Farbflächen und magische Quadrate
Eleni Manolopoulos
Du arbeitest seit einer Weile mit Siebdruck … … das Grid gefällt mir, dass alles auf eine geometrische Form heruntergebrochen und die Form durch Pixel definiert wird. So wie der Pointillismus hat das etwas Abstraktes und ist auch abhängig von der Nähe oder Distanz, aus der man ein Bild betrachtet. Dieser Minimalismus hat einen gewissen Gestus, ein Bestreben, die eigene Handschrift, den eigenen Körper irgendwie herauszunehmen. Für mich ist das die Geistigkeit in der Kunst. Gefühle oder Erfahrungen des Transzendenten interessieren mich, abstrakte Kunst gibt mir sehr viel, wie auch die Mathematik. Da gibt es theoretische Bereiche, die einem die Welt weiter öffnen oder auch klar machen, wo die Grenzen der eigenen Welt liegen. Meine Arbeit sehe ich eher als eine Tür als einen Spiegel, ich möchte mich nicht gespiegelt sehen. Ich möchte etwas schaffen, was mich eher in die Ferne schauen lässt als in den Spiegel. Narziss sieht sein Spiegelbild, verliebt sich und ertrinkt. Für mich ist Kunst dann beeindruckend, wenn man sich nicht darin spiegelt, wenn ich da wirklich etwas anderes sehe. Auch wenn es auf eine Art irgendwo ein Teil eines Selbst ist.
In deinen Bildern ist eine sehr körperliche Ebene, die mitschwingt. Und sie haben die Intensität einer beherrschten Ruhe. Ja, meine Arbeiten haben eine gewisse Ausgeglichenheit, die ich als Mensch gar nicht fühle. Unter Stress aber kann ich relativ ruhig sein, im Kampfsport muss man so sein, man muss sich im Griff haben.
Kampfsport hat sehr viel mit Präzision zu tun … Dort gewinnt derjenige, der am meisten präzise und am effizientesten ist. Wenn du ins Leere schlägst, brauchst du sehr viel Energie, ohne effizient zu sein. Es geht also darum, dass du wenige Schläge machst, die aber sitzen. Viel besser als hunderte Schläge und davon wenige gut. Du wirst müde und der Gegner hat es leicht – er wartet einfach, bis du erschöpft bist. Im Leben ist das auch ähnlich, glaube ich. Auch in der abstrakten Kunst geht es nicht um die Menge, sondern um die paar wenigen Dinge, die du setzt. Und die müssen dann auch an der richtigen Stelle sitzen.
Siebdruck erfordert auch eine Genauigkeit – der Technik, der Idee, gibt dir aber zugleich eine große Freiheit. Hier kann man verschiedene Aspekte zusammenbringen. Zeichnung funktioniert hauptsächlich über den Strich, Malerei über die Farbfläche. Im Siebdruck kann ich beides verbinden – ich kann Flächen drucken und zugleich figurativ arbeiten. Figuration war für mich immer ein schwierigerer Ansatz, weil das Bildliche eine gewisse Sentimentalität hat. Siebdruck und Fotografie wirken distanzierter. Der Siebdruck hat eine weitere Ebene hereingebracht, und im Malen bin ich jetzt besser geworden, auch im Nuancieren der Farben … Das Drucken selbst ist nur kurz, der ganze Prozess drumherum ist sehr lang. Er hat viel mit Präzision zu tun, mit Wachsamkeit. Gute Flächen zu drucken, ist eine der großen Herausforderungen – sehr technisch und gar nicht intuitiv. Bei der Fläche kannst du nichts verstecken. Du kannst auch nichts ausbessern, man sieht sofort, wenn jemand retuschiert hat.
Wie triffst du Entscheidungen beim Drucken? Mir hat der Ausschluss von Möglichkeiten immer Angst gemacht, deswegen wollte ich manchmal bestimmte ästhetische Entscheidungen nicht treffen. Auch für diese Arbeit. Damit wäre sie aber garantiert falsch geblieben. Sie war nicht fertig. Erst durch den Ausschluss der Optionen gibt es eine Antwort und man gewinnt etwas, zumindest für den Moment. Weil man einen Schritt gemacht hat. Es kann sein, dass ich am nächsten Tag eine andere Entscheidung treffe. Aber ich musste eine Antwort haben. Entscheide ich mich, ist es die richtige Antwort für diesen Moment, es ist aber nicht die absolute Antwort. Erst wenn man es ausprobiert hat, kann man auch wieder seine Entscheidung hinterfragen. Man muss sich trauen, weiterzuarbeiten und eine Blindheit entwickeln für die Möglichkeiten, die man verworfen hat, sie ausblenden und vergessen. Blindheit, um mit seiner Entscheidung leben zu können.
Jede Komponente des Drucks folgt ihrer eigenen Geschwindigkeit. Was bedeutet das für den Prozess? Die Ölmalerei nimmt das Tempo heraus. Dadurch werden die Entscheidungen sehr bedacht, auch wenn man vieles verändern kann. Beim Siebdruck sind die Entscheidungen, die man trifft, radikaler. Es ist kein flüssiger Prozess mit Feedback und Loops, nicht so organisch, weil man ihn in verschiedene Schritte separiert und alle Entscheidungen vor dem Drucken trifft. Während ich male, kann ich einen Strich zusetzen. Mit dem nächsten kann ich den ersten übermalen oder ihn anders setzen und direkt daraus lernen. Das ist sehr viel organischer und viel reaktiver auf die eigene Arbeit. Zeichnen, Malen und Drucken spielen zwar zusammen, aber man kann sie auch voneinander trennen. Die allererste Entscheidung ist die Zeichnung. Sie wird für den Druck bearbeitet, skaliert, kompositorisch zusammengesetzt. Das Farbkonzept ist unabhängig davon und das wähle ich beim Malen. Alle diese Entscheidungen werden einzeln und unabhängig voneinander getroffen, am Ende laufen sie zusammen im Druck und ich kann sie miteinander kombinieren.
Wie eine Choreografie. Du durchschreitest Raumwege … Ja, eine Sicht von oben, aus der Distanz. Aber der Tänzer bin ich nicht, er sucht die Bewegung in seinem eigenen Körper. Für mich ist das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente wichtig.
Die Arbeit links hat ein dynamisches Schwarz, davor schweben die weißen magischen Quadrate. Eine doppelte Abstraktion von Farbe, Kontrast und Mathematik. Was ist die Idee? Es ist ein Kontrast und es ist eine Brücke, da durch die magischen Quadrate der Bogen gespannt wird zwischen Zahlen und geometrischen Formen. Sie sind als Matrize angeordnet und beinhalten daher auch wiederum eine Grundform. Für Malewitsch ist das schwarze Quadrat die magische Form, die alles andere aufschlüsselt. Schwarz ist eine sehr vielfältige Farbe, sie ist nicht monochrom. Schwarz oder auch Weiß wird zwar als Nichtfarbe wahrgenommen. Dabei ist darin das gesamte Spektrum der Farben enthalten. Hier in diesem Schwarz gibt es für mich auch eine Referenz zu einer anderen Kunst, zu Tanz: Die Choreografin Sharon Eyal arbeitet mit Monotonie, die Bewegungen werden minutenlang wiederholt. Sie sind sehr klein, haben aber winzige Differenzen. Und diese ganz kleinen Differenzen zwischen Schwarz und Schwarz sind auch in meinen Bildern. In dieser Arbeit thematisiere ich Mathematik, das Binäre. Ich möchte die Weite zeigen, die darin liegt. Ich glaube, dass Mathematik für die meisten Menschen eine abweisende Abgeschlossenheit hat und sie deswegen keine Fragen stellen. Die Nuancen der Farbe im Binären zu zeigen, war mir wichtig, die Facetten. Mit Siebdruck als Medium, weil es dort diese Poren gibt, die entweder offen oder geschlossen sind. Die magischen Quadrate wiederum funktionieren deterministisch – das Ergebnis ist immer eindeutig. Vertikal, horizontal und diagonal ergeben sie immer den gleichen Wert und damit sind sie auch als System geschlossen. Dazu gibt es die Pianola-Rollen, von selbst spielende Pianos, die man aus den Western kennt. Es sind Lochkarten, eine binäre Codierung und Programmierung, wie sie die ersten Computer verwendet haben. Auch in der Musik gibt es Kompositionen, die magische Quadrate ergeben. Den Determinismus wollte ich auf jeder Ebene durchziehen und gleichzeitig die Perspektive eröffnen auf etwas, das außerhalb des Deterministischen liegt, und damit diese Serie mit meiner anderen inhaltlich und visuell verschränken. In der Serie mit den Händen geht es um Zwischenzustände, um Ereignisse und Potenz, wo etwas in Erscheinung treten, sich aber gleichzeitig auch auflösen kann.
Warum machst du Kunst, was treibt dich an, Eleni? Die Sicht nach außen. In Verbindung treten, mit dem eigenen Gefühl zur Welt. Das empfinde ich auch beim Tanz, da wird man in eine andere Welt transportiert. Eine, die nicht nur zweckgeleitet ist und wo es nicht nur um Überleben geht, sondern die tatsächlich auch ein Leben füllen kann. Und das ist für mich Kultur, das ist Kunst. Das sollte man nicht vergessen. Und auch Mathematik ermöglicht das Schauen in die Unendlichkeiten und die Möglichkeiten, die Potenziale. Schaue ich mir Kunst an, die mich berührt, gibt sie mir genau das, und sie überwindet auch ein Gefühl der Einsamkeit, einer Abgestumpftheit. Es gibt mir unendlich viel Kraft und Schönheit.
Eleni Manolopoulos ist Meisterschülerin in der Klasse von ehem. Thomas Zipp, Professor für Malerei und Zeichnen. @eleni_manolopoulos oben: „eχ 6“, 2025, Siebdruck / Malerei Öl auf Leinwand, 90 x 80 cm links: „Magisches Quadrat 2“, 2026, Siebdruck / Malerei Öl auf Leinwand, 150 x 150 cm; beide Fotos: Bodo Schlack Das Gespräch führte Marina Dafova.