Konrad Wachsmann. Modelle, Denken und Bauen

Quelle: S. M. Beermann

Soetje Marie Beermann und Carina Kitzenmaier

Auf der Suche nach Überlieferungslücken, nach anderen Erzählweisen jenseits des Kanons vom Pionier des industriellen Bauens, nach den Ursachen für Wachsmanns 50 Jahre währende Auseinandersetzung mit Normierung, Standardisierung und vorgefertigten Verbindungen ergeben sich Fragen, die Architektur und Bauen bis heute bestimmen und dabei immer auch die Ideen von Erinnerung und Erneuerung berühren. Eine Annäherung und eine Wanderausstellung über den Architekten Konrad Wachsmann (1901–1980)

Lieber Konrad Wachsmann,

ich habe lange nach Dir gesucht, um Dich zu verstehen. In Deinen Zeichnungen, Modellen, Fotografien, Briefen, Manuskripten und Prototypen. In New York, Chicago, Ulm, Los Angeles und Niesky. Und je länger ich gesucht habe, desto unsicherer wurde ich, wen, wessen und was für ein architektonisches Denken genau ich eigentlich suche.

Es gibt nicht den einen Konrad Wachsmann. Es gibt den Architekten des Sommerhauses für Einstein, den Firmenpartner von Walter Gropius, es gibt den Lehrer, den Konstrukteur, den Erfinder von Bausystemen, den unermüdlichen Sammler und Dokumentierer seiner selbst. Und daneben immer wieder den anderen: jemanden, der spielerisch seine Modelle baut, bis ins hohe Alter am liebsten selbst Dinge ausprobiert, komplexe Verbindungen entwickelt – in den 1950er Jahren ohne 3D Zeichenprogramm –, sie fotografiert, sortiert und seine eigene Arbeit über Jahrzehnte anhand desselben Materials in Vorträgen immer wieder neu erzählt. Du hast sehr früh begonnen, Ordnung herstellen zu wollen. Du hast Deine Projekte kategorisiert, nummeriert, unter den Tisch fallen lassen und mitunter trotz jahrzehntelanger Pausen wieder in Deiner Darstellung miteinander verbunden. Und je genauer man hinsieht, desto mehr Verbindungen entstehen, desto mehr Geschichten werden möglich.

Du hast nach konstruktiven Verbindungen gesucht, die standardisiert werden können und trotzdem unterschiedliche Lösungen ermöglichen. Ein Bauteil sollte nicht nur einmal funktionieren, sondern an vielen Stellen, in vielen Zusammenhängen. Aus dem Detail wurde Prinzip. Heute sprechen wir auch wieder viel über Systeme. Aber unter anderen Bedingungen. Wir fragen nach dem, was bereits vorhanden ist, nach Wiederverwendung, Anpassung und Umbauen. Nicht mehr nur: Wie können wir möglichst viel mit standardisierten Teilen bauen? Sondern auch: Was ist schon da – und wie können wir damit weiterbauen?

Das macht Deine Arbeit aber nicht plötzlich zu einem Modell für nachhaltiges Bauen. Dafür sind die technischen, ökonomischen und politischen Bedingungen zu verschieden. Aber Deine Fragen nach Universalität lassen sich weiterhin stellen. Denn ein universales System braucht Produktionsbedingungen, Standards, Wissen, Kapital, Transportwege und Menschen, die es herstellen und zusammensetzen. „Überall“ und „für jede Funktion“ bedeutet nicht automatisch „für alle“ und „langfristig zu nutzen“. Und vielleicht wird gerade hier die politische Seite der Architektur sichtbar, die hinter Deiner Erzählung vom technologischen Fortschritt immer wieder leicht verschwindet.

Ich musste dabei oft auch an Deine Biografie denken. Du hast einen großen Teil Deines Lebens mit dem Verlust von Orten und mit dem Wechsel zwischen ihnen verbracht. Nach der Emigration aus Deutschland infolge nationalsozialistischer Verfolgung hast Du Deine Arbeit in den Vereinigten Staaten neu aufgebaut. Deine Architekturauffassung wurde zunehmend international, in den Jahren Deines Jetset-Lebens verschwammen für Dich die Grenzen zwischen Kontinenten und Arbeitszusammenhängen. Ich frage mich, ob die beiden Geschichten auch miteinander zu tun haben: die Erfahrung, einen Ort zu verlieren, und der Versuch, Architektur von einem bestimmten Ort unabhängiger zu machen.

Gleichzeitig zeigt Dein Archiv etwas überaus Direktes. Hinter den großen Überlegungen steht Handwerk. Hinter der Idee des universellen Bauteils finden sich Werkzeuge, Materialproben, Versuche, Transferfehler und sehr konkrete Formschlüssigkeit. Gerade dort wurde Deine Arbeit für mich interessant: nicht in der Vorstellung einer reibungslos funktionierenden Zukunft, sondern in der Genauigkeit, mit der Du Dich an ihre Herstellung herangearbeitet hast. Du warst dabei weniger Utopist als Erfinder. Dein „Denkgebäude“ entwirft keine bestimmte Gesellschaft und keinen fertigen Lebensentwurf. Es formuliert Möglichkeiten. Es sagt: So könnte etwas verbunden werden. So könnte es weitergehen. So könnte aus einem Detail ein größeres Ganzes entstehen.

Dein Entwurf für die Flugzeughalle wurde nie gebaut, das war auch für Dich absehbar, und dennoch hast Du die Verbindung damals unermüdlich weiterentwickelt. Das Modell, der Prototyp und die Zeichnung wurden selbst zu Orten architektonischer Erkenntnis. Darin liegt etwas, das auch über Deine Person hinausweist: Architektur entsteht nicht erst, wenn ein Gebäude fertig ist. Sie entsteht auch in dem Versuch, im Modell, im Detail, im Bild und in der Frage, die ein noch nicht gelöstes Problem hervorbringt.

Was mich jetzt nach viereinhalb Jahren der Forschung am meisten beschäftigt, ist was Deine Arbeit heute wieder in Bewegung setzen kann. Dahinter liegt der Sinn, Dir überhaupt zu schreiben. Forschung muss eine Person nicht endgültig festlegen. Im besten Fall macht sie sichtbar, wie widersprüchlich, offen und beweglich eine Arbeit war – und setzt ihre Fragen unter veränderten Bedingungen wieder frei.

Du hast gesammelt, geordnet, gebaut und referiert. Wir nehmen heute vieles davon wieder auseinander, verbinden es neu und fragen, was daraus werden kann. Welche Fragen müssen wir stellen, wenn nationalistische Politik wieder stärker wird und Kultur zunehmend zu einem politischen Austragungsort wird? Wenn die AfD das Bauhaus Dessau zu einem „Irrweg“ erklärt, dann richtet sich dieser Angriff nicht nur gegen eine Institution oder eine bestimmte ästhetische Tradition. Er trifft auch eine Vorstellung von Modernität, die sich nicht in nationale Grenzen einschließen lässt: international, experimentell, mehrdimensional und offen für Austausch.

Gerade deshalb sind Deine Fragen heute nicht einfach historisch. Sie sind aktuell. Wir müssen sie neu stellen, gegen ihre Vereinnahmung verteidigen und dort widersprechen, wo aus Geschichte wieder Identitätspolitik, aus Erinnerung wieder Abgrenzung und aus kulturellem Erbe ein nationales Besitzdenken werden soll. Dafür braucht es Entwirrung, Neuausrichtung und Haltung. Und manchmal eben auch Widerspruch.

Schöne Grüße und weiter nicht lieblich werden, bitte – mit Weitsicht und Nachsicht

Soetje Marie Beermann hat im August 2026 ihre Dissertation im Fachgebiet Architekturtheorie und Architekturgeschichte erfolgreich verteidigt. Sie forschte vor allem in Konrad Wachsmanns Nachlass, der heute vom Baukunstarchiv der Berliner Akademie der Künste verwahrt wird, sowie an Wachsmanns ehemaligen Wirkungsstätten – am Museum of Modern Art, am IIT, an der HfG oder an der USC. Gemeinsam mit Carina Kitzenmaier fand Beermann Antworten über den Modellbau in Wachsmanns Werk: in seinen All-Norm-Wochenendhäusern für die Holzhausfabrik Christoph und Unmack AG, in einem Zirkuszelt für Sarrasani und im Prinzip fortwährender Erweiterbarkeit, das sich in dem berühmten Wachsmannknoten als Bausystem zeigt. Aus dieser Untersuchung entstand die Wanderausstellung „Konrad Wachsmann Exhibition“ in drei signalgelben Holzkisten. Als Vehikel zwischen den Zeiten erzählen sie von Wachsmanns Leben, Werk, Wirken in der sächsischen Oberlausitz und eröffnen unterschiedliche Ebenen der Interpretation. Der vorangehende Brief ist ein Versuch, Wachsmanns Fragen unter veränderten, in mancher Hinsicht jedoch wieder erstaunlich vertrauten politischen Bedingungen aus der Gegenwart heraus weiterzuschreiben – und sich dabei selbst zu fragen: Warum suche ich? Warum Forschung? Und was können monografische Ansätze leisten? Beermann und Kitzenmaier sind Absolventinnen des MA Architektur an der UdK Berlin.
Über die Ausstellung + Termine: www.udk-berlin.de/studium/architektur/aktuelles/konrad-wachsmann-exhibition