Let's talk about ... Denkmalpflege

Quelle: mn

Let's talk about ... Denkmalpflege. Theorien und Praktiken des Erhaltens und Erinnerns

Seminar mit Exkursionen in Berlin

 

Prof. Dr. Matthias Noell

 

Wir sind umgeben von ihnen, von den alten Dingen und Bauten, von vielfältigen Überresten aus der Vergangenheit. Wir leben mit ihnen und wollen auf ihre Präsenz im Alltag im Regelfall nicht ohne Weiteres verzichten. Dennoch reißen wir ab, zerstören Substanz, ohne auch nur einen Gedanken an ihren Wert zu verschwenden. 
Wir müssen uns stärker um die bereits gebaute und belebte Umwelt bemühen, um sie in ihrer häufig verstörenden Präsenz besser zu verstehen, ihre Potenziale zu erkennen – auch um sie so erhalten und nutzen zu lernen.

Denkmalpflege ist, so gerne die öffentliche Meinung sie heute auf eine Behördenstruktur zu reduzieren geneigt ist, ein Tätigkeitsbereich mit einer eigenen Geschichte und eigenen Theorien, eine Disziplin zwischen Theorie und Praxis, Handwerk und Philosophie, Baurecht und Ästhetik. Denkmalpflege bedeutet auch, im Spannungsfeld zwischen kollektiver Erinnerung, persönlichen Entscheidungen und materieller Machbarkeit zu gestalten. Denkmalpflegerisches Handel und Denken verfügt mittlerweile über einen Erfahrungshorizont von 250 Jahren. Über diesen Zeitraum wandelten sich dabei nicht nur die Definitionen, Leitlinien und Institutionen, diese divergierten zudem auch innerhalb einer Epoche von Land zu Land, von Objekt zu Objekt, von Person zu Person gravierend. Im Kern aber geht es immer um die eine Frage: Wenn wir doch nicht ohne Erinnerung leben können, warum reißen wir dann ab? 

Um Entscheidungen rund um die Themen Erhalt und Abriss heute vernünftig und angemessen bewerten und planen zu können, muss man die Eckpunkte dieser Diskurse kennen und verstehen. Gute, vernünftige und sinnvolle Architektur kann heute nur noch im Nachdenken über das Vorhandene und aus der gemeinsamen Diskussion entstehen. Denkmalpflege ist von jeher ein Diskussionsraum, der aus der Überzeugung entstand, dass die alten Dinge der Gemeinschaft gehören, jenseits der reinen Eigentumsfrage ein öffentliches Interesse an ihrer Erhaltung und Nutzung besteht.

Wir lesen zusammen Texte, besuchen gefährdete und erhaltene Bauten in Berlin, thematisieren und besprechen die Lücken, die durch Abriss schon entstanden sind. Es geht um den Wert der Dinge, um dessen Aushandlung. Ziel der Veranstaltung ist es, das Bestehende verstehen, aber auch den Umgang mit ihm, das Entwerfen, Planen und Leben zu lernen. Es wird um die Werte gehen, die wir den Dingen beimessen, die Frage des öffentlichen Interesses, der Denkmalkunde als Tätigkeitsfeld zwischen praktischen und theoretischen Polen.


SE / EXK

Prof. Dr. Matthias Noell
BA Architektur Module 12/14; MA Architektur, Module 03/05
Donnerstag, 17:00–18:30
Start: 16.4.2026

Anmeldungen bitte per Mail an:
a.krude [at] udk-berlin.de


Literatur

  • Breuer, Tilmann: Baudenkmalkunde. Versuch einer Systematik. In: Denkmalinventarisation in Bayern 1981, S. 6-11.
  • Breuer, Tilmann: Kunsttopologie. Ideen zur Grundlegung einer Disziplin der Kunstwissenschaft. In: Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege. Bd. 35. 1981, S. 22-26 (= Breuer 1981 b).
  • Breuer, Tilmann: Kunsttopologie. In: Actes du Colloque sur les Inventaires des biens culturels en Europe 1984, S. 339-345.
  • Choay, Françoise: Das architektonische Erbe, eine Allegorie. Geschichte und Theorie der Baudenkmale. Braunschweig / Wiesbaden 1997 (= Bauwelt Fundamente 109).
  • Denkmalpflege. Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten, hg. von Norbert Huse. München 1984.
  • Denkmalschutz. Texte zum Denkmalschutz und zur Denkmalpflege. Bonn 1996 (= Schriftenreihe des Dt. Nationalkomitees für Denkmalschutz 52).
  • Denkmalpflege statt Attrappenkult. Gegen die Rekonstruktion von Baudenkmälern – eine Anthologie. Hg. und komm. v. Adrian von Buttlar u.a. Gütersloh, Berlin, Basel 2010.
  • Denslagen, Wim: Architectural restoration Western Europe: controversy and continuity. Amsterdam 1994.
  • Fawcett, Jane: The future of the past. Attitudes to onservation 1174-1974. London 1976.
  • Hajós, Géza: Die kunsthistorische Denkmal-Inventarisation und das Gegenwartsproblem - zur Krise des historischen Abstandes. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege. Jg. 40. 1982. H. 1, S. 6-15.
  • Hubel, Achim: Denkmalpflege. Geschichte, Themen, Aufgaben. Stuttgart 2006.
  • Jokilehto, Jukka: A History of Architectural Conservation. Oxford u.a. 1999.
  • Kiesow, Gottfried: Einführung in die Denkmalpflege. Darmstadt 1982.
  • Korth, Thomas: "Denkmalpflege". Überlegungen zum hundertjährigen Bestehen eines Begriffs. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 41.1983. S. 2-9.
  • Léon, Paul: La vie des monuments français: destruction - restauration. Paris 1951.
  • Lipp, Wilfried (Hg.): Denkmal – Werte – Gesellschaft. Zur Pluralität des Denkmalbegriffs. Frankfurt a. M. 1993.
  • Mörsch, Georg: Zur Werteskala des aktuellen Denkmalbegriffs. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege. Jg. 35. 1977. H. 2, S. 188-192.
  • Mörsch, Georg: Zur Differenzierbarkeit des Denkmalbegriffs. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege. Jg. 39. 1981. H. 2, S. 99-108.
  • Mörsch, Georg: Denkmalwerte. In: Denkmalpflege als Plage und Frage. Festgabe für August Gebeßler. Hg. v. Georg Mörsch u. Richard Strobel. München u. Berlin 1989, S. 133-142.
  • Riegl, Alois: Der moderne Denkmalkultus. Sein Wesen und seine Entstehung. Wien u. Leipzig 1903.
  • Riegl, Alois: Kunstwerk oder Denkmal? Alois Riegls Schriften zur Denkmalpflege, Hg. von Ernst Bacher. Wien/Köln/Weimar 1995 (= Studien zu Denkmalschutz und Denkmalpflege 14).
  • Riegl, Alois: Neue Strömungen in der Denkmalpflege. In: Mitteilungen der k.k. Zentral-Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale. 3. Folge. 1905. H. 4. Sp. 85-104.
  • Sauerländer, Willlibald: Erweiterung des Denkmalbegriffs. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege. 33.1975. S. 120-149.
  • Scheurmann, Ingrid u. Hans-Rudolf Meier (Hg.): Echt – alt – schön – wahr. Zeitschichten der Denkmalpflege. Berlin / München 2006.
  • Wohlleben, Marion (Hg.): Georg Dehio – Alois Riegl. Konservieren nicht restaurieren. Streitschriften zur Denkmalpflege um 1900. Mit einem Nachwort von Georg Mörsch. Braunschweig u. Wiesbaden 1988.
  • Wohlleben, Marion: Konservieren oder Restaurieren? Zur Diskussion über Aufgaben, Ziele und Probleme der Denkmalpflege um die Jahrhundertwende. Zürich 1989.
  • Wohlleben, Marion: L'intérêt public und die Anfänge des Denkmalschutzes – oder: vom öffentlichen Interesse zum öffentlichen Ärgernis? In: Das öffentliche Denkmal. Hg. v. Thomas Will. Dresden 2004 (= Veröffentlichungen des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V. 15). S. 10-12.

Eigene Beiträge

  • Noell, Matthias: Sammeln, bauen. Weitersammeln, weiterbauen? In: Merkur. 80. Jg. 2026. H. 920. S. 36-48. 
  • Noell, Matthias: Die Bedeutung des Vorhandenen. Für mehr Substanz, mehr Geschichte, mehr Fragment, mehr Konsequenz, mehr Theorie. In: Haus Marlene Poelzig, Berlin. Abriss und Aufbruch. Hg. Initiative Haus Marlene Poelzig. Berlin 2025. S. 199-209.
  • Noell, Matthias: Auswahl, Erfassung, Ordnung. Überlegungen zur Listenfähigkeit von Architektur. In: Elizabeth Harding und Joëlle Weis (Hg.): Gelistete Dinge. Objekte und Listen in der Frühen Neuzeit. Köln 2024. S. 227-250.
  • Noell, Matthias: Denkmalkunde. Rudolf von Eitelberger und die Grundlegung einer neuen Disziplin. In: Kernbauer, Eva u.a. (Hg.): Rudolf Eitelberger von Edelberg: Netzwerker der Kunstwelt. Wien 2019. S. 239-256.
  • Noell, Matthias: Denkmalpflege als Kulturtechnik. Eine Verkomplizierung. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Bd. LXXI. 2017. H. 2/3 (= Festschrift für Bernd Euler-Rolle). S. 162-166.
  • Noell, Matthias: – Überholmanöver der Geschichte. Rem Koolhaas und die Apotheose des ungewollten Erbes. In: Forum Stadt. Vierteljahreszeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie, Denkmalpflege und Stadtentwicklung, 43. 2016. H. 2 (= Denkmalpflege als Zukunftsdisziplin?). S. 157-170.
  • Noell, Matthias: Der Wille zum Überblick. Die Denkmalkarte als visueller Bestandteil der Denkmalstatistik des 19. Jahrhunderts. In: Stil-Linien diagrammatischer Kunstgeschichtsschreibung. Hg. v. Carsten Heck und Wolfgang Cortjaens. München und Berlin 2014 (= Transformationen des Visuellen Band 2). S. 132-149.
  • Noell, Matthias: Klassifizierung als "opération secondaire". Der Beginn der Theoriebildung in der Denkmalinventarisation. In: Kategorien des Wissens. Die Sammlung als epistemisches Objekt. Hg. v. Uta Hassler. Zürich 2014. S. 156-178.