Engelbert Humperdinck
Engelbert Humperdinck, der Komponist der Oper „Hänsel und Gretel“, gehört zu den früheren Lehrern an der Berliner Hochschule für Musik, der heutigen Musik-Fakultät der UdK. Seine Geburtsstadt Siegburg richtet jetzt zu seiner Lehrtätigkeit und seinem Schülerkreis ein Symposium aus: „Humperdinck – der Lehrer und seine Schülerschaft“ (6.– 7. November 2026). Da darf er in dieser hochschulgeschichtlichen Kolumne nicht fehlen!
Zur Jahreswende 1900/01 tauschte Engelbert Humperdinck sein ländliches Idyll in Boppard am Rhein, wo er sich niedergelassen hatte, gegen Berlin, die Kaiserstadt und Metropole. Anlass für diesen Umzug war ein Angebot, das ihm ein Vertreter des preußischen Kultusministeriums persönlich überbrachte: die Position des „Vorstehers“ einer „Meisterschule für musikalische Komposition“ an der Königlichen Akademie der Künste. Die Konditionen waren günstig: Die Stellung besaß Ansehen, sie war gut dotiert und ließ Humperdinck bei moderaten Pflichten genügend Spielraum, die eigene kompositorische Arbeit fortzuführen.
Humperdinck gab sein Refugium im Westen des Deutschen Reiches auf und trat in den preußischen Staatsdienst. Mit Verfügung vom 5. November 1900 sprach der Preußische Minister der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten die Berufung aus. In einer Sitzung des Senats der Akademie der Künste wurde Humperdinck am 4. Januar 1901 in sein Amt eingeführt. Die Bestallung erfolgte „in dem Vertrauen“, dass er als Kompositionslehrer „Seiner Majestät dem Könige und dem Allerhöchsten Königlichen Hause in unverbrüchlicher Treue ergeben bleiben […] werde.“
Mit seiner Berufung folgte die preußische Kunstpolitik dem Urteil der Kunst-Öffentlichkeit. Nach dem grandiosen Erfolg der Oper Hänsel und Gretel (1893) stand Humperdinck auf dem Höhepunkt des Ruhms. Seine Ernennung zeigt an, dass sich die Verantwortlichen in der preußischen Kunstpolitik, nicht zuletzt der Referent für Kunst und Musik, Friedrich Schmidt-Ott, bei einer solchen Berufung nicht mehr mit den unterschiedlichen Spielarten einer ‚Berliner Schule‘ und mit örtlichen Konnexionen zufriedengeben wollten.
Humperdincks Verbindung mit Berlin, die nun geschlossen wurde, hat eine Vorgeschichte: Der junge Humperdinck hatte zwar nicht hier studiert, doch kam er mit der Hochschule für Musik dennoch in Berührung. In Siegburg gebürtig und somit aus der preußischen Rhein-Provinz stammend, war er berechtigt, sich um ein Stipendium der Meyerbeer-Stiftung und um den Preis der Mendelssohn-Stiftung zu bewerben, die beide von Berlin aus vergeben wurden. Bei beiden Adressen war Humperdinck erfolgreich, 1879 und 1881. Die Handschriften der eingereichten Kompositionen befinden sich noch heute an der UdK, in der Obhut der Universitätsbibliothek. Es handelt sich um die „dramatische Cantate“ Die Fischerin für Soli und Orchester und die Humoreske in E-Dur.
Der Mendelssohn-Preis wurde von einem dreiköpfigen Kuratorium unter Leitung von Joseph Joachim vergeben. Humperdinck ermöglichte das Preisgeld einen Italien-Aufenthalt, der dazu beitrug, dass er ins Lager der „Neudeutschen“ geriet. Das lag gewiss nicht in der Absicht derer, die ihm seine Reise ermöglicht hatten.
Doch das lag lange zurück, als er um die Jahrhundertwende nach Berlin kam. Als Anhänger Wagners war er nun kaum noch umstritten; der musikalische Poet des deutschen Märchens eckte nicht an. Auch bei der Regelung der finanziellen Seite seines Lehramts scheint er konziliant gewesen zu sein: „Hümpchen“ habe sich wie „im Traum“ anstellen lassen und „vergessen“, Berufungsverhandlungen zu führen, schrieb Cosima Wagner in einem Privatbrief. Damit stimmt überein, wie ihn ein Schüler, der Pianist und Schriftsteller Walter Niemann, charakterisierte: Humperdinck sei „immer ein wenig versonnen, verträumt und vielleicht ein wenig kränklich und müde“ gewesen. So verkörperte der Komponist von Grimm’s Märchen, die als nationales Kulturgut galten, ein deutsches Fin de siècle im ‚langen‘ 19. Jahrhundert: kaisertreu, volkstümlich, romantisch.
Anfangs war es Humperdinck – nicht zuletzt aus purer Raumnot – erlaubt, seine Klasse in der Privatwohnung zu empfangen. Wolfram Humperdinck, sein Sohn, erinnerte sich an das Kommen und Gehen der Schüler im Hause des Vaters; er habe sich oft auch um persönliche Belange seiner Adepten gekümmert. Diese Unterweisung im privaten Rahmen gehört auch zur Vorgeschichte der Busoni-Klasse, die sich in den frühen 1920er Jahren in dessen legendärer Wohnung am Victoria-Luise-Platz in Schöneberg versammelte.
Nachdem die Hochschule 1902 ihren Neubau in der Charlottenburger Fasanenstraße bezogen hatte, fand der Unterricht von Humperdincks Meisterklasse dort statt. Wie Joseph Joachim berichtete, wurde dafür „ein Zimmer eingerichtet“. Zur Klasse gehörten durchschnittlich ungefähr zehn Studierende. Unter ihnen befanden sich Leo Blech, der von 1910 an als Kapellmeister am Opernhaus Unter den Linden wirkte, Clemens Schmalstich, ebenfalls Dirigent und in der NS-Zeit Professor an der Hochschule für Musik, sowie Manfred Gurlitt. Zu den ausländischen Musikern bei Humperdinck gehörte mit der – in England geborenen – Mary Wurm auch eine Frau.
Heute ist Friedrich Hollaender wohl der bekannteste aus diesem Kreis – und übrigens nicht der einzige unter Humperdincks Schützlingen, der sich der leichten Muse zuwandte. Mit „Fritzchen“, wie ihn der Lehrer nannte, wird eine Brücke in die Musikkultur der 1920er Jahre geschlagen, die Hollaender mit seinen originellen Chansons beeinflusste. Im Hintergrund steht Humperdincks enge Zusammenarbeit mit Max Reinhardt: Friedrichs Vater Victor, Komponist von Operetten, Revuen, Possen, Schlagern und Filmmusiken, war ein Bruder von Max Reinhardts Dramaturgen am Deutschen Theater, Felix Hollaender.
Zehn Jahre nach seiner Ernennung zum „Meister“ einer Kompositionsklasse, am 1. Juni 1911, wurde Humperdinck zusätzlich an der Hochschule für Musik tätig. Da diese als „Unterrichtsanstalt“ der Akademie angeschlossen war, erweiterte sich sein Aufgabengebiet nur; es veränderte sich nicht grundsätzlich. Es war statutenmäßig vorgesehen, dass der „Vorsteher“ der Abteilung für Komposition und Theorie an der Hochschule „aus der Zahl der Vorsteher der akademischen Meisterschulen“ ausgewählt wurde. Humperdinck rückte nun als Nachfolger von Max Bruch in diese Funktion ein.
Einige wenige Namen von Studierenden, die an der Hochschule eingeschrieben waren, seien angeführt: Hans Kayser befasste sich später als Musiktheoretiker mit Fragen der „Harmonik“; Eduard Steuermann, der namhafte Pianist des Schönberg-Kreises, wechselte nach kurzer Zeit zu Schönberg, und Leo Spies, in den 1920er Jahren Kapellmeister bei der UFA, fand Anschluss an die Arbeiterbewegung und fungierte zu Zeiten der DDR als Sekretär der Akademie der Künste.
Humperdincks Berufung an die Hochschule kam insofern eigentlich zu spät, als er nur wenige Monate nach seiner Ernennung, um die Jahreswende 1911/12, einen Schlaganfall erlitt, von dem er sich niemals mehr vollständig erholte. Als nach dem Ende der Monarchie eine Reform der Hochschule anstand, kam Kritik am Status quo auf; zum 31. Dezember 1920 wurde Humperdinck dann seinem „Wunsche gemäß“ verabschiedet. Kurz darauf, 1921, starb er.
Im März 1919 fand in Darmstadt noch die Uraufführung einer Oper Humperdincks statt, der Studenten-Oper Gaudeamus. Indem sie studentisches Leben in Alt-Heidelberg evozierte, weist sie auf die Kaiserzeit zurück; in der Hinwendung zur Jugend stimmte sie freilich mit dem revolutionären Aufbruch, in den sie geraten war, ein wenig überein.
In diesem Zusammenhang stoßen wir auf einen weiteren berühmten Humperdinck-Schüler, der abschließend erwähnt sei: Kurt Weill. Obschon voller Sympathien für die Revolution, war Weill in den Turbulenzen der damaligen Zeit seinem gebrechlichen, alt gewordenen Lehrer Humperdinck gegenüber auf sympathische Weise loyal. Bereits in seinem zweiten Semester, vom September 1918 an, assistierte er bei der Orchestrierung der Studentenoper.
Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)
Neugierig geworden? Dann kommen Sie doch in vier Wochen nach Siegburg, um zwei Tage lang noch viel mehr über den Lehrer Humperdinck und seine Schülerinnen und Schüler zu erfahren! Das erwähnte Symposium „Humperdinck – der Lehrer und seine Schülerschaft“ findet vom 6.–7. November 2026 im Stadtmuseum Siegburg statt. Näheres findet sich unter https://siegburg.de/externe-datenquellen/siegburg-veranstaltungen/3500:1/symposium-humperdinck-der-lehrer-und-seine-schuelerschaft/.
Der wissenschaftlicher Leiter dieses Symposiums, Matthias Henke, gab 2023 den lesenswerten Band „Kaiserwette(r). Engelbert Humperdinck in seiner Zeit“ heraus (in der Reihe „Si! Kollektion Musikwissenschaft der Universität Siegen“). Der Band steht auf dem OPUS-Server der Universitätsbibliothek Siegen kostenlos zum Download zur Verfügung (https://doi.org/10.25819/ubsi/10212). Aus dem Beitrag des Verfassers zu diesem Band schöpft der vorliegende Newsletter-Artikel.