In Erinnerung an Gabriele Schultheiß

 

Gabriele Schultheiß

Germanistin, Kunstwissenschaftlerin, Landschaftsarchitektin

2. November 1950 - 6. April 2021

 

 

Am 6. April 2021 verstarb unsere hoch geschätzte, liebe Freundin, Kollegin und Professorin Gabriele Schultheiß nach langer Krankheit. Ihr Tod reißt eine große, kaum ermessbare Lücke in die Arbeit und das Leben des Studiengangs Architektur der Universität der Künste Berlin, war Gabriele Schultheiß doch seit Jahren eine feste und verlässliche Stimme und Ansprechpartnerin sowohl für die Studierenden als auch für viele Mitarbeiter*innen der UdK.

Gabriele Schultheiß vertrat das im Studiengang Architektur angesiedelte Fachgebiet "Gartenkultur und Freiraumentwicklung" seit 2009, seit 2017 setzte sie sich zudem als Studiendekanin der Fakultät Gestaltung für die Belange der Studierenden ein.

Ihr beruflicher Werdegang war vielgestaltig, kaum übersehbar und spiegelt ihre zahlreichen Interessen und Wissensgebiete und vorangegangenen Tätigkeitsbereiche wider, mit denen sie ihre Gesprächspartner überraschen konnte. Ungewöhnlich und eigenwillig für ihre Generation war der fast flamboyant wirkende, aber immer von großer Ernsthaftigkeit begleitete Wechsel nicht nur zwischen den beruflichen Welten, sondern auch zwischen den Fächern und ihren jeweiligen methodischen Zugriffsformen – von der geistes- und kulturwissenschaftlichen Welt in das Ausstellungswesen, zum Entwurf und in die Lehre. In ihrem beruflichen Leben war Gabriele Schultheiß substanziell transdisziplinär, man könnte auch sagen, immer einen Schritt weiter.

In Koblenz geboren, begann sie 1970, nach einer Erstausbildung zur Telefonistin bei der Oberpostdirektion in Koblenz, ihr universitäres Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten Trier, Marburg und seit 1972 in Frankfurt am Main – letztere beiden Orte zählten zu den kritischen intellektuellen Zentren in der westdeutschen universitären Landschaft jener Jahre – nicht umsonst findet sich diese Prägung auch in ihrer ersten selbstständigen Arbeit wieder: Schon von Haus aus politisch eingestimmt, spiegelt ihre Dissertation, die sie 1982 in Frankfurt einreichte und verteidigte, ihren Anspruch an sich und die Gesellschaft, sie griff hier zu jenem kulturtheoretischen Instrumentarium, das sie Zeit ihres Lebens beschäftigen sollte. Die Muse als Trümmerfrau. Untersuchung der Trümmerliteratur am Beispiel Walter Kolbenhoff war ihre Dissertationsschrift betitelt, und schon hier ging es ihr um mehr als um Literatur. Zentrales Thema ist die Würde des Menschen im Angesicht der vergangenen Greueltaten der Deutschen und ihrer Bewältigung, das Thema ist die Möglichkeit, ein freies, reflektiertes und kritisches Leben auch nach dem Faschismus führen zu können. Und schon hier, in diesem frühen wissenschaftlichen Werk, wenn sie den vermeintlichen literarischen und gesellschaftlichen "Nullpunkt" nach 45 analysiert, wird der scharfe Geist von Gabriele Schultheiß sichtbar, mit dem sie sich und alle anderen immer wieder konfrontierte: "Unter der Abstraktion von den gesellschaftlichen und sozialpsychologischen Implikationen eines Kunstwerks kann auch die Trümmerliteratur in der Tat lediglich als literarisch-ästhetisch defizitär beschrieben werden." Alle kannten diese harten Sätze und Urteile, das fachliche und menschliche betreffend, die weder Widerspruch zuließen, noch einen solchen überhaupt plausibel oder sinnvoll erscheinen ließen, hatte sie doch im Regelfall recht mit ihren geschliffenen Analysen und der daraus resultierenden Meinung.

Noch während ihres Studiums und später auch parallel zu ihrer Promotionszeit war Gabriele Schultheiß als Dozentin für Deutsch und Politik am Berufsfortbildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Fachschule für Wirtschaft tätig und schließlich auch, seit 1978, zunächst am Frankfurter Kunstverein freie Ausstellungskuratorin (wie man das heute nennt), dann wissenschaftliche Mitarbeiterin ebendort. Es entstand eine Reihe von Ausstellungen über Joseph Beuys, Man Ray oder Roman Opalka, teilweise auch mit parallel erarbeiteten Ausstellungskatalogen wie jene über Jochen Gerz oder, 1980, Zwischen Krieg und Frieden. Gegenständliche und realistische Tendenzen in der Kunst nach 45, ein Themenfeld, mit dem sie an ihre literaturwissenschaftliche Expertise anknüpfen konnte.

Zwischen 1983 und 1985 finden sich ihre Spuren am Deutschen Filmmuseum wieder, das am Frankfurter Museumsufer in jenen Jahren, wie das Deutsche Architekturmuseum oder das Kunstgewerbemuseum auch, einen Neubau erhielt und 1984 eröffnet wurde. Hier konzipierte sie eine Ausstellung zu Fellinis Zeichnungen und recherchierte und schrieb über den Industriefilm Das Stahltier von Willy Zielke aus dem Jahr 1934, der nach der Uraufführung vom nationalsozialistischen Propagandaministerium aufgrund seiner experimentellen Kameraarbeit und Schnitttechnik nicht zur Vorführung zugelassen worden war und nun der Öffentlichkeit, frisch restauriert, neu präsentiert werden konnte.

1985 landete sie schließlich in Berlin, wo sie sechs Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Haus am Waldsee tätig war. Hier entstanden Ausstellungen zu "Obsessionen und Geschichte – Kunst aus Flandern", "Animalia: Stellvertreter. Tierbilder in der zeitgenössischen Kunst" sowie zu modernen und zeitgenössischen Künstler*innen wie Cindy Sherman, Frida Kahlo und Tina Modotti, Fischli und Weiss oder Markus Lüpertz.

In diese Schaffensphase fiel ihre Beschäftigung mit Gartenkunst und Landschaft, 1987 verantwortete sie "im Alleingang", wie es anerkennend hieß, die Ausstellung und den dazugehörigen Katalog Das gantze Eyland muss ein Paradies werden. Jagdschloss Glienicke – 300 Jahre in Ansichten, Plänen, Portraits. Ihr darin publizierter Artikel "Zum Verschönerungsplan von Potsdam und Umgebung im 17. Jahrhundert" wurde weithin rezipiert. 1988-1989 konzipierte und organisierte sie im Nachgang der 750-Jahr-Feier Berlins das Bildhauer-Symposium "Wasserlinie" im Strandbad Wannsee.

Offensichtlich weiterhin auf der Suche, begann sie 1992 ein Zweitstudium der Landschaftsarchitektur an der TU Berlin – und fing auch sofort an, sich im Büro von Klaus Block an Wettbewerben, Entwürfen, Ausführungsplanungen auch im Außenraum zu beteiligen. Für ihre Diplomarbeit reichte sie 1998 einen Entwurf für die Außenraumplanung des Kirchbergs von St. Marien in Müncheberg (Brandenburg) ein – wer jemals auf ihre Fachgebietsseite des Studiengangs Architektur gesehen hat, wird vielleicht die Fotografie des ausgeführten Freiraums bewundernd zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter hinterfragt haben. Es ist ihr vermutlich schönstes Werk unter freiem Himmel. Seit 2001 führte sie ein eigenes Büro als Landschaftsarchitektin, war Preisrichterin in Wettbewerbsverfahren – unter anderem für die Museumsinsel, den Alexanderplatz oder den Park am Gleisdreieck in Berlin, den Jungfernstieg in Hamburg, die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Warschau, oder auch in Dubai. Sie schrieb Gutachten im Auftrag des Senats – "Abfall und Müllprobleme in Berliner Grün- und Erholungsanlagen", 2008 –, hielt Vorträge, war Lehrbeauftragte an der TU Berlin, engagierte sich in der Berliner Architektenkammer, oder übernahm eine Weile lang die Chefredaktion für Architektur der Zeitschrift Kunst und Kirche.

Als wäre das alles nicht genug, oder müsste man besser sagen, als ob es sich vielleicht nicht richtig genug anfühlte, wechselte Gabriele Schultheiß erneut, nun endgültig und an jene Stelle, an der sie alle ihre Befähigungen zum Einsatz bringen konnte. 2009 nahm sie die Stelle als Professorin für Gartenkultur und Freiraumentwicklung an, auf der sie nahezu 12 Jahre lang jedes Semester die Schnittstellen von Innen und Außen, von Stadt und Architektur, von Garten und Haus, von Regel und Freiheit mit ihren Studierenden auslotete und jede Veranstaltung, jede Betreuung mit der ihr eigenen Präsenz, Aufmerksamkeit und Empathie begleitete. Ihre Seminar- und Entwurfsthemen handelten von städtischen Plätzen und Orten, von den ästhetischen Errungenschaften der Moderne, von den Villengärten der Renaissance in Italien, von den Gärten islamischer Kulturen, von der Medialität der Gärten, von Machtausübung und Repräsentation durch Form, von räumlichen Qualitäten, vom Ernst Reuter Platz oder zuletzt vom Freiraum zwischen dem Haus der Berliner Festspiele, der Bar jeder Vernunft und der Fakultät Musik der UdK Berlin. Das Themen- und Interessensspektrum war breit, und doch ging es ihr immer um die wesentlichen Aspekte, um Aufrichtigkeit, Wahrheit, Schönheit und Menschlichkeit in und mit der Kunst.

Ihrer Geradlinigkeit des Denkens stand eine ebenso geradlinige und manchmal unnachgiebige Kommunikation zur Seite, immer trat dem Gegenüber eine authentische Positionierung entgegen, vielleicht muss man es daher auch übertragen sehen, wenn sie in ihrer Dissertation Jean Paul Sartre mit den Worten zitierte: "Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf."

Jeder hat einen Platz, hieß eine ihrer Veranstaltungen an der UdK – sie hatte ihren und wird ihn in unserer Erinnerung und unseren Herzen behalten.

 

Matthias Noell, 13. April 2021

 

Zum Tod von Prof. Dr. Gabriele Schultheiß. Ein Nachruf.

Quelle: mn

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