Minimales Werkzeugset: Markus Rottmann und die Papierwerkstatt

Quelle: Markus Rottmann

Minimales Werkzeugset: Markus Rottmann und die Papierwerkstatt

Je mehr Auswahl an Material es gibt, umso mehr wird die Kreativität herausgefordert, sagt Markus Rottmann. Er ist Buchbinder und Leiter der Papierwerkstatt. Das Material selbst kann eine Quelle von Inspiration sein, den Blick weiten und zum Experimentieren verlocken.

Buchgestaltung ist eine Arbeit an der Grenze von Kunstobjekt und Gebrauchsobjekt. Ein Buch ist ein Objekt und es ist eine Form von Kommunikation – eine Verbindung von außen und innen. Den handwerklichen Background der Gestaltung liefere ich den Studierenden – und da bin ich Funktionalitätsfreak: Ein Buch muss benutzbar sein. Natürlich kann man es auch nur als Objekt begreifen, das geht dann in eine andere, skulpturale Richtung, die auch sehr reizvoll ist. Macht man aber ein Künstlerbuch – was immer der Inhalt sein mag, muss es auch funktionieren. Ein Buch ist ein kommunikatives Objekt – zum Lesen, Anschauen, Austausch, Weitergeben, zum Sammeln.

Fotografiert man Skulpturen oder Objekte oder auch Bilder, überträgt man sie in die zweite Dimension.Als Buchbinder übertragen Sie sie aus der zweiten wieder in die dritte Dimension. Das ist ein Bild, das ich benutze, um das Prinzip zu präzisieren, dass mit einem Blatt Druckgrafik mehr passieren kann, als es an die Wand zu hängen. Ein Beispiel – die amerikanische Broschur. Dafür werden Poster gedruckt auf sehr dünnem Papier und so lange gefaltet, bis sie zum Schutzumschlag werden für das Buch. Und das sogar seriell. So hat man ein Künstlerbuch und noch ein Poster dazu.

Woher kommt das Material? Sie besorgen es selbst? Ja, ich stelle Arbeitsmaterial bereit. Etwa die sogenannten Werkdruckpapiere, mit denen man so gut wie alles machen kann. Bevor wir uns für ein Papier entscheiden, testen wir, ob es für die Aufgabe geeignete Eigenschaften besitzt. Denn Papier kann auch sehr schnell teuer werden. Ansonsten arbeiten wir mit allen Papieren, die wir kriegen können. Beschaffbar ist sehr viel, bei Betriebsauflösungen … Spannend ist der Prozess für ein konkretes Projekt. Der erste Schritt ist, mit Werkdruck auszuprobieren, um dann in die Gestaltung zu gehen und das Wissen anzuwenden von Papier, Volumen, Oberflächen, Grammaturen und Verwendungszwecken. Da gibt es keine Grenzen – von den teuersten Japanpapieren bis zu kaum für etwas geeigneten alten morsche Kartonsorten, aus denen man schwer etwas Dreidimensionales machen kann. Auch eine solche Grenze wollen wir überschreiten.

Typografie, ob ornamental, architektonisch oder funktional, ist für den Buchgestalter natürlich extrem wichtig – als Stil … Typografie ist ein Riesengebiet, ein eigenes Berufsfeld. Das Experimentieren mit Buchstaben, Schrift und Farben ist substanziell für das Verzieren der Bücher. Da gibt es eine unglaubliche Bandbreite. Wir haben hier einige sehr kostbare Sets von einer Druckereiauflösung, Sätze von Schriften aus den 1920er Jahren, die es heute nicht mehr gibt. Seit Jahrhunderten wird der Niedergang des Buches prophezeit. Ich sehe das eher in Wellen. Heute gibt es einen qualitativen Unterschied: Geht es nur um den Text, dann reicht eine Broschur oder ein E-Book. Wenn man das Lesen als sinnliches Vergnügen empfindet, spielt der Druck auf schönem Papier mit schöner Typografie eine stärkere Rolle. Vor 100 Jahren sind Schriften allein für ein Buch geschnitten worden, ein Buch war ein Gesamtkunstwerk, auch buchbinderisch vollendet. Da sind so viele Gewerke vereint, man lernt es erst schätzen, wenn man ein solches Buch in der Hand hält. Das Sensibilisieren und sich von den Meistern inspirieren lassen. Man kann so viel lernen. Und wenn es nur eine Petitesse ist, wie etwa die Papierauswahl für ein Theaterprogrammheft. In den 1920er Jahren, also vor 100 Jahren, hat man z. B. voluminöses Papier verwendet.


Warum? Ein weiches voluminöses Papier hört man nicht, wenn man in einem Konzert im Programmheft blättert. Banales Fachwissen. Ich selbst saß mal in einem Konzert mit 1200 Besuchern, die Programme auf Kopierpapier ausgedruckt. Auf einmal dachte ich, es regnet rein: Alle hatten im selben Moment umgeblättert …


Papier schöpfen Sie hier nicht. Aber wir fangen an mit dem Kennenlernen des Mediums. Mit Papier umzugehen ist essentiell für einen Künstler. Gehen die Studierenden in die Druckwerkstatt, bekommen sie nicht nur ein Gefühl für, sondern auch ein Wissen über Materialität, die sie anwenden können. Dann gibt es eine Einführung in Einbandtechniken, es geht von Falzen, Fadenheften bis zum Zuschneiden von Boxen und Schachteln, bei denen millimetergenau gearbeitet werden muss – sonst hat man eine Kassette, die zu-, aber nicht mehr aufgeht. Darum gehen wir hier von ganz banalen Handgriffen aus eben bis zu absolut exakter Millimeterarbeit. Die Studierenden sollen am Ende sagen können: Jetzt kann ich eine präzise Sache allein zu Ende führen und das mit ganz wenigen Mitteln. Das ist die zweite Aufgabe: Ich möchte Technologien vermitteln, die keinen großen maschinellen Einsatz einfordern, sondern die auch zu Hause bewerkstelligt werden können – mit zwei, drei Werkzeugen und dem richtigen Kleber. Oder dass man seine Kataloge selbst binden kann. Das ist viel wert für Leute, die knapp bei Kasse sind, bei Künstlern nicht ungewöhnlich. Es ist spannender, in der Lage zu sein, seine Projekte selbst zu realisieren, statt als Auftraggeber das Ergebnis nur noch zu beurteilen.


Das ist noch mal eine andere Dimension der eigenen Arbeit, man reflektiert und transponiert. Und lernt, mit wenigen Mitteln zu arbeiten. Die alten Technologien basieren auf einem ganz minimalen Werkzeugset. Und die historischen Techniken sind unverändert geblieben, sodass man sie leicht anpassen kann, um neue Lösungen zu finden. Und genau das ist reizvoll und auch ein sinnliches Vergnügen. Eine Studentin hat hier ein Buch aus Farbresten aus ihrem Atelier gemacht. Eine andere ein Buch über Vogelfedern, die sie auf einer Klassenreise nach Tel Aviv gesammelt hat. In den Werkstätten wird der Grundstock gelegt und die Studierenden können sich ausprobieren – das Realisieren der eigenen Ideen, projektbezogenes Arbeiten.


Die Neugierde zu wecken … Das ist, was ich natürlich meine. Ich stelle mir oft die Frage, sollte ich die Studierenden viel genauer arbeiten lassen? Oder ist diese komprimierte Zeit im Studium einfach sehr gut zum Experimentieren? Wir schauen uns viel an in der Staatsbibliothek, in der Kunstbibliothek, in Leipzig gibt es auch dieses Schriftmuseum, was ich sehr empfehle. Ich zeige hier gern sehr spezielle Beispiele: ein Buch aus mundgeblasenen Glasseiten. Ein monumentales Ding. Und dann auch noch seriell. Zwölf Stück. Oder Papier aus Elefantendung, die Künstlerin hat es selbst geschöpft und geprägt. Das waren Einladungskarten für eine Vernissage. Ein Student hat wunderbare gewebte Stoffe aus Usbekistan mitgebracht, um Bücher zu binden, und ich habe ihm gezeigt, wie man seit Jahrhunderten mit wertvollen Stoffen wie diesem oder auch mit Seide arbeitet, ohne dass man riskiert, Leimflecken zu machen, weil auf eine ganz spezielle Art gespannt wird. Oder – hier haben wir ein Buch mit Goldschnitt.


Wie wird das gemacht? „Ganz einfach.“ Das Papier wird geschnitten. Wenn es ein Buchblock geworden ist, wird es mit einer Ziehklinge in einer Presse noch einmal abgeschliffen und dann mit feinstem Schleifpapier immer glatter geschmirgelt. Danach wird es mit einer Kleister-Wasser-Lösung eingepinselt, um es zu verschließen. Dann wird eine griechische Tonerde aufgetragen, in der Mischung mit Eiweiß und Wasser, um einen schönen warmen Grundton zu bekommen. Die Herausforderung ist, dass es nur auf den Papierkanten haften und nicht zusammenkleben darf. Dann kommt noch einmal eine Lösung von Eiweiß und Wasser darauf und dann das Blattgold. Und anschließend muss es im richtigen Moment poliert werden.


Und woher weiß man, wann der richtige Moment ist? Da gibt es ganz alte Tricks. Man haucht es an, und wenn der Hauch verschwindet, so schnell wie eine Spinne wegläuft, das ist dann der Moment. Dann wird poliert mit einem Achat, einem Halbedelstein-Werkzeug, um Glanz herzustellen und um die Haftung hinzubekommen. Wenn man das alles geschafft hat, wird das Buch aus der Presse genommen und sehr vorsichtig geöffnet: Das Gold blättert entweder ab oder es klebt zusammen, oder – es geht auf! Und wenn es nicht funktioniert hat, macht man es eben noch mal. Das Gold ist ein hermetischer Abschluss der Buchoberfläche, um keine Feuchtigkeit, kein Licht oder keinen Staub durchzulassen durch die offenen Kanten, was die Bücher vergilben oder vergrauen lässt. Diese Technologie beruht auf einem ganz kühlen Pragmatismus – es geht hier nicht nur um Gold und Pomp. Es gibt einfach kein geeigneteres Material, was nicht oxidiert und eine
metallisch hermetische Oberfläche bildet, die den Inhalt schützt. Eine andere Form, den Inhalt zu schützen, sind die Buchschließen …

… die Metall- oder auch Lederelemente, die man von mittelalterlichen
Büchern kennt …
Damals waren die Buchseiten aus Pergament. Da es zu jener Zeit keine gleichmäßig temperierten Orte gab, hat man
das Buch mit Holzdeckeln „fest verschlossen“, damit möglichst wenig
Luftfeuchtigkeit eindringen konnte. Ein Buch aufschlagen ist einer
dieser uns geläufigen Begriffe, der eine sehr wörtliche Bedeutung
hat: Das Buch wurde geöffnet, indem man auf den Holzdeckel schlug,
und dann sprangen die Schließen auf.


Kulturell sehr interessant. Wenn wir bei Buchformen bleiben, die Buchrolle, außer der Thora, hat nicht überlebt, weil sie nicht sehr praktisch war, aber der Begriff ist noch immer präsent, im Theater oder im Film: die Rolle. Der Schauspieler hat in der Antike oder auch im späten 16. Jahrhundert wirklich eine Rolle – seinen Text – in die Hand bekommen. Und weil die Autoren nicht wollten, dass komplette Textbücher an andere Theater gehen, gab es nie den vollständigen Text. Interessantes Nebenwissen. Kann ja auch Hauptwissen werden, wenn man damit künstlerisch arbeitet. Sie haben langjährige Werkstatterfahrung und viele vielgestaltige Projekte … Ich bin permanent am Lernen, durch den Prozess, die Zusammenarbeit mit Künstlern. Und ich habe so ziemlich alles verarbeitet – einen faustgroßen Stein in einen Buchdeckel integriert, Bücher aus Metall ... und demnächst mache ich Betonbücher für einen Bildhauer, der mit Beton arbeitet. Diese Verbindung von Bildhauerei und Buch ist für beide Seiten spannend. Alles Experimente, Dinge, die man noch nie gemacht hat. Das ist genau das Verlockende. Zu wissen, dass es eigentlich keine Grenzen gibt.

Markus Rottmann leitet die Papierwerkstatt am Institut für Kunst. Das Gespräch führte Marina Dafova.