MigrantXFuturity - Bildung und Kunst im double bind. Ästhetische Suchbewegungen in Migrationsverhältnissen

Saboura Naqshband & Ulaş Aktaş (UdK Berlin) mit Aysun Doğmuş & Sezen Çakmak (TU Berlin)
MigrantXFuturity - Bildung und Kunst im double bind. Ästhetische Suchbewegungen in Migrationsverhältnissen

Einführungsvorlesung ODER Seminar, Deutsch/Englisch, 2 SWS, 2 ECTS
Donnerstags, 16-18 Uhr, 9 Onlinetermine: 22.10., 5.11., 12.11., 19.11., 3.12., 17.12.2026, 14.1., 28.1., 11.2.2027 sowie zweitägiger Präsenz-Block zum Semesterende, tba

Anmeldung auf Moodle ab / Registration on Moodle begins 12.10.2026: https://moodle.udk-berlin.de/moodle/course/view.php?id=3324
Einschreibeschlüssel / Enrollment Key: migrant

Migrationsgesellschaftliche Gegenwart ist von paradoxen Doppelbotschaften geprägt. Menschen werden zugleich zur Teilhabe aufgefordert und von ihr ausgeschlossen, als gleich anerkannt und als „Andere“ markiert. Diese Widersprüche lassen sich als postkoloniale double binds verstehen: als Aporien, in denen gehandelt werden muss, obwohl keine widerspruchsfreie Position existiert (Castro Varela/Haghighat 2023). Das Integrationsparadigma verspricht Zugehörigkeit und reproduziert zugleich die Grenze zwischen einem nationalen „Wir“ und den „Anderen“ (Mecheril 2013/2015). Prozesse des Othering organisieren gleichzeitig Ein- und Ausschluss sowie Auf- und Abwertung migrantisierter Subjekte (Terkessidis 2004; Velho 2010). Daraus entstehen Handlungssituationen, die sich weder durch Anpassung noch durch Widerstand auflösen lassen. Gerade deshalb ist das postkoloniale double bind nicht nur eine Diagnose gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Es bezeichnet einen Ort, an dem Handlungsfähigkeit immer wieder neu hervorgebracht werden muss.
Hier setzt MigrantXFuturity an. Wir verstehen Futurity nicht als Vorstellung einer besseren Zukunft, sondern als ästhetische und politische Praxis, innerhalb dieser Widersprüche neue Möglichkeiten des Denkens, Wahrnehmens und Handelns zu eröffnen. Zukünftigkeit entsteht nicht jenseits des double bind, sondern aus der Auseinandersetzung mit ihm. Sie bezeichnet die Fähigkeit, trotz kolonialer und rassistischer Ordnungen andere soziale Wirklichkeiten zu imaginieren und bereits in der Gegenwart erfahrbar zu machen. José Esteban Muñoz beschreibt Queer Futurity als politische Praxis der Hoffnung, mit der marginalisierte Subjekte auf einer Zukunft bestehen, die ihnen in der Gegenwart verweigert wird. Der Afro-futurismus unterbricht koloniale Zeitordnungen, indem er alternative Zukunftsentwürfe aus Schwarzer diasporischer Perspektive entwickelt und Kunst, Technologie sowie Imagination als Praktiken kollektiver Selbstermächtigung begreift. Postkoloniale Ansätze (Spivak, Bhabha) verschieben den Blick schließlich auf die Bedingungen des Zukunftsentwurfs selbst: Zukunft ist nie unschuldig, sondern entsteht innerhalb kolonialer Machtverhältnisse. Handlungsfähigkeit bedeutet daher nicht, Widersprüche aufzulösen, sondern – in Spivaks Sinne – das postkoloniale double bind »spielen« zu lernen. Kunst kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Als ästhetische Praxis macht sie die Bilder, Narrative und Affekte sichtbar, durch die gesellschaftliche Wirklichkeit hergestellt wird. Zugleich eröffnet sie Räume, in denen diese Ordnungen irritiert, verschoben und neu entworfen werden können. Ästhetische Erfahrungen reproduzieren gesellschaftliche Bedeutungen nicht nur – sie erzeugen neue Vorstellungsräume und machen damit andere Zukünfte denk- und erfahrbar. Kunst ist deshalb kein bloßer Spiegel migrations-gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern ein Medium der Zukünftigkeit. Die Ringvorlesung MigrantXFuturity versteht Bildung und Kunst deshalb als Orte, an denen gesellschaftliche Widersprüche nicht nur analysiert, sondern transformiert werden. Gemeinsam mit Künstler*innen, Kunstpädagog*innen und Wissenschaftler*innen gehen wir also folgenden Fragen nach:

  • Wie werden postkoloniale double binds in Kunst und Bildung sichtbar – und wie lassen sie sich ästhetisch bearbeiten?
  • Welche Formen von Handlungsfähigkeit entstehen im Spannungsfeld von Affirmation und Subversion?
  • Wie entwerfen künstlerische und pädagogische Praktiken Zukünftigkeit innerhalb migrationsgesellschaftlicher Verhältnisse?
  • Welche Bilder, Narrative und ästhetischen Erfahrungen eröffnen Möglichkeiten eines anderen Zusammenlebens?

Programm:

22.10.2026 | Double bind postkolonial in Migrationsverhältnissen
Vortrag von María do Mar Castro Varela

05.11.2026 | Decolonize Kindheit
Vortrag von Olenka Bordo Benavides & Seyran Bostancı

12.11.2026 | Was das Verfahren nicht hören muss. Institutioneller Rassismus und die Ordnung des Hörbaren.
Vortrag von Donja Amirpur

19.11.2026 | Mehrsprachigkeit dekolonial
Vortrag von Marita Orbegoso Alvarez & Mandana Seyfeddinipur (angefragt)

03.12.2026 | Bildungswege in der Migrationsgesellschaft
Vortrag von Çagrı Kahveci & Mohamed Lamrabet

17.12.2026 | „Ich rappe, also bin ich!“Musikdidaktik & Empowerment
Podiumsgespräch mit Ali Konyali, Shanti Suki Osman, Mehtap Arı

14.01.2027 | Queere Künstler*innen of Color
Podiumsgespräch mit Rena Onat & Anisha Gupta Müller

28.01.2027 | Afrofuturistische und abolutionistische BildungsXZukünfte
Podiumsgespräch mit Saraya Gomis & Ford Kelly (angefragt)

11.02.2027 | Intersektionale Praxisreflexion – Utopien für eine gerechte Bildung
Vortrag Maisha M. Auma & Aline Oloff

Termin für zweitägigen Block MigrantXFuturity Reflection/Flourishing Lab am Semesterende folgt.

Leistungsanforderungen für den unbenoteten Schein / Fulfilment criteria for ungraded accreditation: Anwesenheit, aktive Teilnahme

 

Saboura Naqshband (sie/they) ist Politik- und Erziehungswissenschaftler*in, Kulturanthropolog*in und wissenschaftliche Mitarbeiter*in im Fachbereich Grundschulpädagogik / Musisch-Ästhetische Erziehung / Kunstdidaktik der Universität der Künste Berlin.  Sie promoviert und lehrt zu Theorien und Praktiken diskriminierungskritischer ästhetischer Bildung in der postmigrantischen Gesellschaft. Darüber hinaus liegen ihre Schwerpunkte in Rassismuskritik, post-/dekolonialer Theorie, (materialistischer) Intersektionalitätsforschung, kritischer Migrationsforschung, migrantischer Selbstorganisation, migrantischem und muslimischem (Queer-)Feminismus, sowie Religion, Sexualität und Geschlecht im Kontext des antimuslimischen Rassismus. They ist außerdem intersektionale Berater*in, tanz- und körperbewegte Empowermenttrainer*in und Performer*in, sowie Mitglied des postkolonialen bildungsLab* und Mitgründer*in des Berlin Muslim Feminists Kollektiv. Zuletzt von ihr erschienen ist der Sammelband "Art that Cares - (Kunst)pädagogik als kollektive Fürsorge" (Unrast 2024), sowie die Beiträge "Unlearn Klasse" (in Unlearn Patriarchy II; Ullstein 2024), „Muslimischer Feminismus intersektional“ (BPB 2024), „Becoming European: Muslim* als Queer“ (in (K)ein Kopftuchbuch, Transcript 2023), "decolonize body/Körper" (in Decolonize Erziehungswissenschaften, BeltzJuventa 2023), „Under Surveillance“ (in Double Bind postkolonial, Transkript 2023) und die Pilotstudie "Wer bleibt?-Eine Pilotstudie zu Karrierewegen von BiPoC-Wissenschaftler*innen in der Migrations-, Integrations- und Rassismusforschung" (NaDiRa WP #11, DeZIM 2024).