Auf der Suche nach einer zeitgenössischen Landschaftstheorie
Aufsätze, Essays, Positionen.
Auf der Suche nach einer zeitgenössischen Landschaftstheorie
WS 26/27 – Seminar
WM Lilith Unverzagt
Freitag, zweiwöchentlich, 11:15–15:00 Uhr, R 336
Start: 16.10.2026
BA Module 12/13/14; MA Module 03/05
Anmeldung per Mail an t.harle@udk-berlin.de
Was ist Landschaft und warum brauchen wir eine Landschaftstheorie?
Der Begriff Landschaft taucht fast täglich in unserem Sprachgebrauch auf. Er lässt sich mit nahezu jedem Substantiv kombinieren - von Medienlandschaft über Stadtlandschaft, Kulturlandschaft, oder Parteienlandschaft scheint alles möglich. Während hier die übertragene Bedeutung auf ein kollektives Grundverständnis des Begriffs hinweist, stehen im Fachdiskurs Landschaftswandel, -planung, -pflege oder -schutz, besonders im Kontext von Klimafragen, im Fokus der Debatten. Hinsichtlich immer deutlicher spürbar werdenden Wetterveränderungen überrascht das nicht weiter, gleichwohl führt die inflationäre Verwendung des Begriffs zu einer diffusen sprachlichen Gemengelage, die mehr Fragen aufwirft als sie klärt, denn was gilt es denn eigentlich zu pflegen, schützen oder planen?
Das jeweilige Verhältnis einer Gesellschaft zu ihrer Umwelt widerspiegelnd, nimmt die Landschaft, historisch betrachtet, viele Rollen ein: als sozio-politisches Konstrukt dient sie der Repräsentation von Macht, ist gemaltes Idealbild, Symbol der Freiheit und steht als Sehnsuchtsort im Kontrast zur beengenden Stadt. Als kultivierbares Land ist sie nutzbar, als zugleich bewahrenswerte Natur und aktiv zu gestaltender Freiraum ist sie erlebbar und wahrnehmbar. Als bedeutendes "Gut für die nächste Generation", Ressource und limitierter Raum, ist sie substanzielle Grundlage für unsere Lebensbedingungen. Aus geographischer Perspektive ist sie „ein real definierter Erdausschnitt, der sich ständig wandelt, und der als sichtbarer Teil der Erdoberfläche unabhängig vom Betrachter objektiv und real materiell existiert.“ [1] In jüngster Vergangenheit wird sie immer häufiger als "Ökosystemdienstleister" mit der Regulation von Klimaphänomenen in Verbindung gebracht.
Das Seminar begibt sich auf die Suche nach einer zeitgenössischen Einordnung des Begriffs. Im Versuch, die Gegenwart zu erfassen und uns zu positionieren, um das eigene Handeln im jeweils spezifischen zeitlichen und räumlichen Kontext zu bestimmen, greifen wir zurück auf bereits formulierte Positionen aus Architektur, Garten- und Landschaftsgestaltung. Weil die jeweilige Disziplin nicht immer in der Lage ist, die beste Theorie für sich selber aufzustellen erweitern wir das Repertoire um Betrachtungen aus der Botanik, Biologie, Soziologie, Philosophie und Literatur. Dabei bewegen wir uns inhaltlich nicht chronologisch, sondern thematisch fort, um Positionen absichtsvoll kollidieren zu lassen und sie mit den von uns festgestellten Herausforderungen der Zeit zu konfrontieren.
Nicht zuletzt nehmen wir die für Berlin geplante IBA 34-37 zum Anlass, um uns über die dringend notwendigen und ambitionierten Klimaziele der Stadt zu unterhalten. Eine anlässlich der IBA kürzlich erarbeitete Ausstellung formulierte als übergeordnete Transformationsziele "Klimaschutz und Klimaanpassung" sowie der "Umgang mit städtischem Grund und Boden". Während im zugehörigen Ausstellungskatalog trotz wortreicher Ausführung unklar bleibt, was damit eigentlich gemeint ist, steht fest, dass wir in den nächsten Jahren die Diskussion ohne eine Idee von Landschaft, Freiraum, Garten und Park nicht führen können. Wie also könnte eine Landschaftstheorie lauten, die der Vergangenheit entspringt, der Gegenwart entspricht und der Zukunft angemessen begegnet?