Fachübergreifender Austausch und aktuelle Forschung bei der Fachtagung an der UdK Berlin
Wie wirksam sind Musik und Musiktherapie in unterschiedlichen medizinischen und therapeutischen Kontexten? Welche aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen vor und wie lassen sich diese in die klinische Praxis übertragen? Diesen und weiteren Fragen widmete sich die Fachtagung „Musikbasierte Interventionen: Evidenz, Praxis und Perspektiven“, die am 10. Oktober 2026 an der Universität der Künste Berlin stattfand.
Die Veranstaltung brachte Expert:innen aus Musiktherapie, Medizin, Neuropsychologie und Forschung zusammen und bot den Teilnehmenden einen spannenden Einblick in aktuelle Entwicklungen wissenschaftlicher und praktischer Arbeit mit musikbasierten Interventionen. Neben hochkarätigen Fachvorträgen standen insbesondere der interdisziplinäre Austausch, fachliche Diskussionen und persönliche Begegnungen im Mittelpunkt.
Ein vielfältiges Programm zwischen Forschung und Praxis
Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Stefan Mainka und Prof. Dr. Anne-Katrin Jordan eröffnete Prof. Dr. Dr. Thomas Stegemann, Leiter des Wiener Studiengangs Musiktherapie, die Tagung mit einem Vortrag zur Musiktherapie im Jugendalter. Dabei stellte er aktuelle Erkenntnisse zur Evidenzlage und zu neurobiologischen Wirkmechanismen vor und verdeutlichte, welche Bedeutung musiktherapeutische Interventionen für die Entwicklung und psychische Gesundheit junger Menschen haben können.
Ein weiteres Highlight des Vormittags war der Beitrag von Dr. Florian Worschech vom Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Unter dem Titel „Klavierlernen 60+: So dient Musizieren der Gesundheit im Alter“ präsentierte er aktuelle Forschungsbefunde zu den positiven Auswirkungen musikalischer Aktivität im höheren Lebensalter. Besonders eindrucksvoll war die Darstellung, wie kontinuierliches Instrumentalspiel kognitive Funktionen, Wohlbefinden und Lebensqualität fördern kann. Die vorgestellten Ergebnisse machten deutlich, dass musikalisches Lernen keineswegs auf junge Lebensphasen beschränkt ist, sondern bis ins hohe Alter gesundheitsfördernde Potenziale entfalten kann.
Anschließend widmeten sich Dr. med. Gert Tuinmann und Sophie Just der Frage, welchen Stellenwert Musiktherapie innerhalb der somatischen Medizin einnehmen sollte. Anhand des musiktherapeutischen Konsildienstes wurde anschaulich dargestellt, wie Musiktherapie bereits heute erfolgreich in medizinische Versorgungskonzepte integriert werden kann. Besonders die praxisnahen Einblicke in die Arbeit an der Charité Berlin machten deutlich, welchen Beitrag musiktherapeutische Angebote zur Unterstützung von Patient:innen leisten können.
Musik und Neurorehabilitation
Der Nachmittag stand insbesondere im Zeichen neurologischer und neurorehabilitativer Fragestellungen. Dr. Annerose Engel vom Universitätsklinikum Leipzig stellte in ihrem Vortrag über musikgestütztes Aufmerksamkeitstraining aktuelle Erkenntnisse aus der Neurorehabilitation vor. Die präsentierten Forschungsergebnisse zeigten eindrucksvoll, wie musikalische Aktivitäten gezielt zur Förderung neurokognitiver Funktionen eingesetzt werden können.
Gerade die Verbindung von Musik und kognitivem Training verdeutlichte einmal mehr, dass Musik weit mehr ist als ein kulturelles oder ästhetisches Phänomen. Sie kann als therapeutisches Medium genutzt werden, um Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und weitere kognitive Prozesse gezielt anzusprechen und zu fördern.
Daran anschließend präsentierten Monika Baumann, Anna Badorrek und Prof. Dr. Stefan Mainka die Neuauflage des Indikationskatalogs Musiktherapie in der Neuro-Reha 2026. Die Vorstellung zeigte, wie sich musiktherapeutische Indikationen durch wissenschaftliche Evidenz und klinische Erfahrungen weiterentwickeln und präzisieren lassen. Die vorgestellten Ansätze lieferten wichtige Impulse für die zukünftige Gestaltung musiktherapeutischer Angebote in der neurologischen Rehabilitation.
Besonders bewegend waren die Praxisberichte und Fallbeispiele aus dem klinischen Alltag. Sie verdeutlichten, wie Musiktherapie Menschen in belastenden Lebenssituationen unterstützen kann und welchen Stellenwert individuelle musikalische Erfahrungen innerhalb therapeutischer Prozesse einnehmen.
Diskussion über die Zukunft musikbasierter Interventionen
Ein weiterer Höhepunkt der Tagung war die abschließende Podiumsdiskussion zum Einsatz von Musik und Musiktherapie in der Medizin. Unter der Moderation von Prof. Dr. Anne-Katrin Jordan diskutierten Dr. med. Isabel Fernholz, Prof. Dr. Friederike Kendel, Dr. Angelica Postu, Monika Baumann sowie Prof. Dr. Dr. Thomas Stegemann über aktuelle Herausforderungen, Chancen und Perspektiven des Fachgebiets.
Im Zentrum standen Fragen nach der weiteren Integration musiktherapeutischer Angebote in medizinische Versorgungssysteme, sowie den zukünftigen Entwicklungen in Forschung und Ausbildung. So wurde die Idee eines Anspruchs auf ein Musikpräventionsangebots diskutiert, analog zu den bestehenden Angeboten zum Reha-Sport. Im Bereich der Ausbildung von Mediziner:innen wurde die Wichtigkeit einer verstärkten Einbindung von Musiktherapeut:innen empfohlen und erste Ideen dazu entwickelt. Der Austausch zeigte eindrucksvoll, wie fruchtbar die Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen sein kann und wie groß das Potenzial musikbasierter Interventionen für die Gesundheitsversorgung ist.
Mehr als eine wissenschaftliche Tagung
Neben den fachlichen Inhalten zeichnete sich die Veranstaltung vor allem durch ihre offene und inspirierende Atmosphäre aus. Die Tagung bot zahlreiche Gelegenheiten zum persönlichen Austausch zwischen Forschenden, Therapeutinnen und Therapeuten, Studierenden sowie weiteren Interessierten. Viele Gespräche wurden in den Pausen und beim gemeinsamen Mittagessen fortgeführt und ermöglichten neue Perspektiven sowie wertvolle Vernetzungen.
Besonders bereichernd waren zudem die musikalischen Beiträge von Studierenden des Masterstudiengangs Musiktherapie der Universität der Künste Berlin. Die Musik schuf nicht nur inspirierende Momente zwischen den Vorträgen, sondern machte die Bedeutung musikalischer Erfahrungen unmittelbar erlebbar und verlieh der Tagung eine besondere Atmosphäre.