Warum hier? Warum also UdK?
HP So, ganz kurz: Reihenfolge? Oder wie heißt das Wort – Struktur.
EB Vielleicht sagen wir noch kurz etwas vorweg. Wir haben uns in dieser Dreierkonstellation zusammengefunden, um Fragen zu diskutieren und zurückzublicken: Was könnte daran lohnend sein, an einer Kunsthochschule, an der Berliner Universität der Künste Architektur zu studieren? Das Format, das wir uns dafür überlegt haben, ist eigentlich ganz einfach: Jeder von uns hat ein paar Objekte aus der eigenen Studienzeit mitgebracht. Diese Dinge sollen als Denkanstöße oder als Antwortversuche auf die Fragen dienen, die uns als Grundlage für dieses Gespräch erreichten.
HH Ich lese an dieser Stelle die Fragen noch einmal vor: Weshalb seid ihr überhaupt hier gelandet, auch vor dem Hintergrund, dass ihr sehr unterschiedliche Startpunkte habt? Wie kommt man an der UdK an, und wie geht man wieder? Ist das Entwerfen, die Entwurfslehre an der UdK anders als an anderen Fakultäten – oder letztlich vergleichbar? Wo liegen Unterschiede und Ähnlichkeiten, etwa im Vergleich zur Universität Stuttgart oder zum Ausland? Welche Rolle spielt die Kunst im Studiengang? Was wäre für euch wissenschaftliche Forschung an der UdK? Gibt es so etwas wie Entwurfsforschung?
Hatte Max Taut recht, wenn er künstlerisch und kulturell verantwortungsbewusste Architektinnen ausbilden wollte – durch Freiheit des Lernens und des Lehrens? Und können wir auch Theodor Adorno recht geben, der kritisch denkende und handelnde Menschen erziehen wollte und Mündigkeit vor allem als Fähigkeit zum Widerspruch und zum Widerstand verstand?
HP Sehr gut, dann fange ich an. Mein erstes Objekt. Ich habe es als erstes gewählt, weil man ja recht grün hinter den Ohren in der Hardenbergstraße 33 aufschlug – in der festen Gewissheit zu wissen, was man dort möchte – und dann dort mit dem Handwerk konfrontiert wurde. Namentlich mit allerlei Listen von Dingen, die man bräuchte, um Architekt zu werden. Wer schon einmal ein Architekturbüro betreten hat, kennt diesen wunderbaren kleinen Besen, der ebenfalls auf der Liste stand. In freudiger Erwartung des Kommenden – der Bleistifte, die man deutlich stärker anspitzen musste, als es einem jemals möglich schien – sollte man mit ihm die Radierreste entfernen.
Ich habe heute einen Text von Annie Albers gelesen, „A Start“, aus ihrer Sammlung On Designing, über ihren Beginn am Bauhaus. Sie beschreibt dort Erfahrungen einer allmählichen Verdichtung – hin zu einem Zentrum, zu einer Bedeutung, zu irgendeinem fernen, festen Ziel. Und das begann, zumindest bei mir mit diesem kleinen Besen. Hattest du auch so einen, Rike?
HH Nein, einen Besen hatten wir damals in Stuttgart nicht. Allerdings war die Liste der analogen Werkzeuge dennoch lang.
EB Ich finde interessant, dass du sagst, man würde solche Dinge auch in Architekturbüros finden – denn das ist, glaube ich, eher nicht der Fall. Ich hatte vor dem Studium Einblicke in Architekturbüros und kam deshalb mit einem ganz anderen Bild. Umso erstaunter war ich, als man plötzlich mit einer derartigen Analogheit an die Dinge herangehen sollte.
HH Stimmt. Mich hat das damals ehrlich gesagt zunächst enttäuscht.
HP Ich bin an die UdK gegangen, gerade weil mich diese Schnittstelle zu dem, was ich für das Künstlerische gehalten habe, besonders interessiert hat. Insofern erschien mir das sehr einleuchtend, dass ich einen Besen brauchen würde, um meine Fehler auszuradieren.
HH Gab es bestimmte Vorstellungen von der UdK als Kunstuniversität, bevor ihr angekommen seid?
HP Ich wollte ursprünglich eigentlich alles machen. Ich wollte Schreinerin sein, ich wollte Künstlerin sein, und ich war, glaube ich, auch schon für Literatur und Philosophie eingeschrieben. Und dann fiel mir in letzter Sekunde auf, dass man Literatur nicht anfassen kann – und dass mich das stört. Ein Freund wies mich darauf hin, dass man all diese Vorhaben wohl in komprimierterer Form an einer Kunstuniversität im Rahmen eines Architekturstudiums finden könnte. Dafür bin ich im Nachhinein sehr dankbar. Die Kombination aus skulpturalen, zeichnerischen, philosophischen Fähigkeiten und deren Anwendungsmöglichkeiten: Das war es, was mich überzeugt hat.
EB Diese Gedanken über Handwerk, Taktilität, Skulpturalität – so weit hatte ich ehrlich gesagt nicht gedacht. Mein Punkt war eher, dass ich bestimmte Vorstellungen davon hatte, was es heißt, Architekt zu sein und wie man entwirft. Ich habe mir da sehr viel selbst zugetraut und war überzeugt davon, dass ich wüsste, was ich will und wie alles funktioniert. Und dann wurde ich ständig damit konfrontiert, dass man mir sagte: Vergiss jetzt bitte ganz schnell alles, was du mir hier erzählst, und kümmere dich erstmal um handwerkliche Dinge. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich mit meinen zarten Klavierspielerhänden anfing, Gipssäcke durch die halbe Stadt zu schleppen. Vielleicht können wir an der Stelle zu meinem ersten Objekt gehen: dem Interstitial Space.
Die Aufgabe war, einen großen Gipsblock zu gießen und darin Räume herauszuarbeiten. Bei den meisten sah das ziemlich gut aus. Für mich war das aber ein riesiger Misserfolg. Wenige Dinge haben mich mit so viel Stress konfrontiert wie dieses Objekt. Ich habe den Gips nicht richtig angemischt, die Schalung ging nicht ab, alles sah furchtbar aus. Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, was sie damals eigentlich von mir wollten.
HP Ich erinnere mich auch daran – bezogen auf dieses Thema der Gewissheit und der Konfrontation mit dem Anderen. Ich habe das damals als wahnsinnig existenziell erlebt.
HP Dazu habe ich etwas mitgebracht – darf ich kurz überleiten? Das war meine erste Bauko-Hausaufgabe, November 2015. Und eigentlich ist das, was wir uns da anschauen, aus heutiger Perspektive relativ simpel: Wir sollten eine Holztreppe zeichnen. Ich hatte schon tausende Treppen gesehen. Ich war sie hoch- und runtergelaufen und meinte auf jeglicher Ebene zu wissen, was eine Treppe ist. Und dann hieß es plötzlich, ich solle sie im Grundriss, im Schnitt, in Details, in unterschiedlichen Maßstäben zeichnen. Und auf einmal schien mir das völlig unmöglich. Es war ein riesiges Problem, mich da hineinzudenken: Woraus bestehen diese Elemente? Und dass wirklich jedes einzelne Teil entscheidend ist für dieses Zusammenkommen des Ganzen. Ich habe das auf einer Serviette gezeichnet. Wir saßen in der Kantstraße in einer Kneipe und haben über diese Treppe gesprochen, die wir alle zeichnen sollten. Dann habe ich die Serviette eingesteckt, damit ich auf keinen Fall vergesse, was die anderen mir erklärt hatten. Ich hatte sie lange in der Manteltasche, und irgendwann – man sieht, sie ist ziemlich zerrupft – habe ich sie, ich glaube sechs Monate später, eingerahmt und aufgehängt. Als Erinnerung daran, dass Dinge, die mir im Nachhinein einfach erscheinen, einmal extrem komplex für mich waren. Und deshalb hängt sie bis heute als eine Art Mahnmal in meinem Arbeitszimmer: dass man Denken erst lernen muss.
HH Weil wir über Anfänge sprechen, darüber, wie man in das Studium hineingeworfen wird und alle Vorstellungen über den Haufen wirft: Ich kam ja erst nach dem Bachelor in Stuttgart zum Master nach Berlin. In Stuttgart begann das Studium ebenfalls sehr analog und wir haben gegipst, getont und Pläne mit der Hand gezeichnet. Ich habe da ähnliche Gedanken gehabt wie du, Emil: Was mache ich hier eigentlich? Rückblickend wurden diese Zweifel aber vielleicht viel mehr dadurch ausgelöst, dass ich das Gefühl hatte, in Stuttgart gebe es feste Vorstellungen davon, wie Architektur zu “funktionieren” hat.
Ich habe dieses Bild ausgewählt, weil es mich an meine Entscheidung erinnert, an eine Kunsthochschule gehen zu wollen. Und an meine Vorstellung, dort eine andere Freiheit finden zu können. Dieses Bild ist von einem Tag, an dem ich das erste Mal durch das Gebäude an der Hardenbergstrasse 33 gelaufen bin – es war, glaube ich, Ende des Semesters – und ich dachte: Hier zieht jemand aus, und ich ziehe ein. Die Universität hat meine Hoffnung eingelöst, indem sie diesen wunderschönen Raum geboten hat, durch den man wandert, in dem man sich bewegt und in dem man plötzlich frei ist. Es fühlte sich tatsächlich an wie Einziehen.
EB Durch dein Bild wird mir erst wieder klar, dass das wichtigste Objekt dieses Studiums eigentlich das Haus selbst ist. Wir haben neulich darüber gesprochen – wir leben ja beide in Zürich, und dort gibt es eine große Universität, an der man Architektur studieren kann, viel über Stadt und Raum redet, aber man sitzt auf einem merkwürdigen Berg, mit niedrigen Decken und schlechten Lichtverhältnissen. Einen größeren Kontrast zu diesem Haus kann man sich kaum vorstellen.
Das Gebäude in der Hardenbergstraße ist wunderbar robust. Es ist ein schöner Raum, um über Räume und Architektur nachzudenken. Das Erleben dieser räumlichen Großzügigkeit macht viel mit den Entwerfenden. Ich habe ein Zitat von Peter Blake über seine Architekturfakultät im Kopf:
„Yet in spite of all of this, and perhaps because of it, the School of Architecture at the University of Pennsylvania was a marvelous place in which to be a student. It was, for one thing, a great building against which to rebel. It was, for another, a building capable of absorbing great globs of paint and India ink and rubber cement and paper pulp without any loss of architectural aplomb. In fact, the accretions of filth that had been contributed by generations of rebellious students had added a certain patina that improved, rather than detracted from, the ambience of this gloomy pile of bricks“ (Form follows Fiasco, Boston 1977).
HH Die Wichtigkeit dieses Ortes wurde mir besonders während der Corona-Zeit bewusst. Es wurde viel darüber gestritten, dass man abends nicht mehr in das Gebäude durfte. Weil man an diesem Ort alles ausprobieren konnte – auch mit dem Raum selbst –, gab es eine enorme Empörung über seine plötzliche Begrenzung.
HP Es gibt zwei Gründe, warum ich mein nächstes Objekt mitgebracht habe: Der eine ist der Modellbau, der andere eine Erkenntnis während meines Auslandsaufenthaltes. Neben dem Zeichnen mit der Hand ging es in den ersten Jahren schnell in den Modellbau. Das Arbeiten mit der Hand war zentral. Florian Riegler war ein großer Fan von Arbeitsmodellen aus Pappe und der Meinung, dass eigentlich alles ein Arbeitsmodell ist. Das führte auch zur Zerlegung vermeintlich fertiger Modelle.
Im dritten Studienjahr bin ich nach Tokio gegangen. Und hier sieht man nun die besten Cutterklingen der Welt. Aus Japan. Dort stand ich damals urplötzlich in einer anderen Welt: sprachlich, gesellschaftlich, architektonisch. Ich stand eines Tages vor einem Haus – ein ganz merkwürdiges. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass ich meine Eindrücke immer mit anderen abgeglichen hatte: mit Kommilitonen, Freunden, Professoren. Im Dialog kam ich zum Schluss. Und nun stand ich allein in einer fremden Welt vor einem Haus und fragte mich: Wie findest du das jetzt eigentlich ganz allein? Wenn du niemanden fragen darfst. Ich wusste nicht, was dieses Urteil überhaupt bedeuten sollte. Ich würde keine Rückmeldung bekommen. Also könnte ich ja falsch liegen. Es gab keinen anderen Ausweg: Ich musste mir allein ein eigenes Urteil bilden und dann weitergehen.
HH Die Frage nach dem eigenen Urteil und die Konfrontation mit der eigenen Haltung, die du dir vor dem Haus in Japan gestellt hast, kenne ich gut. Ich habe mein Auslandssemester in Paris verbracht, allerdings noch vor der UdK, und belegte ein Entwurfsstudio, das zu einem Teil auch in Kambodscha stattfand. Zuvor hatte es die ganze Zeit den Abgleich mit den Leuten um mich herum gegeben und einen begrenzten Kanon an Referenzen.
Und dann: andere Uni, anderes Land, Zusammenarbeit mit französischen und kambodschanischen Studierenden. In diesem Semester wurde mein Bild aus Stuttgart auf den Kopf gestellt. Vielleicht hat das auch dazu geführt, dass ich dachte: Ich will an einen Ort, an dem ich selbst suchen kann. Ich stellte mir vor, dass das an der UdK möglich ist – auch, weil die große Stadt drum herum so viele unterschiedliche Leben zulässt. Das Gebäude ist eine kleine Welt voller Leute, die sich über das “Da-draußen” Gedanken machen – und draußen ist Berlin. Was für eine Kombination.
EB Apropos da draußen ist Berlin: Das nächste Objekt ist unser Projekt aus dem Kurs Plastische und räumliche Darstellung (PRADA). Und es ist wieder etwas, womit ich mich enorm schwergetan habe. Ich war fast schon persönlich beleidigt von der Aufgabe und davon, was ich schon wieder machen sollte. Es ging um Performances im öffentlichen Raum. Das Thema war Berliner Winter – was ja ohnehin schon eine ziemlich existenzielle körperliche Erfahrung ist.
HP Und mentale.
EB Ich fand diese Vitrinen am Kurfürstendamm immer sehr berlinisch – sie sind groß, auffällig und gleichzeitig unsichtbar. Wir wollten ein subversives Element einführen, haben eine Vitrine eins zu eins nachgebaut und sind damit den Ku’damm herauf und herunter gezogen. Darin haben wir verschiedene Dinge veranstaltet. Eine Kommilitonin hatte beim Szenenbild gearbeitet und Kontakte zu einer Statistenkartei. Also engagierten wir professionelle Statisten, die sich einen Nachmittag lang in diese Vitrine setzten und dort arbeiteten. Es war wieder eine Erfahrung, in der man alles loslässt. Im Rahmen dieses verpflichtenden Bachelor-Studios hatte man die Möglichkeit, ein ganzes Semester lang etwas völlig anderes zu machen. Sich künstlerisch zu versuchen.
Natürlich bleibt man Architekt – wir haben ja trotzdem irgendwie ein kleines Haus gebaut. Aber die Vitrine entwickelte ein richtiges Nachleben. Sie stand noch ewig in der Uni, wanderte durch die Geschosse, und andere Leute begannen, sie für ihre eigenen Zwecke zu benutzen.
HH Mein nächstes Objekt ist ein kleines Heft mit japanischer Fadenbindung. Es steht für mich für die Verbindung zu den anderen Künsten und dem Handwerk an der UdK und ich fand in ihm die Antwort darauf, warum wir zu Beginn des Studiums so viel analog gearbeitet hatten. Ich belegte einen Buchbinderkurs in der Papierwerkstatt. Während dieser Arbeit stieß ich auf ähnliche Fragen, die ich mir mit Bezug auf die Architektur oft stellte: Wie füge ich Materialien zusammen, wie funktioniert das Objekt, welche Proportionen haben die einzelnen Elemente? Man musste schon nach den Künsten und Werkstätten suchen in diesem großen Haus. Aber wenn man sie gefunden hatte, hat man viel mitbekommen.
EB Bewusst oder unbewusst macht das, was an diesem Ort noch stattfindet, etwas mit einem. Ich komme ursprünglich aus der Musik und hatte lange vor dem Architekturstudium mit der UdK zu tun – als Sänger im Staats- und Domchor Berlin. Der Probenort im Kirchenmusikinstitut war nur wenige Gehminuten von den Studios entfernt, in denen man ohnehin die meiste Zeit verbracht hat. Wenn man im Architekturstudio das Fenster aufmacht, hört man außerdem Gesang, Klavier, Instrumente aus den benachbarten Räumen in der Musikfakultät in der Fasanenstraße. Unten sieht man, welche Ausstellung gerade in der Bildenden Kunst läuft. Auf dem Weg zum Müllplatz läuft man an den Bildhauereiwerkstätten vorbei. Ob man sich nun aktiv dort ausbilden lässt oder nicht, diese Umgebung befruchtet den Denkprozess.
HH Selbst wenn man sich nur im Hof trifft. Oder diese Zeit vor dem Rundgang – wie ein Bienenstock. Alle bereiten etwas vor. Im ganzen Haus wird plötzlich alles sichtbar, was dort passiert.
Im Rahmen meiner Masterarbeit hatte ich ein spannendes Seminar bei den Komponisten belegt. Später gab es eine Zusammenarbeit mit einer Dirigentin eines Berliner Chors. Wir sprachen viel: Wie komponiert ihr Musik? Wo liegen Zusammenhänge? Es entstand ein Austausch und das Verständnis, dass die Dinge sich sehr ähneln, nur der Ausdruck in unterschiedlichen Medien stattfand. Dann gab es Chorkonzerte zum Thema Raum – und die Modelle dazu. Eines meiner Modelle stand dann im Großen Refraktor auf dem Telegraphenberg in Potsdam, einem der Konzertorte. Wir haben Zeichnungen und Partituren nebeneinander gelegt, Notationsformen verglichen – Architekturpläne und Musik. Das war wunderbar – die Ähnlichkeit der Fragen und die Verschiedenheit der Form.
EB Es wurde immer spannend, wenn man es schaffte, sich in die echten Veranstaltungen der anderen Fakultäten einzuschleichen. Ich habe das ein-, zweimal gemacht, auch bei den Musikwissenschaftlern, zum Beispiel zum Thema architektonischer Prinzipien in Bachs großen Oratorienwerken.
Vielleicht ist das ein guter Moment, um über Wissenschaft und Forschung zu sprechen – klassischerweise sind in diesem Bereich an einer Architekturfakultät die Ingenieurwissenschaften und die Architekturgeschichte und Architekturtheorie vertreten. Aber gibt es so etwas wie eine Verwissenschaftlichung des Entwerfens? Können wir entwerfend forschen? Braucht es das? Oder ist das nicht die genuine Aufgabe von Entwerfenden?
HP Ich würde sagen, die genuine Aufgabe von Entwerfenden ist zunächst einmal, dem Formlosen eine Form zu geben. Über Material – oder über ein gedachtes Material. Dazu braucht es ein enormes Wissen, eine große Einfühlsamkeit und einen ungemeinen Erfahrungsschatz, sodass eine Gestalt entsteht. Dafür muss man Denken lernen. Forschung kann beidem helfen und von beidem profitieren. Aber sie ist nicht der Ausgangspunkt.
HH Entwurfsforschung – gibt es das? Man forscht doch sowieso ständig. Man sucht, zum Beispiel nach einer Form. Ich finde es schwierig, das an einen klassischen Wissenschaftsbegriff zu knüpfen.
EBMan gerät schnell in einen Rechtfertigungszwang und versucht, einem Prozess wissenschaftliche Kriterien überzustülpen, der eigentlich aus Vernetzung besteht: aus der Verbindung unterschiedlicher Disziplinen, Wissensformen, Erfahrungen. Man kann an das Ergebnis wissenschaftliche Kriterien anlegen, ja. Aber wenn man den Prozess zu stark systematisiert, fasst man ihn unterkomplex. Systematisierung beruht immer auf Ausschluss. Das Tolle an der UdK ist, dass man in viele Richtungen denken darf, sich ausprobiert. Das ist ein forschender Prozess, der sich dem rein Methodischen entzieht. Das macht ihn schwer kommunizierbar und gleichzeitig so wertvoll. Es gibt nicht die eine Methode.
HP Offenheit und die Bereitschaft, in Tiefe und Komplexität zu gehen, ist in einer durchstrukturierten, normierten Welt extrem selten. Dinge nicht nur an vorgeprüften Maßstäben zu messen. Die tatsächliche Suche entspricht dem, was ich unter Bildung verstehe.
EB Es gibt auch noch das Instrument der Kritik. Vielleicht ist das das eigentliche Ergebnis von Bildung: kritikfähig zu werden – Kritik geben zu können, Kritik anzunehmen und zu verstehen.
HH Ein letztes Bild habe ich noch. Es ist eines meiner Musikmodelle, die Ergebnisse meiner Masterarbeit. Das passt auch noch einmal zur Suche nach der Methode.
HP Wie hast du diese Masterzeit erlebt? So als Ende der Reise, wenn man so will.
HH Am Ende ging es mir gut – der Anfang war schlimm. Ich hatte eine Idee, aber keine Ahnung von der Methode. Und das ist oft ein Problem beim Entwerfen: Man braucht eine methodische Grundlage, um nicht zu banal zu werden. Als ich die Methode hatte, tat das unglaublich gut. Sie hat plötzlich alles getragen und die Art zu arbeiten gerechtfertigt. Ab dem Moment, in dem ich wusste, wie ich suche, wurde es die beste Zeit im Studium.
EB Das ist ja im Kern eine Forschungsfrage. Es gab kaum klassische Architekturentwürfe in unserem Abschlussjahrgang. Aber die Methoden waren extrem vielfältig. Was muss ein Architekturstudium leisten, wenn gesellschaftlich erwartet wird, dass Absolventen erklären können, wie man ein Haus von A bis Z plant? Es ist eine andere Bandbreite an Fragen, an Flughöhe und Maßstäben, die verhandelt werden – das findet man in dieser Vielfalt an sehr wenigen Orten.
HP Und vielleicht ist das auch eine Antwort auf deine Frage, Emil: Wofür bildet man hier eigentlich aus? Meine Vermutung wäre: damit man lernt, selbst zu denken. Eigene Strukturen zu entwickeln. Eigene Regeln.
HH Besonders fällt es aus der Lehrendenposition auf. Man sieht und hört wie unterschiedlich alle denken, wie vielfältig die Herangehensweisen sind. Den ganzen Tag fragt man: Was entwirfst du da? Wie gehst du weiter?, das ist der Wahnsinn, wie viele Gedankenkonstrukte, wie viele Vorstellungen von Architektur hier zusammenkommen und was jeder Einzelne von diesem Studium will.
EB Und das geht nur, weil es Zeit und Raum dafür gibt, Dinge tatsächlich miteinander zu verhandeln.
HP Der Ansatz ist ein anderer, wenn zwanzig Leute im Raum sitzen statt vierhundert. Die Nähe, die Beschäftigung miteinander, der Versuch, jedem zuzuhören und gerecht zu werden. Mir hat es viel bedeutet, Professoren gegenüberzusitzen, die mich an- und ernst genommen haben.
HH Es gibt Raum zum Zuhören. Sonst ist man mit den Gedanken allein, wie du in Japan. Die Bedeutung entsteht im Austausch. Und das funktioniert nicht in riesigen Studiengängen.
EB In der Freiheit des Masters habe ich anderthalb Jahre nicht einmal das gemacht, was eigentlich vorgesehen war. Stattdessen begann ich tragwerksplanerisch zu forschen. Als Student führte ich ein Drittmittelprojekt mit, inklusive großem Prototypenbau, ganz ohne mein Studium zu verzögern. Das wurde mir ermöglicht, weil Initiative gefördert wird und sich mit dem Studium vereinbaren ließ. Vielleicht entspricht das nicht dem klassischen künstlerischen Profil, aber es gehört doch dazu.
HP Dass man diese Dinge als zusammengehörig begreift, lernt man spätestens in diesem Studium.
HH Was sagt ihr zur eingangs gestellten Frage von Max Taut? Der Freiheit des Lernens und Lehrens und der Idee, „künstlerisch und kulturell verantwortungsbewusste Architekten aus[zu]bilden.“?
EB Verantwortung ist sicherlich nicht falsch, aber sie kann auch die Freude nehmen, wenn ihre Auslegung zu moralinsauer wird. Die Freude darf nie verloren gehen. Mir gefällt eher der Begriff der Ernsthaftigkeit. Der Verantwortung ist aus meiner Sicht Genüge getan, wenn man Menschen dazu erzieht, sich ernsthaft mit Dingen auseinanderzusetzen.
HP Ich sehe die Verantwortung im eigenen Denken, in den eigenen Regeln gegenüber einer Welt, die nicht aus sich selbst gute Architektur hervorbringt.
HH Und im gegenseitigen Ernstnehmen und Zuhören.
HP Vor 60 Jahren schrieb Anni Albers einen Text, dessen Warnung erschreckend aktuell wirkt. Der Einseitigkeit müssen wir uns dringend entgegensetzen:
„Wir berühren Dinge, um uns der Wirklichkeit zu vergewissern. Wir berühren die Gegenstände, die wir lieben. Wir berühren die Dinge, die wir gestalten. Unsere taktilen Erfahrungen sind elementar. Wenn wir ihren Bereich verringern, werden wir einseitig.“ (On Weaving, Middletown 1965).
EB Und man müsste sich natürlich auch noch berühren lassen. Von den Dingen.
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