anderen ist. Rubinstein beschreibt in seinen Erinnerungen, dass er bereits als Kind nach Berlin kam, um Joseph Joachim vorgestellt zu werden; dieser verwies ihn an Barth.  

Robert Kahn (1865–1951), fast zwei Jahrzehnte jünger als Barth, hatte an der Hochschule für Musik bei Friedrich Kiel studiert. Er kannte Johannes Brahms persönlich; kompositorisch lässt er sich, so sein Biograph Steffen Fahl, als „spätromantischer Klassizist“ einordnen. Kahn, Kind einer wohlhabenden jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie in Mannheim, wurde 1934 im Zuge der nationalsozialistischen Rassenpolitik aus der Akademie der Künste in Berlin ausgeschlossen. Wilhelm Kempff, seit 1932 ebenfalls Mitglied, wandte sich öffentlich nicht dagegen. Kahn emigrierte nach England.

In den Jahren des Ersten Weltkriegs hatte Kempff das Alter erreicht, in dem er sich an der Hochschule für Musik regulär einschreiben konnte; er studierte von 1914 an, wiederum bei Barth und Kahn, und schloss seine Ausbildung nach drei Jahren, am 14. Juli 1917, mit Zeugnis der Reife ab. Kempff hörte auch musikwissenschaftliche Vorlesungen an der Universität. Eine Berliner Mäzenatin, Cornelie Richter, Tochter Giacomo Meyerbeers, unterstützte ihn finanziell. Nach dem Ende des Studiums wurde Kempff zum Militärdienst eingezogen. Übrigens besuchte auch ein Bruder Kempffs ein Semester lang die Hochschule: Georg Kempff studierte Gesang bei Paul Knüpfer, hauptsächlich aber Theologie.

Die Sammlung älterer Musikinstrumente, das heutige Berliner Musikinstrumenten-Museum, war eine „Abteilung der Hochschule“, der Kempffs „Leidenschaft“ galt. Diese Affinität wirkte sich auf eine Komposition aus, deren Uraufführung 1917 in einem „Konzert mit neuen Werken“ im Berliner Beethovensaal stattfand. Die Instrumenten-Sammlung befand sich im heutigen Kammersaal im Gebäude Fasanenstraße und, soweit dort nicht unterzubringen, auf dem Dachboden. Der Kustos hatte Kempff altgermanische Luren gezeigt, „seltsam gewundene Heerhörner der Germanen“. Diese setzte Kempff in einem Werk ein, in dem sich die damalige Kriegszeit spiegelt: Die Hermannschlacht. Vorspiel zu Heinrich von Kleists Drama für Männerchor und Orchester. Die altertümlichen Instrumente ernteten allerdings – bedingt durch Missgeschicke in der Aufführung – einen „sensationellen Lacherfolg“, wie es in einer Zeitung hieß. Diese anekdotische Story findet sich in Kempffs erwähnten Erinnerungen.

Die Hochschule wusste, was sie an ihrem begabten und erfolgreichen Schüler besaß. Kempff wurde gebeten, im Festkonzert anlässlich der fünfzigjährigen Lehrtätigkeit von Heinrich Barth – kurz vor seiner Verabschiedung – am 11. Juni 1921 mitzuwirken. Er spielte Bachs Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll (BWV 903) und Beethovens Klaviersonate in c-Moll, op. 111. 

Über Kempffs weitere Karriere brauchen hier nicht allzu viele Worte verloren werden. Von 1924 bis 1929 leitete er die Württembergische Musikhochschule in Stuttgart. Musikalisch gehörte er einer anderen Welt an als derjenigen, die an der sehr modern ausgerichteten Berliner Hochschule nach ihrer rigorosen Erneuerung in den frühen zwanziger Jahren vorherrschte. Dennoch war ein wichtiger Partner Kempffs, der Geiger Georg Kulenkampff, damals an ihr tätig. Für die Sommerkurse in Potsdam, die das – von Georg Schünemann, dem stellvertretenden Hochschuldirektor geleitete – Deutsche Musikinstitut für Ausländer durchführte, war Kempffs Beteiligung seit 1929 eine der tragenden Säulen.

Als Komponist fühlte sich Kempff in der Zeit der Weimarer Republik gegenüber den Strömungen der Neuen Musik benachteiligt. Wohl auch deshalb ließ er sich auf die Nationalsozialisten ein. Zu seinen Freunden gehörte allerdings auch Ernst Wiechert, ein ostpreußischer Dichter mit konservativen Idealen, der im KZ Buchenwald inhaftiert war. 1945 verließ Kempff Potsdam; seine Karriere setzte sich nach der Entnazifizierung glänzender denn je fort. Zu den Höhepunkten zählt ein Orgelkonzert in der Friedenskirche in Hiroshima (1954). Berühmt sind die Meisterkurse zur Beethoven-Interpretation, die er von 1957 bis 1982 in Positano bei Neapel abhielt. Dort starb er hochbetagt am 23. Mai 1991.

Niemand Geringeres als Alfred Brendel hat vor einer Unterschätzung Kempffs, der etwa in Frankreich und Japan bis heute hohes Ansehen genießt, gewarnt. An dieser Stelle soll jedoch eine Stimme aus der Universität der Künste etwas ausführlicher zu Gehör kommen. Klaus Hellwig, Professor für Klavier, war in jungen Jahren in Positano dabei. An einem Klavierabend in Münster/Westfalen, wo er aufgewachsen ist, erlebte er Kempff Ende der 1950er Jahre zum ersten Mal. Er erinnert sich an die d-moll Phantasie von Mozart, die damals auf dem Programm stand. „Das Konzert hat mich wirklich begeistert und […] irgendwie hat es mich auch betroffen gemacht, daß jemand so mit dieser Musik umgehen und sie so zum Sprechen bringen konnte, als wäre sie improvisiert. […] Diese Frische und Direktheit, dass man ein Stück, von dem man jede Note kennt, neu erleben kann wie eine Theaterinszenierung, war ein großes Erlebnis.“

So äußerte sich Hellwig in einem Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Werner Grünzweig, der das Musikarchiv der Berliner Akademie der Künste leitet, anlässlich der Übernahme des Nachlasses von Wilhelm Kempff. Im Winter 2008/09 zeigte das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam eine von Grünzweig gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen konzipierte Ausstellung, die aus diesem Archiv bestückt war.

 

Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)