Am Ende der Abfall
Am Ende der Abfall
Architektur zwischen Kreislauf und Deponie
Seminar
WM Lilith Unverzagt
BA Module 12/14 = 3ects; MA Module 03/05 = 5ects
Freitags, zweiwöchentlich, ca. 11:15-15.15h, Raum 336 + Exkursionen
Start: 17.04.2025, 11.15h, R 336
Anmeldung per Mail an:
t.harle [at] udk-berlin.de
Termine
- 17.04. (Einführung)
- 24.04.
- 08.05.
- 22.05.
- 05.06.
- 19.06.
- 03.07.
- 10.07.
Laut dem Global Footprint Network hatte die Menschheit bereits am 24.07.2025 die natürlichen Ressourcen der Erde, die sich innerhalb eines Jahres regenerieren können, verbraucht. Der sogenannte "Erdüberlastungstag" markiert den Zeitpunkt im Jahr, ab dem die planetare Überstrapazierung durch menschliches Handeln beginnt. Durch Dezimierung von Ressourcenbeständen und Anreicherung von CO2 in der Atmosphäre wird aktiv der Abbau des globalen Gleichgewichts verursacht. Die Berechnung des Stichtags für die Bundesrepublik Deutschland ist mit dem 03. Mai noch gravierender als der globale Vergleich: Bereits sieben Monate vor Ablauf des Jahres haben wir den Planeten verbraucht und arbeiten damit aktiv an der Abschaffung der Umwelt. Der Begriff Erdüberlastungstag ist neu, die Beschreibung des menschlichen Fehlverhaltens jedoch nicht. Bereits in den 1980er Jahren schreibt Lucius Burckhardt: "Vernichten wir die so breit angelegten und elastischen Stabilisatoren des Ökosystems, den Artenreichtum und die biologische Potenz der Regeneration, so haben wir wahrhaft die Umwelt zerstört und mit ihr uns selbst."
Dem weltweit steigenden Rohstoff- und Flächenbedarf steht eine begrenzte Verfügbarkeit primärer materieller Ressourcen gegenüber. Das Bauwesen bildet heute einen der ressourcenintensivsten Bereiche unserer Gesellschaft. Neben Ressourcen und Energieverbrauch werden auch Deponieflächen knapper und wir stehen vor der Frage nach dem Verbleib materieller Substanz. Während Gebäude in immer kürzeren Zyklen abgerissen und neu errichtet werden, müssen wir unseren Umgang mit den von uns produzierten Resten, den Rückständen, Überbleibseln, Trümmern, dem Schutt und Bruch unserer Bauwerke inklusive ihrer Bedeutung hinterfragen: Wann wird Architektur zu Abfall? Etwa dann erst, wenn die Abrissbirne Wände einschlägt und die Gebäudeteile im wahrsten Sinne des Wortes von ihrer Gesamtstruktur ab-fallen, oder bereits davor?
Mit Müll, Dauer und Vergänglichkeitsphänomenen setzt sich der Anthropologe und Forscher Michael Thompson in seiner Mülltheorie bereits in den 1980er Jahren auseinander und definiert Objekte als nicht durch "intrinsische physikalische Eigenschaften" bestimmt, sondern durch gesellschaftliche Zuschreibungen konstruiert. Wert und Wertlosigkeit sind laut Thompson keine statischen Größen, sondern verhandelbare Kategorien. An diese Überlegungen anknüpfend, beschäftigen wir uns im Seminar mit der Frage nach dem Wert von Baumaterialien und -substanzen, seiner gesellschaftlichen Verhandelbarkeit, der Dimension politischer Entscheidungen und den Folgen juristischer Festlegungen. Dabei birgt das komplexe System der Abfallwirtschaft, besonders im Hinblick auf den erheblichen Anteil, den der Bausektor im Umgang mit Ressourcen trägt, ein beträchtliches Potenzial bei der Etablierung dringend benötigter Recyclingmethoden und Kreislaufprozesse.
Besonders die vom industriellen Aufschwung geprägte und heute sanierungsbedürftige Bausubstanz der Nachkriegsmoderne, ist oft von Schadstoffen durchsetzt. Diese toxischen Substanzen verhindern nicht selten die Wiederverwendung der Gebäude und seiner Teile, münden allzu häufig im Abriss und schließlich in der Endlagerung des belasteten Bauschutts auf Deponien. Seit den 1980er Jahren steigt jedoch das Bewusstsein für Kreislaufwirtschaften, mit dem Ziel, die im Abfall (oder als solchen gekennzeichneten) enthaltenen Rohstoffe und Energieträger in weitere Lebenszyklen einzubinden.
Juristisch ist der Umgang mit Abfällen in Deutschland seit 2012 durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz bestimmt, welches aus den Vorgaben der EU- Abfallrahmenrichtlinie (2008/2025) entwickelt wurde. Während neue Strategien und Ansätze zur Wiederverwendung von Bauteilen und die hochwertige Verwertung von Baustoffen entwickelt werden, können viele Materialien aufgrund ihrer Einordnung als schadstoffbelastet nicht weiterverwendet werden.
Im Jahr 2023 stammten knapp 200 Millionen Tonnen Abfall in Deutschland aus der Bauindustrie, davon wurden 17,9 Millionen Tonnen auf Deponien endgelagert. Von den als gefährlich eingestuften Abfällen machen Bau- und Abbruchabfälle knapp 40% des Gesamtaufkommens aus. Während nur ein Bruchteil dieser Abfälle durch thermische und mechanische Verfahren unschädlich gemacht werden kann, wird ein erheblicher Anteil an Bauschutt beseitigt und je nach Toxizitätsgrad auf Deponien der Klasse I,II oder III endgelagert.
Das Seminar begibt sich auf die Spuren von Gebäudeabfällen. Im Fokus stehen einerseits toxischen Substanzen, deren Endlagerung und ihre gesellschaftliche, politische, juristische Ein- und Zuordnung, die den Umgang in der Praxis maßgeblich beeinflussen. Andererseits werden bekannte sowie eher ungewöhnliche Recyclingmöglichkeiten von ganz oder teilweise funktionsfähigen Bauteilen erkundet. Neben Exkursionen zu Abbruch-Baustellen, Recyclinganlagen und Deponien treffen wir politische und wirtschaftliche Akteure, sprechen über Wert und Wertlosigkeit von Müll, über Sinn und Unsinn von Abriss und suchen Möglichkeiten und Wege, um die Begriffe Abfall, Rest und Schmutz aus ihren (anthropologisch bestimmten) Kategorien und Konnotationen zu lösen.