Das Späth-Arboretum: Pflanzen zwischen Lebendsammlung und Archiv
Jann Mausen
Das Späth-Arboretum: Pflanzen zwischen Lebendsammlung und Archiv
Seminar, Deutsch, 2 SWS, 2 ECTS, 5 Plätze
Das Seminar beginnt am 14.4.2026 (14-16 Uhr) Anschließend finden an Dienstagen Doppelsitzungen (14-18 Uhr) entweder in der Sophienstraße 22-22a oder im Späth-Arboretum statt. Die genauen Termine werden in der ersten Sitzung bekanntgegeben.
Für Studierende, die noch dazustoßen wollen: die nächste Sitzung findet am 5.5. (14-18 Uhr) in der Sophienstraße 22-22a (Zweiter Hinterhof EG, Raum 0.03) statt.
Anmeldung bis zum 14.4. 2026 unter: jann.mausen@hu-berlin.de.
Der botanische Garten der Humboldt-Universität, das Späth-Arboretum in Berlin-Baumschulenweg, ist ein spannender Ort, um sich kulturwissenschaftlich mit botanischen Sammlungen auseinanderzusetzen. Das Arboretum (von lat. arbor = Baum u. -etum = Ort einer Anpflanzung) umfasst eine vielfältige botanische Gehölzsammlung. Sie entwickelte sich aus einer Baumschule, die Bäume mithilfe von Pflanzenjäger:innen aus Nordamerika, Vorder-, Mittel-, und Ostasien sowie Süd-Ost-Europa versammelte, über einen Schau- und Versuchsgarten im Stil eines englischen Landschaftsparks (Ende 19. Jh.) hin zu einem universitären botanischen Garten mit Einsatz in Lehre und Forschung (seit 1960er Jahre). Der Hauptteil des Arboretums besteht somit aus einer sogenannten „Lebendsammlung“, die von Gärtner:innen gepflegt und erhalten wird. Doch das ist nicht alles: Im Dachstuhl des Späth-Arboretums befindet sich ein Archiv, das Herbarium der Humboldt-Universität, welches Herbarbelege, Samen und besondere, ausgetrocknete Pflanzenexemplare enthält. Das Archiv wird bspw. zur Artenbestimmung genutzt. Es ist bis auf erste Explorationen (Hennig et al. 2013) nicht aus Perspektive der Sammlungsforschung betrachtet worden. Das Archiv bezeugt historische internationale Kooperationen wie mit der Universität Havanna in Kuba und beherbergt städtebauliche Pläne Ost-Berlins für die Entwicklung des Volksparks Blankenfelde -- viele spannende Ausgangspunkte für mögliche Forschungen im Seminar. Heute verfolgt der botanische Garten zwei grundlegende Aufgaben. Zum einen forschen Biolog:innen an neuen Erkenntnissen zu Pflanzen, deren Anzucht und Pflege und zum anderen nimmt das Arboretum eine besondere Rolle in der Erhaltungskultur von seltenen Pflanzen ein.
In einführenden Sitzungen werden wir eine gemeinsame Diskussionsbasis zu Sammlungs- und Objektforschung erarbeiten. Der besondere Fokus auf Pflanzen bedingt eine Einleitung in die Plant Studies (Stobbe 2019) und die Diskussion der Frage, wie Pflanzen zu Objekten werden (Herbarien nehmen hierbei eine beachtenswerte Funktion ein). Wir besprechen botanische Institutionen im Bezug auf ihre koloniale Geschichte und den Wandel ihrer Funktion und Arbeitsweise. Mithilfe von Objektbiographien (Braun 2015) entwickeln wir einen kritischen Zugang sowohl zu Sammlungen als Gesamtheiten, als auch zu einzelnen Exponaten. Außerdem diskutieren wir Hindernisse und Potentiale der Methode Objektbiographie in ihrer Anwendung auf Pflanzen und der Wahrnehmung ihrer Handlungsmacht (agency).
Mögliche Schwerpunkte sind: Momente der Bedrohung von botanischen Sammlungen, wie Verdrängung (vgl. das wichtige Vavilov-Institut nahe St. Petersburg, das durch Luxus-Immobilienbau bedroht war), oder technischer Innovationsdruck, da zunehmend Samenbanken die traditionelle Aufgabe des ex-situ Erhalts bedrohter Pflanzenarten übernehmen. In Berlin sind angesichts von Haushaltskürzungen des Berliner Senats oder universitätsinternen Entscheidungen botanische Gärten bedroht. Weiterer möglicher Schwerpunkt ist die Inszenierung von Natur im Späth-Arboretum. Dazu gehört das Landschaftsdesign im Stil eines englischen Gartens, aber auch die Frage, inwieweit das Späth-Arboretum dem zu beobachtenden Trend des Wandels der sozialräumlichen Konstellation botanischer Gärten als „Humboldtian collector of nature“ zu einem „protector of biodiversity“ zugehört. Beispielsweise werden Bäume im Späth-Arboretum aufgrund ihrer Seltenheit oder ihres Alters als champion trees (Definition der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft) oder etwa als klimawandelresistente Zukunftsbäume inszeniert.
Leistungsanforderungen für den unbenoteten Studium Generale Leistungsschein: regelmäßige und aktive Teilnahme, Lektüre und der Vorbereitung zweier Schreibübungen.
Jann Mausen (er/ihm) ist Kulturwissenschaftler (M.A.). Er promoviert derzeit am Institut für Europäische Ethnologie (HU Berlin) zum Thema „Pflege und Vernachlässigung städtischer Vegetation in Berlin“. 2024 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Kustodie an der Otto-von-Guericke-niversität in Magdeburg angestellt. 2022 hat er das Netzwerk Kontaminiert Werden im Rahmen eines X-Tutorials (Berlin University Alliance) mitinitiiert, welche bis heute fortbesteht und in verschiedenen Formaten in die Öffentlichkeit tritt. Die Gruppe forscht zwischen Human-Plant Studies, (Landschafts)Architektur, Kunst und Stadtökologie. Jann Mausen ist Mitherausgeber von Publikationen des Netzwerks zu stadtspezifischen Beziehungen zwischen Mensch und Pflanze. Er hat in diesen und weiteren Publikationen zu Auseinandersetzungen mit urbanen Ökologien, natur/kulturellen Verflechtungen und experimenteller Stadtforschung geschrieben. Zuletzt hat Jann Mausen im Rahmen einer Residency am Tieranatomischen Theater ein offenes Labor mit einer Ausstellung und öffentlichen Veranstaltungen organisiert, um verschiedene Ansätze des Netwerks öffentlich zu diskutieren.