In der Malwerkstatt mit
Julia Rüther und Taleja Engelke
In der Werkstatt ist viel los gerade … Rüther: Eine Woche vorm Rundgang ist hier immer „Patientensprechstunde“, Notfälle. Oder ein Bild muss verschifft werden – wie macht man das, wie abspannen und wieder aufspannen? Wie lagere ich Arbeiten, ganz praktische Sachen. Oder auch Pinselpflege. In den Ateliers sehe ich immer wieder, dass die Pinsel in Terpentin lagern. So werden sie entfettet, brechen ab. In einem der ersten Grundkurse stellen wir Pinselreiniger mit Sonnenblumenöl her und arbeiten nur mit Kernseife, um die Luft nicht zu verpesten.
Kommen Studierende mit konkreten Ideen und Fragen in die Werkstatt? Oder wollen sie Farben und Techniken einfach kennenlernen? Rüther: Beides. Wer ein konkretes Projekt hat, sucht nach einer bestimmten Wirkung oder Aussage – mit diesen Studierenden macht es besonders Spaß, zu experimentieren. Andere möchten vor allem lernen, nachhaltig, umwelt- und gesundheitsbewusst zu malen. Jede
Woche steht ein anderes Thema im Fokus, etwa Farbstoffe, Pigmente, Kaseinfarbe oder Bindemittelsysteme. Engelke: Neben den Grundlagenkursen und Kursen zu historischen Maltechniken gab Julia noch einen Kurs zu zeitgenössischer Malerei … Rüther: … um zu zeigen, wie weit die Schere ist und dass erfolgreiche zeitgenössische Künstler*innen auch in der Maltechnik ihre Materialhaltung gefunden haben. Zu Beginn geht es aber um Leinwandbau und Grundierung. Wir starten mit wasserlöslichen Bindemitteln.
Was sind Bindemittel? Rüther: Sie verhindern, dass das Pigment vom Malgrund abrieselt. Und sie haben noch andere schöne Eigenschaften wie Glanz oder Transparenz. Bindemittelsysteme sind der Klebstoff, der alles zusammenführt, mit vielen unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten. Je nachdem, was man erreichen möchte. Eitempera kann man mit Ölfarbe kombinieren. Leimfarben lassen sich aus unterschiedlichen Stärken herstellen, etwa aus Reis, Weizen- oder Roggenmehl, und werden mit Pigmenten gemischt. Je nach Untergrund verhalten sie sich unterschiedlich – ein riesiges Feld an Möglichkeiten. Wer Bindemittel von Anfang an selbst herstellt, kann über die Menge des Wassers und die Ansatzstärke den Entstehungsprozess eines Bildes auf verschiedenen Ebenen steuern. Leime und Gummen können Öle emulgieren. Mit einer intensiven Kaseinfarbe – einer umweltfreundlichen Farbe auf Basis von Milcheiweiß (Kasein), die als natürliches Bindemittel für Pigmente dient – lässt sich Ölfarbe zu einer wasservermalbaren Ölfarbe verdünnen. Kasein schrumpft, Öl dehnt sich beim Oxidieren aus. Das funktioniert sehr gut, ohne dass etwas reißt oder kaputtgeht. Solche Erfahrungen im Kurs begeistern viele, und das Material macht Lust zu arbeiten.
Der Impuls kommt also von hier, von der Malwerkstatt. Rüther: Genau, sehr schön gesagt. Nach Kursen zu historischen Maltechniken sind ein paar Positionen entstanden, die eine deutliche Eigenständigkeit zeigen. Das war die Zündung, die gebraucht wurde. Es ist immer sehr befriedigend, dazu beitragen zu können, dass eine künstlerische Sprache ihren Ausdruck findet. Engelke: Alle Dorothea-Konwiartz Stipendiatinnen der letzten Zeit waren hier. Wir machen nur ein Fenster auf für die Studierenden. Man könnte auch durchs Studium gehen, ohne dass man das alles kennt, und es würde ganz ähnlich sein. Nur nicht so intensiv und präzise. Ich glaube wirklich, dass das kleine Fünkchen mit einer besonderen Auseinandersetzung mit dem Material zusammenhängt. Rüther: Durchs Ausprobieren öffnen sich Türen, die zu Erkenntnissen oder Entdeckungen führen können. Am Anfang geht es nur darum, die verschiedenen Materialien vorzustellen, zu verstehen, was ihre Eigenschaften sind, ganz grundlegendes Materialwissen. Es geht dabei nicht so sehr um Regeln. Eher um Sensibilität, Aufmerksamkeit. Solche Entdeckungen machen die eigenen Arbeiten intensiver und präziser. Sie fallen auf, weil sie sich unterscheiden.
Teil des Handwerks, und nicht nur der Theorie, ist Nachhaltigkeit. Engelke: Ja, wir benutzen alles, was nachwachsende Ressourcen sind. Zum Beispiel das Hühnerei. Ich kann ein Bindemittel aus der Emulsion von Eigelb und Eiweiß herstellen, nur das Eigelb nutzen oder aus dem Eischnee ein Eiklar extrahieren – ein Bindemittel, das zum Beispiel schon Cennini in der Renaissance genutzt hat. Aus einem Ei kann ich also drei unterschiedliche Bindemittel gewinnen. Zermahle ich dann noch die Eierschale, habe ich Kalkpulver, mit dem sich malen lässt. Ich könnte das Kalkpulver sogar weiter verwenden, um aus einem Farbstoff ein Pigment herzustellen – zero waste at its best. Durch dieses Wissen bekommt man eine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Es öffnet auch einen sinnlichen Zugang zum Material, was wir heute immer mehr verlieren. Will ich ein knalliges Rot, kaufe ich mir die Tube, die am ehesten passt. Bei den Studierenden nehme ich den Wunsch nach mehr Wissen über Farben wahr. Auch nach einem „ortsbezogenen“ Arbeiten, bei dem sie die Pigmente selbst sammeln, die Farbstoffe selbst herstellen oder zumindest genau wissen, woher die Pigmente kommen. Durch den Herstellungsprozess und die Geschichte der Farbe entsteht in den Bildern eine weitere interessante Bedeutungsebene. Das eröffnet neue Wege in der künstlerischen Praxis. Rüther: Wertevermittlung ist für uns sehr wichtig. Wie schaffen wir es, Kunst in einen natürlichen Kreislauf zu bringen? Auch das ist eine künstlerische Haltung. Dass ich mein Tun in meinen Überzeugungen und Wertvorstellungen verorten kann. Engelke: Was die Nachhaltigkeit betrifft, so gibt es mittlerweile neue technische Möglichkeiten, die es stark vereinfachen, Farben selbst herzustellen. Ein Beispiel ist das Bindemittel für Aquarellfarben, Gummi Arabicum. Im Urzustand bekommt man es als eine Art bernsteinfarbenes Harz. Es musste lange eingeweicht, dann aufwendig gefiltert werden, um Verunreinigungen zu entfernen. Heute ist es als sprühgetrocknetes, feines Pulver erhältlich. Man muss es lediglich in Wasser einrühren, kurz warten: Fertig ist das Bindemittel. Rüther: Im Doerner gibt es die alten Rezepte. Nur, das ist so aufbereitet, dass sich jemand, der nicht etwas Konkretes sucht, absolut abgeschreckt fühlt. Es passt nicht in den Social-Media-Zeitgeist. Aber was man dort für Rezepte sieht, ist manchmal haarsträubend – furchtbar komische, auch gefährliche Anleitungen.
Die alten Meister haben sich sukzessive vergiftet … Rüther: Ja, viele Farben, die sie verwendet haben und die eine unglaubliche Leuchtkraft und Deckkraft besaßen, waren hochgiftig, voller Schwermetalle: Blei im Bleiweiß, Quecksilber im Zinnober, Arsen im Schweinfurter Grün; sie wurden erst Ende des 19. Jh. verboten.
Fast wie aus einem alchemistischen Labor. Rüther: Deswegen gibt es hier eine Vorlesung über Materialsicherheit: Welches Material macht was im Körper? Es geht uns darum, über Gesundheit, Umwelt und Klima und eben über Nachhaltigkeit nachzudenken. Lösungsmittel, die man in einer bestimmten Konzentration einatmet, können Depressionen auslösen, Gefühlsstörungen. Acrylfarben z. B. erkennt der Körper als Hormone, weil sie, wie auch Weichmacher, so wirken. Diese Gefahren werden in den Maltechnik-Bibeln nur angeschnitten, wie bei Max Doerner, Malmaterial und seine Verwendung im Bilde (1922/2006) oder in der Malkunde von Thomas Hoppe (2005). Das Bewusstsein dafür aber fehlt noch immer. Engelke: Acrylfarbe wird erst seit den 1950ern verwendet. Davor wurden die Eitempera oder die Ölfarben der alten Meister benutzt, die sehr lange haltbar sind. Interessant ist, dass die größte Sorge, die ich von Studierenden höre, ist, ob eine Farbe aus Mehl überhaupt lange hält. Oder ob Eitempera nicht stinkt. Erst vor ein paar Jahren wurde nachgewiesen, wie schnell sich Acrylate auflösen.
Das sind Erfahrungswerte. Farben trocknen unterschiedlich schnell, Öl sehr langsam, und sie verändern sich auch dabei. Man muss also vorher wissen, welchen Effekt man erreichen will und welche Farbsysteme was für das Bild bedeuten? Engelke: Es gibt Studierende, die wollen etwas, was schnell trocknet, wie Acrylfarbe, und sie sind zufrieden mit den Leimfarben. Andere wollen auch Leimfarben, die aber nicht so schnell trocknen, so länger „offen“ bleiben und mehr ineinander gemischt werden können. Dann wird oft mit einem Öl emulgiert, weil es die Trocknung verlangsamt. Rüther: Was problematisch und unerwartet sein kann, ist, wenn jemand selbst Ölfarben herstellt. Pigmente gehen chemische Verbindungen ein und funktionieren auf eine ganz bestimmte Weise. Zum Beispiel beim Trocknungsprozess. Es gibt Pigmente, mit denen Ölfarben schon nach zwei Tagen hart werden und übermalt werden können. Oder solche, die das sogar verhindern, die Trocknung dauert dann bis zu einem Monat. Wenn man mit Ölfarbe malt, sollte man bei einer Marke bleiben, weil der Hersteller die Eigenschaften genau aufeinander abgestimmt hat und Zusatzstoffe dafür sorgen, dass sie etwa nach drei bis fünf Tagen durchgetrocknet sind. Bei Leimen oder bei Gummen ist es nicht so, sie trocknen einfach, weil das Wasser weg ist. Das ist kein chemischer Prozess.
Was ist der Unterschied zwischen Farbstoff und Pigment? Rüther: Man kann sie mit Sand und Zucker vergleichen. Rührt man feinen Sand in ein Glas Wasser, vermischt er sich nicht damit und setzt sich irgendwann ab. Er kann zwar aufgetragen werden, aber wenn er nicht durch ein gutes Bindemittel gehalten wird, kann er von der Oberfläche auch wieder abgewischt werden. Der Farbstoff ist wie Zucker, den man in Wasser gibt – er löst sich auf und färbt es, so wie Tinte oder Tee und Kaffee. Damit kann ohne Bindemittel gemalt werden, der Farbstoff zieht in den Untergrund ein. Engelke: Auf einer Glasscheibe würde er nicht halten, er muss an Fasern andocken … Rüther: In ihren Eigenschaften kann man sie aber auch modifizieren. Bei Aquarellfarben werden Gummen hinzugefügt, dann glänzen sie mehr. Engelke: Aus dem Farbstoff kann man wieder ein Pigment machen. Ein solcher Prozess ist langwierig … einfacher ist es natürlich, sich eine Farbtube zu kaufen.
Du machst nicht nur deine Farben selbst, auch deine Papiere, Taleja. Engelke: Ja, ich bin irgendwann weitergegangen vom Herstellen der Farbe zum Herstellen der Papiere, des Malgrunds. Ich wollte auf den gesamten Prozess Einfluss nehmen. Inzwischen geht es für mich gar nicht mehr anders, ich möchte mich inklusive Material positionieren. Das hat auch hier in der Werkstatt angefangen. Ich glaube aber, was man hierfür mitbringen muss, ist die Lust am Scheitern oder am Zulassen von anderen Ergebnissen als erwartet. Um eben viel Neues zu entdecken. Es gibt eine Ebene, die sich der Kontrolle entzieht. Ich habe verstanden, dass ich als Künstlerin manchmal die Kontrolle abgeben und dem Prozess vertrauen muss. Dadurch entstehen wunderbare Momente auf der Leinwand. Das wird auch von den Studierenden angenommen. Es gibt einen riesigen Unterschied in der Wirkung der Malerei, wenn sie ihre Farbe oder die Grundierung selbst herstellen. Rüther: Man muss immer wach und aufmerksam sein, wenn man experimentell arbeitet. Und die Schritte und auch sich selbst hinterfragen, warum man etwas tut und auf eine neue Situation reagieren. Engelke: Das ist eine Art praktische Forschung. Es gibt kein niedergeschriebenes Manifest. Durch diese Materialforschung entsteht eben künstlerische Arbeit.
Dieses Wissen ums Material gibt einem Bild eine neue Dimension. Es ist eine Haltung. Rüther: Hier gibt es keine Anleitung zum Bilderherstellen, sondern es sind wirklich Haltung und Werte, die wir vermitteln wollen. Und Experimentierfreude, die Lust am Forschen beim Machen. Dass die Leinwand, der Bildgrund wissenschaftliches Denken auf der Fläche ist. Als Zeugnis der Arbeit. Ob der Prozess der Inhalt ist, bleibt eine individuelle Entscheidung. Oder ob es eine hochpolitische Haltung ist, die ausgedrückt werden soll.
Sorge und Zweifel sind wahres Gift für den Prozess. Es ist zwar kein Gegenmittel, aber die Kurse, die hier stattfinden, sind alle „ungiftig“. Auch das ist eine Form von Haltung. Engelke: Wegen meiner Schwangerschaft habe ich Kurse gegeben, die ganz explizit ungiftig waren – Tinten und Tusche, über Farbstoffherstellung und -gewinnung. Dann gab ich einen Kurs zu Lasurtechnik. Ich arbeite selbst sehr gern damit und war immer frustriert, weil sie eigentlich nur mit Terpentin funktioniert und wir damit nur unter höchsten Sicherheitsbestimmungen arbeiten … Rüther: … die Lasur durfte daher nur freitags gemacht werden, damit übers Wochenende gelüftet werden kann. Es gibt aber auch Alternativen, die wir ausgetestet haben und die gut funktionieren.
Was ist die Lasur? Engelke: Lasuren sind fast transparente Farbschichten aus verdünnter Ölfarbe, die man übereinander aufträgt, um leuchtende Farben und eine tiefe Räumlichkeit zu erzeugen. Zwischen den farbigen Schichten wird eine weiße Zeichnung, eine Höhung aufgetragen. Höhung und Lasur wechseln sich ab, bis die gewünschte Wirkung erreicht ist. Manchmal haben Lasurmalereien viele Schichten – 30 oder mehr. Sie haben eine extreme Tiefenwirkung, weil das Bild dann auch eine extreme Tiefe hat.
Sehr körperlich, fast skulptural auf einem zweidimensionalen Bild … Engelke: Der Hintergrund sieht schwarz aus, aber er ist schwarz aufgrund der Übereinanderlagerung der vielen farbigen Schichten. Rot und Grün ergeben das tiefere Schwarz, eine optische Mischung. Diese Technik funktioniert eigentlich mit Dammarharz, Terpentin und Öl. Hier habe ich Eitempera verwendet – ich bin mir sicher, dass ich das nicht erfunden habe. Aber es ist wirklich wahnsinnig schön, oder? Wir malen auch mit Sojamilch. In der Werkstatt für experimentelle Druckgrafik wird ebenfalls eine Farbe aus Sojabohnenpaste benutzt. Soja hat sehr viel Eiweiß – es muss also nicht immer tierischer Herkunft sein. Bindemittel aus Stärke und viele weitere sind vegan. Dann gibt es noch die Bierlasur, die einen schönen Glanz ergibt; aus Pilzen lässt sich Tinte herstellen … ganz viele interessante Sachen. Kaseinfarbe wird im Endeffekt aus Quark hergestellt. Maltechnik ist wirklich wie Kochen …
Es würde sich lohnen, ein Maltechnik-Update zu schreiben mit eurer Expertise und der gesammelten praktischen Erfahrung … Engelke: Es gibt sehr viele Rezepte, aus Europa, auch weltweit, und aus der arabischen Welt, aus der Buchmalerei, da gibt es ganz spannende Sachen. Es gibt so viel Wissen und es ist toll, damit zu arbeiten und es an die Studierenden weiterzugeben.
Julia Rüther ist Bildende Künstlerin und leitet die Malwerkstatt. Taleja Engelke war Tutorin in der Werkstatt und hatte dort 2025/26 einen Lehrauftrag. Sie studiert Bildende Kunst in der Klasse von Karsten Konrad, Professor für Bildhauerei und Multimedia. juliaruether.de; @julia.ruether; @taleja.inci
Das Gespräch führte Marina Dafova.