Lars Sorger, „Topologien des Blicks“, 2026
Hohlstegplatten, Textildruck, Projektion, kamerabasiertes Tracking Maße: ca. 300 × 440 × 280 cm, Textil: 170 × 180 cm, Scanfragmente variabel
Mit dem geplanten Einsatz von KI-gestützter Videoüberwachung verschiebt sich die Rolle von Bildern im öffentlichen Raum grundlegend. Kameras dienen nicht mehr nur der Aufzeichnung, sie werden Teil von Systemen, die Bewegungen analysieren, Verhalten klassifizieren und Situationen in Echtzeit bewerten sollen. Sichtbarkeit entsteht nicht mehr nur durch das Gesehenwerden, sondern durch algorithmische Prozesse, die Bilder in Daten übersetzen und daraus Handlungsmöglichkeiten ableiten.
„Topologien des Blicks“ untersucht diese Verschiebung am Beispiel des Kottbusser Tors in Berlin. Als sogenannter kriminalitätsbelasteter Ort unterliegen der Bahnhof und seine Umgebung besonderen Überwachungsmaßnahmen, wodurch sich unterschiedliche Formen von Kontrolle, Infrastruktur und öffentlicher Nutzung überlagern. Die Arbeit fragt, wie sich diese Bedingungen räumlich strukturieren und welche Formen der Sichtbarkeit daraus hervorgehen.
Den Ausgangspunkt bildet eine kartografische Annäherung an die vorhandene Überwachungsinfrastruktur. Kameras werden vor Ort erfasst, ihre Positionen dokumentiert und ihre Sichtbereiche analysiert. Auf dieser Grundlage entsteht eine Übersichtskarte des Ortes, in dem die Sichtbereiche der Kameras erkennbar werden. Die Arbeit entwickelt eine Methode zur Rekonstruktion dieser Blickräume. Da kein Zugriff auf die tatsächlichen Überwachungsbilder besteht, verschiebt sich der Fokus auf den Bildraum selbst, also auf den Bereich, den eine Kamera potenziell erfasst. Diese Sichtbereiche werden vor Ort mittels 3D-Scanning aufgenommen und in digitale Fragmente überführt. Der eigene Körper dient dabei als Instrument der Erfassung und tritt in Beziehung zu den technischen Blicksystemen. Es entsteht ein Dialog zwischen menschlicher und maschineller Wahrnehmung, in dem die Perspektiven der Kameras räumlich nachvollzogen werden. Die daraus entwickelten Fragmente bleiben bewusst partiell und unvollständig. In diesem Sinne versteht sich die Arbeit als eine Form der Sousveillance. In Anlehnung an Steve Manns „Look Paintings“ entstehen räumliche Übersetzungen der Bedingungen von Sichtbarkeit. Die Installation bringt diese Elemente in eine räumliche Konstellation. Eine zentrale Übersichtskarte ist durch Blickfragmente ergänzt, die im Raum schweben. Eine Projektion mit einem kamerabasierten Tracking-System erweitert die Anordnung. Besucher*innen werden durch eine Überwachungskamera erfasst und mit einer Bounding Box markiert, eine Simulation jener Objektklassifikation, die in aktuellen Überwachungssystemen zum Einsatz kommt. So entsteht ein Gefüge, in dem sich unterschiedliche Formen von Sichtbarkeit überlagern: kartografisch, technisch und körperlich. „Topologien des Blicks“ legt die Schnittstellen offen, an denen sich Wahrnehmung, Kontrolle und Raum gegenseitig bedingen.
Lars Sorger ist Tutor der Klasse von Gabi Schillig, Professorin für Raumbezogenes Entwerfen und Ausstellungsgestaltung. www.spacesofcommunication; @raumklasse_udk