Die Studentin als Galeristin
Luise Oswald
Luise, du bist noch Studentin, Bildende Kunst auf Lehramt, und hast im letzten Herbst in Kreuzberg eine Galerie aufgemacht. Es ist – bis zu diesem Zeitpunkt – die einzige ihrer Art. Das ist sehr couragiert. Wie bist du auf die Idee gekommen? Den Rundgang der UdK fand ich immer schon toll, ich war jedes Jahr da, seit ich 18 war, lange vor meinem Studium. Sehr fasziniert hat mich der Teamgeist, was die Leute auf die Beine stellen, und dass man so viel Raum hat, seine Arbeiten zu zeigen. Als ich dann das erste Mal selbst dabei war und bei uns in der Fachklasse ausgestellt habe, hat sich dieses Gefühl nicht verändert. Es ist aber sehr viel aufwendiger, als es von außen aussieht. Schon Wochen vorher gibt es diese Aufregung und es passiert ganz viel. Und dann die Mega-Anspannung an dem Wochenende, mit so vielen Leuten, die kommen, schauen, über deine Kunst reden und sie sogar kaufen wollen. Als ich dann meine ersten Ausstellungen in verschiedenen Galerien in Berlin und an anderen Orten in Deutschland realisiert habe und mit anderen Menschen und Universitäten in Kontakt gekommen bin, hat sich dieses Gefühl noch mal verstärkt. Ich glaube, daraus ist die Idee entstanden, so etwas selbst zu machen. Selbstbestimmt. Das ist die eine Version, die ich erzähle, wenn ich danach gefragt werde.
Und was ist die andere Version? Der Drang nach Selbstständigkeit. Das liegt vielleicht in meiner Familie. Meine Mutter war 25 Jahre lang selbstständig als Modedesignerin und hat das Business als Frau allein gerockt, auch noch mit mir als Baby unterm Arm. Damals in den 1990er und 2000er Jahren war es sehr männerdominiert und sie war schon sehr mutig. Ich habe viel miterlebt und war immer dabei, bei den Erfolgen oder Misserfolgen. Sie war ein großes Vorbild für mich. Du bist jetzt angstfrei der Selbstständigkeit gegenüber? Am Anfang war ich zwar etwas unsicher, Kommilitonen und Freunde waren skeptisch. Aber ich dachte mir – ich war vielleicht auch blauäugig genug –, ich probiere es jetzt einfach. Natürlich war ich nervös, je näher die Zeit rückte, den Mietvertrag zu unterschreiben. Es ist ein großer Schritt.
Deine Galerie heißt Anna Lichtblau. Wer ist das? Das ist meine Urgroßmutter,es ist ihr Mädchenname. Zum ersten Mal hat mir mein Vater von ihr erzählt, da war ich vielleicht 17. Ihren Namen fand ich gleich richtig gut. Schade, dass er verloren gegangen ist durch ihre Heirat und dass ich ihn nicht trage. Aber irgendwas wollte ich mit diesem Namen machen. Damals habe ich sehr viele Listen geschrieben, mir Gedanken gemacht, was es sein könnte. Ich habe nie so viel über die Familie gewusst und Kontakt gab es auch kaum. Als ich die Galerie in Angriff genommen habe, konkretisierte sich die Idee. Sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, das war spannender, als ich dachte. Ich habe den Namen bei Google eingegeben und war überrascht, dass da überhaupt was kommt. Die Familie stammt aus Rösnitz, Schlesien, heute Rozumice in Polen an der tschechischen Grenze. Sie waren Händler, hatten einen Laden und einen Gastronomiebetrieb.
Also noch ältere Wurzeln der Selbstständigkeit …Genau das habe ich entdeckt. Ich habe auch eine Postkarte von 1910 gefunden mit diesem Familiennamen, der auch zu mir gehört: „ Colonialwaren Lichtblau“, mit der Hand geschrieben an einem großen Gebäude. Meine Urgroßmutter ist 1900 geboren, nachdem sie meinen Urgroßvater Max Proske geheiratet hatte, wurde der Name des Gastronomiebetriebs Proske Lichtblau. Der lief wohl bis irgendwann in den Vierzigern, im Krieg haben sie viel verloren und sind nach Nordrhein-Westfalen geflüchtet. Anna Lichtblau hat zwei Weltkriege miterlebt, war dadurch sehr früh gealtert und ist auch früh gestorben. Viel mehr lässt sich nicht rekonstruieren.
Gibt es Fotos, Tagebücher? Ja, und das war auch eine große Überraschung. Eine Tante von mir, die ich sehr selten gesehen habe und die von meiner Mutter erfahren hatte, dass ich mich selbstständig gemacht habe, brachte mir bei der Eröffnung alte Fotos. Von Anna Lichtblau und auch von meinen Urgroßeltern als junges Paar. Und – da habe ich mich wiedererkannt! Weil ich auch meinem Opa sehr ähnlich sehe. Und so heißt die Galerie jetzt: Anna Lichtblau.
Mit deiner Galerie schaffst du auch eine Verbindung zu deiner sehr persönlichen Geschichte …Ich mag den Gedanken, diesen Namen, der Jahrzehnte geruht hat, wiederzubeleben. Etwas ganz Altes irgendwie wieder so ganz neu aufzugreifen, mit ganz neuen Ideen und Menschen zu füttern.
Wen stellst du nun aus? Was steht in deinen Listen? Es ist eine studentische Galerie. Die erste Idee war, die Leute aufzuschreiben, die ich am besten kenne – die, mit denen ich angefangen habe zu studieren, die ich cool finde, und mit denen ich mir das vorstellen kann. Der Rundgang war auch deswegen so entscheidend, weil man da sehr viel sehen kann und mit den meisten in Kontakt kommt. Ein ganz konkretes Beispiel: Unser Atelier in der Hardenbergstraße ist direkt neben einer Fachklasse Bildende Kunst. Ich sehe sie aber nie, auch nicht ihre Arbeiten. Und das ist auch die Grundidee, zu durchmischen. Am einfachsten und sehr organisch ergibt sich das in der Uni durch die Werkstätten-Praxis. Es funktioniert auch gut, wenn sich die Leute schon kennen. Oder, wie hier, durch mich zusammenkommen. Ich dachte dann, ich mache einen Jahresplan. Wenn aber Leute aus anderen Fachklassen oder eben aus anderen Unis dazukommen sollen, macht er überhaupt keinen Sinn. Ich liebe die Listen, aber in der Praxis ist es schwierig, sich daran zu halten. Sie sind wichtig für den Prozess … Ich habe Ideen, mache Konzepte und dann merke ich – so passt es gar nicht, und dann wird gestrichen. Die Listen gehe ich immer mal wieder durch, um zu schauen, wer wann überhaupt Zeit hat. Manche haben schon eine Ausstellung oder eine Preisverleihung und die Werke sind nicht verfügbar in dem Zeitraum, für den ich plane. Weil ich durch die Galerie auch super viele Leute kennenlerne und die Bubble sich vergrößert – explodiert auch die Excel-Tabelle. Also lasse ich es sich entwickeln, so natürlich wie möglich, und vieles fügt sich wirklich irgendwie, was merkwürdig ist. Bei den ersten beiden Ausstellungen war es auch schon so. Es war total bereichernd, gleich die erste Ausstellung mit Studierenden aus Hamburg zu machen, weil ich Kontakte zur HFBK und zu den Fachklassen
dort hatte.
Ein guter Plan ist der Plan, der jederzeit umgeworfen werden kann. Das trifft es sehr gut. Immer wieder umstrukturieren und umplanen. Davon lebt ja auch so ein studentisches Projekt, weil wir natürlich auch andere Verpflichtungen haben daneben – Prüfungen, Deadlines. Auch dadurch fügt sich alles wiederum natürlich, weil dann Leute zusammenkommen, die in einem bestimmten Zeitraum gerade keine Hausarbeit schreiben. Ganz wichtig ist, dass man eine Idee immer wieder verwerfen und neu überlegen kann. Deswegen funktioniert dieTabelle auch nicht. Aber es ist gut, wenn sie da ist.
Du hast mit 19 angefangen zu studieren, in der Pandemie … im ersten Lockdown. Es waren zwei harte Jahre. Ich habe viel zu Hause gearbeitet, kaum Leute gesehen, nicht mal im Atelier. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich unbedingt dieses Projekt machen wollte.
Kunst ist ja auch Kommunikation, nicht nur mit dem Material, mit dem Publikum, mit anderen Menschen, die Kunst machen. Mit deiner Galerie schaffst du einen Ort dafür. Du hast gerade deine dritte Ausstellung eröffnet, auch mit Arbeiten von Hamburger Studentinnen. Ja, der Austausch ist wichtig und das hat sich mit diesem Projekt sehr verstärkt. Auf Instagram fragen mich Leute an, ob sie hier ausstellen dürfen. Da sind alle möglichen Whatsapp-Gruppen, viele Nachrichten, die ich beantworten muss, aber es macht mir Spaß. In der Uni hat es sich auch schon herumgesprochen.
Etwas Vergleichbares gibt es nicht? Nein, es gibt eine Onlineplattform, die studentische Kunst zu moderaten Preisen verkauft. Sie wird aber nicht von Studenten geführt. Über diese Plattform habe ich viel gesehen und viele kennengelernt. Ich bin vielleicht wirklich die Erste. Das ist immer ein Gesprächsthema, wenn Leute hier hereinkommen. Bei der ersten Ausstellung hing auch eine Fotoarbeit von mir und ich konnte sagen, ich bin Künstlerin und Galeristin. Das war schon verrückt, es zum ersten Mal auszusprechen. Es fällt mir immer noch ein bisschen schwer.
Es ist ein neues Feld, was du für dich erschließt. Du lernst, pickst das heraus, was du brauchst? Ja, es gibt nichts zum Abgucken, keine Vorbilder. So wie in der Schule, im Mathe-Unterricht oder beim Ballett die Übung von der Nachbarin abgucken. Von anderen lernen und mir dann selbst Sachen beibringen. An der Uni habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich alles selber machen muss. Es war schwierig, unbequem und total anstrengend, vor allem im ersten Jahr. Ich kannte das nicht. Bei dem Projekt ist es das erste Mal, wo es wirklich keinen gibt, der mir zeigt, wie ich es machen kann. Es gibt keinen Kurs an der Uni, der mir sagt: So führen Sie eine Galerie als Studentin. Ich glaube, das Projekt lebt gerade davon und deswegen, weil es mir keiner gezeigt hat, dass ich es allein mache und mit Menschen, die ich mag.
Und du baust dir die Welt, so wie sie dir gefällt. Es ist etwas, was mich allumfassend fasziniert. Alle Aufgaben, die ich hier habe, von der Schrift ans Fenster kleben über Preislisten bis zur Kuration der Werke. Ich bin natürlich sehr frei, aber muss auch irgendwie die Miete bezahlen, also die Bilder auch verkaufen. Das bedeutet auch ein wenig kommerziell zu denken. Da waren oft Momente, wo ich es nicht glauben konnte. Vier Wochen nach der Ausstellung haben Leute sich noch bei mir gemeldet und gefragt, ob eine bestimmte Arbeit noch zu haben sei. Oder Menschen kommen einfach vorbei, finden das Projekt toll und kaufen etwas. Ich habe zwar Glück mit dem Rückhalt meiner Eltern, die das Projekt unterstützen, auch wenn ich mich damit abhängig von ihnen gemacht habe. Aber ich möchte, dass sich die Galerie kommerziell selbst trägt. Ich habe viele Notizen gemacht darüber, was ich brauche und wie ich was machen möchte. Aber fast die Hälfte davon brauche und will ich gar nicht. Ich will keine Website mit einem Webshop, ich möchte nicht, dass die Bilder online verkauft werden. Ich möchte, dass die Leute hierhin kommen, die Kunst sehen wollen, dass bei der Vernissage die Hütte voll ist.
Wie war der Beginn? Einfach loslegen. Es wird schon irgendwie. Mich hat schon wahnsinnig gemacht, drei Monate auf die Räumlichkeiten zu warten, nachdem ich den Mietvertrag unterschrieben hatte. Jetzt bin ich dabei, Fördermittel bei Stiftungen oder bei bundesweiten Ausschreibungen für studentische Projekte zu beantragen. Für all das muss man ja über das Projekt schreiben und die Menschen davon überzeugen. Gar nicht so einfach, aber es ist eine total coole Aufgabe und eine gute Übung für mich. Ich lese viel darüber, wie man‘s macht und meine Kommilitonen helfen mir auch dabei. Inzwischen bin ich selbstsicherer. Wenn ich aufschreibe, was ich alles schon gemacht habe, wird es mir auch bewusst. Im stressigen Uni-Alltag vergesse ich es manchmal. Und dann werde ich durch diesen Schlüssel hier daran erinnert, dass ich diese Galerie habe, und dass ich immer hierherkommen kann. Ich habe da einen Schlüssel, der mir einen Raum öffnet, wo ich alles machen kann. Dieser Gedanke, dass man schon im Studium so eine Möglichkeit hat, dass es wirklich auch funktioniert hat, ist schon verrückt.
Die zweite Ausstellung war mit drei Kommilitoninnen, sie haben sich in der Druckwerkstatt, bei Katja Wolf, kennengelernt und arbeiten sehr gut zusammen. Überhaupt, ihr seid sehr solidarisch miteinander, vollständig neidfrei, ihr unterstützt einander. Interessanterweise ist das auch zu spüren, schon wenn man in deine Galerie hereinkommt. Das sagen alle, die hierher kommen und das Projekt kennengelernt haben. Darüber bin ich auch sehr froh und erleichtert, weil es nicht so selbstverständlich ist. Gerade an der UdK habe ich schon manchmal die Ellenbogen gemerkt. Ich hatte Angst davor, wie es wohl sein wird, wenn mich die Leute als Galeristin wahrnehmen und auch als Studentin. Es geht mir nicht darum, dass ich die Verantwortliche bin, dass eine solche Fassade aufgebaut wird. Die Idee war von Anfang an: Ich will einen Raum, wo wir alle Platz haben, nicht, dass ich heraussteche. Das ist auch gut so, weil man sonst den Boden unter den Füßen verliert. Für mich sind wir hier gleichberechtigt. Alle, die hier ausstellen, sind zum Beispiel älter als ich, das ist aber irgendwie egal. Es ist schön zu erfahren, dass es so ist und so sein kann.
Auch das vermittelt sich. Die Freiheit, die ihr habt und euch gebt … Warum es nach außen so scheint, wie es auch ist, habe ich noch nicht durchdrungen … Die Leute sehen das, ihr Feedback ist einfach schön. Gerade wenn man manchmal in einer schlaflosen Nacht daran zweifelt, ob es eine Fehlentscheidung war.
Das einzige Modell, das du hast – das der Selbstständigkeit –, übernimmst du nicht, im Gegenteil. Ich war sehr im Zwiespalt, weil ich dachte, wenn ich mich selbstständig mache, wird es so wie bei meiner Mutter – sehr anstrengend. Also versuche ich, mich davon zu befreien, ich will nicht, dass man eine anstrengende Person wird, die nur Stress erlebt. Meine Mutter hat 25 Jahre lang Stress gehabt und das war nicht unbedingt gesund. Immer darüber nachzudenken, was kommt als Nächstes, immer in der Schwebe zu sein.
Und – was kommt als Nächstes? Für das Ende des Jahres habe ich eine große gemeinsame Gruppenausstellung geplant mit den Leuten, die schon hier ausgestellt haben. Jeder hängt ein kleines Werk. Die Wände werden dann ganz voll und bunt mit allen Sachen, die schon da gewesen sind. So lernt man sich noch einmal zusammen kennen und blickt aufs Jahr zurück, was alles passiert ist. Ich habe auch schon ein Buch angelegt, ein großes Archiv mit ganz vielen Fotos.Und nächstes Jahr? Keine Ahnung.
Luise Oswald studiert Bildende Kunst / Lehramt Grundschule in der Klasse von Prof. Gregory Cumins. An der Wand auf S. 25 hängt ihre: „Welle“, analoge Fotografie, 2025, 124 x 83 cm. Die Galerie Anna Lichtblau ist in der Katzbachstraße 25, 10965 Berlin. @iseee_luise; @galerie__lichtblau Gespräch + Text: Marina Dafova