Leonie Hennicke, „Durch die Wand wohnen“, 2026
Raufasertapete, Papier, Kleister, Wandfarbe, Maße variabel, Gesamtgröße 4 × 3,20 m
Das Haus durch die Wand spüren. Die Wohnung an jemandem riechen. In der Haushaut wohnen. Innen keine Außen sehen. Im Inneren sich äußern. Außen sehen, wie es innen aussieht. Die Installation ist eine variable Anordnung von Abformungen von Fassadenelementen mit Raufasertapete. Form und Materialität verbinden den inneren und äußeren Wohnraum in der Großstadt und symbolisieren Funktionalität und Zuhause, Gewohnheit und Gegensatz. Die gesamte Größe der Arbeit ist angelehnt an eine klassische Innenraumwand. Alle Elemente sind auf ihrer tatsächlichen Höhe positioniert und verdeutlichen den gefühlten Maßstabswechsel zwischen Innen- und Außenraum. Sie sind repräsentativ, verweisen nicht auf spezifische Orte und wurden an Neuköllner Mietshäusern in meiner direkten Umgebung umgesetzt. Es sind die Elemente, die das Auge, aber auch mein Körper gut erreichen konnte, maximal bis zur oberen Grenze des Erdgeschosses.
In meiner künstlerischen Arbeit beschäftige ich mich vor allem mit automatisierten Blicken und Berührungen, Muscle Memory und alltäglichen Routinen. Dafür arbeite ich mit Nachbildungen von Objekten und Formen, deren Material ich in ein anderes übersetze. Mich interessieren dabei vor allem Momente, die die Anwesenheit von Körpern und Räumen andeuten und den Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum markieren. Nicht die architektonischen oder dekorativen Besonderheiten von Gebäuden, sondern rein funktionale Elemente: Rollläden, Rohre, Leitungen, Kellerfenster, Türgriffe, Klingeltaster. Sie verweisen auf den Alltag und die Gemeinschaft der Menschen im Inneren der Mietwohnungen, ohne dass ein direkter Blick hinein nötig ist. Diese Elemente sind so allgegenwärtig und vertraut, dass man sie nicht mehr wahrnimmt. Sie zu isolieren und vom Außenraum wieder in den Innenraum zu übertragen, war der Ausgangspunkt meiner Arbeit. Ähnlich wie die Fassadenelemente ist auch die Raufasertapete eine „Sehgewohnheit“, ein Standard in deutschen Mietwohnungen, eng verbunden mit Alltag und Zuhause. Ein Material, das sofort verortet ist, visuelle und taktile, zu einem gewissen Grad auch akustische (beim Berühren) Sinneseindrücke hervorruft.
Leonie Hennicke ist Absolventin der Bildenden Kunst auf Lehramt in der Klasse von Ina Weber, Professorin für Bildhauerei. leoniehennicke.de; @schleoniie