Der Groove, die Tools und offene Ohren
Ein Gespräch mit Paulo Morello, Künstlerischer Direktor des JIB
Was macht einen persönlichen Stil aus, den Klang unverwechselbar? Entscheidend ist zunächst einmal die Künstlerpersönlichkeit, ihre Entwicklung. Meist beginnt diese Reise in der Kindheit: Man erlernt ein Instrument, durchläuft verschiedene Ausbildungsstationen – Musikschule, Privatunterricht, Hochschule –, sammelt erste Erfahrungen, gibt Konzerte. Ebenso prägend ist das Leben außerhalb der Kunst, sind die eigenen Erfahrungen, die eigenen Werte. All diese Facetten formen die Persönlichkeit. Mit wachsender Vertrautheit mit dem Instrument tritt das Handwerkliche immer stärker in den Hintergrund. Im Idealfall wird das Instrument so selbstverständlich, dass nicht mehr bewusst über technische Abläufe nachgedacht werden muss. Man gerät in einen Flow: Die Musik, die man denkt, wird unmittelbar in Klang übersetzt. In diesem Prozess zeigt sich zunehmend die eigene künstlerische Stimme.
Auch beim Improvisieren? Genau dort zeigt es sich am deutlichsten. Der improvisatorische Prozess hängt zudem von vielen inneren Faktoren ab, die nicht unbedingt musikalischer Natur sind. Bin ich gestresst, spüre ich das beim Spielen und es klingt gestresst. Bin ich entspannt, spiele ich ruhiger. Es ist eine andere Form des sprachlichen Ausdrucks – vermittelt durch das Instrument. Beim persönlichen Stil geht es nicht nur um den Sound, sondern auch um die Interpretation, wie dynamisch eine Person spielt, wie sie phrasiert.
Wie werden die Motive entwickelt, wie reagiert man aufeinander beim gemeinsamen Improvisieren – wie funktioniert Improvisation? Da kommen verschiedene Wissensformen zusammen. Einmal gibt es das explizite, das faktische Wissen – Musiktheorie, Geschichte des Jazz. Dieses Wissen vermitteln wir hier am Institut und schaffen damit eine wichtige Grundlage für die musikalische Praxis. Dazu kommt das implizite Wissen, was sich allerdings kaum beschreiben lässt: Wie empfindet jemand Rhythmus, wie groovt die Person? Warum spielt sie so, und warum setzt sie genau in einem bestimmten Moment ein und nicht einige Sekunden später? Das sind persönliche, intuitive Entscheidungsprozesse. Beide Wissensformen greifen ineinander: Explizites Wissen wird verinnerlicht, vieles geschieht dann intuitiv, aus dem Bauch heraus. Man hört sein Gegenüber und reagiert darauf. Ich vertraue da auf mein ästhetisches Empfinden und auf meine Erfahrung im Zusammenspiel mit anderen. Vieles davon ist nicht planbar oder strategisch.
Wie wird aber die Improvisation gesteuert? Das ist ja gerade das Tolle an Improvisation: Man hört aufeinander und reagiert auf das, was im Moment musikalisch passiert. Eine Idee entsteht, wird aufgegriffen, verändert, oder sie führt zur nächsten. Dabei gestaltet jede*r unterschiedlich und es kann etwas Cooles entstehen. Das hat mich über die Jahre immer wieder begeistert. Im Grunde ist es wie ein Tennismatch: Eine Person macht den Aufschlag, es kann eine Melodie sein, ein Klang oder ein Geräusch. Einer der anderen Musiker*innen greift das auf und antwortet vielleicht mit einem Akkord. Und so ergibt ein Gedanke den nächsten. Vieles entsteht einfach im Moment.
Ist das zeitverzögert? Nur minimal. Eine Idee entsteht in meinem Kopf und schon spiele ich sie, danach könnte es so oder so weitergehen. Und dann müsste etwas anderes kommen, damit es nicht fad wird … Irgendwann schließt sich der Kreis und ich gehe wieder zurück zum ersten Motiv, um einen Bogen zu schlagen. Aber jetzt sind wir schon im Bereich einer konzeptionelleren Improvisation. Solche Verfahren – ein Motiv aufzugreifen, weiterzuentwickeln und später wieder darauf zurückzukommen – finden wir natürlich auch in komponierter Musik. Bei Bach etwa waren Komposition und Improvisationspraxis eng miteinander verbunden.
Der Prozess ist also sehr offen … Für mich sind Komposition und Improvisation sehr eng miteinander verwandt. In beiden Fällen entsteht Musik zunächst in der Vorstellung. Bei der Komposition habe ich allerdings die Möglichkeit, Entscheidungen zu überprüfen, zu verändern und schließlich festzuhalten; beim Improvisieren geschehen sie im Augenblick.
Und wie findest du ein Ende, wann weißt du, dass alles gesagt ist? Meistens macht es den Improvisierenden mehr Spaß als den Zuhörern. Auch das Beenden ist Gefühlssache und hat viel mit Erfahrung zu tun. Ein Beispiel: Die Saxophonistin spielt ein Solo, ich begleite sie und übernehme dann mit meinem Gitarrensolo. Manchmal schaue ich zu den anderen Musiker*innen, beobachte ihre Reaktionen und gebe ein Zeichen. Oder ich gehe zurück zur Grundmelodie, dann wissen alle, jetzt bringen wir den Song zu Ende. Es gibt so etwas wie eine Zeichensprache.
Wie lernt man das? Und wie verliert man beispielsweise als wenig erfahrener Musiker die Scheu, auf etwas anderes mit seiner eigenen Sprache zu reagieren? Indem man es macht. Das ist eben das implizite Wissen, die Praxisbezogenheit. Das lernt man nicht abstrakt. Man muss viele Improvisationsprozesse durchleben und selbst gestalten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was gut funktioniert, was einem gefällt und in welchen musikalischen Situationen man sich wohlfühlt. Das entwickelt sich im Laufe der Jahre.
Wie frei bist du dabei? Ich liebe es, in einem Jazzstil zu improvisieren, der durch ein Framework strukturiert ist, aber in dessen Rahmen ich machen kann, was ich will. Gleichzeitig reizt mich auch die freie Improvisation. Wichtig ist, breit zu denken, viel zu spielen und unterschiedliche Jazz-Stile und musikalische Auffassungen kennenzulernen. Dazu gehören für mich auch Begegnungen mit anderen musikalischen Traditionen und Improvisationskonzepten. Es geht darum, die Ohren zu öffnen und neugierig auf unterschiedliche musikalische Sprachen zu bleiben.
Verändert sich etwas, wenn man einander musikalisch besser kennt? Auf jeden Fall. Improvisation bedeutet auch, sich musikalisch offenzulegen. Wenn man sich mag und vertraut, fällt die Angst weg, sich zu blamieren. Viele Musiker*innen, auch viele Studierende haben Zweifel und eben eine gewisse Scheu, sich beim Improvisieren wirklich zu öffnen. Diese Scheu muss man versuchen abzubauen – bei freier Improvisation genauso wie in traditionellen Stilen. Dieser Prozess ist sehr fragil. Niemand sollte dabei unter Druck gesetzt werden. Es braucht einen Raum, in dem musikalisch auch etwas riskiert werden kann, ohne dass jede Idee sofort bewertet wird.
Die musikalische Imagination kommt aus einem sehr persönlichen Wissen … Das müssen wir differenziert betrachten. Beim Musizieren schöpfe ich aus meiner ganzen Lebenserfahrung. Auch aus ganz viel
Hörerfahrung. Ein wichtiges Ziel des Studiums ist, instrumental und musikalisch auf ein hohes Level zu kommen, um sich möglichst frei ausdrücken zu können. Aber was man künstlerisch daraus macht, ist eine ganz andere Sache. Es wird erst spannend, wenn dieser Punkt erreicht ist.
Man lernt unterschiedliche Sprachen und Alphabete – und dann lernt man, sie zu benutzen. Wie übersetzt sich das ins Musizieren? Im Jazz gibt es, wie in allen Künsten, verschiedene idiomatische Stile: Swing, Bebop, Modern Jazz … Sie sind aber nicht statisch, sondern permanent im Fluss. Meine Beobachtung ist, dass diejenigen, die im Jazz meisterhaft improvisieren, eine Liebe zur musikalischen Geschichte haben und zu jeder Stilistik einen Bezug oder Lieblings-Referenzpunkte haben. Und was die Sprache betrifft: Im Jazz haben sich unterschiedliche Formmodelle herausgebildet. Viele Standards basieren beispielsweise auf 32-taktigen Songformen, daneben gibt es den Blues und zahlreiche andere Formen. Diese Strukturen bilden häufig den Rahmen, innerhalb dessen improvisiert wird. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu Formen freier Improvisation, bei denen solche vorgegebenen Strukturen in den Hintergrund treten oder ganz wegfallen. Dann gibt es noch die unterschiedlichen melodischen Sprachen. Und so sind wir wieder beim Wissen. Gestaltungstechniken, wie Melodien aufgebaut werden, kann man lernen. Das ist wirklich wie eine gesprochene Sprache, mit Syntax und Regeln – ein Wissen, das vermittelbar ist, zum Beispiel an einem Institut wie dem Jazz-Institut. Wie daraus die eigene Kunst und eine persönliche künstlerische Stimme entsteht, das lässt sich allerdings nicht so einfach vermitteln. Als Lehrende können wir Impulse geben, unterschiedliche Wege aufzeigen und Räume schaffen, in denen sich eine eigene künstlerische Persönlichkeit entwickeln kann. Letztlich ist das ein sehr individueller Prozess.
Paulo Morello ist Professor für Jazz-Gitarre und Künstlerischer Direktor des Jazz-Instituts Berlin. S. auch S. 23. www.paulomorello.com
Das Gespräch führten Marina Dafova und Claudia Assmann.