Grete Sultan
Vor 120 Jahren, am 21. Juni 1906, wurde die Pianistin Grete Sultan in Charlottenburg geboren. Sie studierte an der Hochschule für Musik, der heutigen Musikfakultät der UdK, und trug die Modernität, die sie im Berlin der 1920er Jahre in sich aufnahm, nach New York, wohin sie emigrieren musste. In hohem Lebensalter war sie die künstlerische Partnerin von John Cage. Die hochschulgeschichtliche Kolumne des Newsletters informiert aus Anlass des runden Geburtstags über ihr wechselvolles Leben, vor allem jedoch über ihre Berliner Ausgangspunkte.
Als Grete Sultan an der Berliner Hochschule für Musik studieren wollte, soll sie sich – es war im April 1922 – ihren künftigen Lehrern mit einem Kopfstand präsentiert haben. Das behauptete sie fast achtzig Jahre danach gegenüber ihrem Biographen Moritz von Bredow, der eine lesenswerte Monographie über die „rebellische Pianistin“ (Theodor W. Adorno) verfasst hat. „Ich musste eine Aufnahmeprüfung an der Hochschule machen“, erzählte sie. „Und da haben mir die Professoren […] ein Stück Musik gegeben, das sollte ich eine Stunde lang üben und dann ihnen vorspielen. Das habe ich irgendwie angeguckt, und […] ich hatte keine Lust, das zu lernen. Ich war da eingeschlossen in einem Zimmer, wo ich üben sollte. Ich habe aber Gymnastik gemacht und geübt, auf dem Kopf zu stehen.“ Das sahen die Professoren, als sie hereinkamen – und „lachten“. Vor allem Curt Sachs, Leiter der Musikinstrumenten-Sammlung, sei „so nett“ zu ihr gewesen.
Ob diese Anekdote wort-wörtlich zu nehmen ist, mag man bezweifeln. Erinnerungen sind oft trügerisch und Erzählungen formen sich je nach Bedarf – auch nach demjenigen der Zuhörer. Wenn man unterstellt, dass die Story einen wahren Kern enthält, so ist es das Fehlen von Prüfungsangst bei der Kandidatin. Die Aufnahmeprüfungen galten als streng und wurden von vielen gefürchtet, auf Grete Sultan scheint aber kein großer Druck gelastet zu haben.
Außerdem zeigt sich hier eine gewisse Neigung, Konventionen zu missachten. Sie ist bei Sultan auch sonst zu beobachten. So fehlte ihr jegliches Interesse am Trend zur Unterhaltungsmusik, der im Berlin der 1920er Jahre ansonsten etwas Zwingendes an sich hatte. Sultan aber sagte: „Populäre Musik hat mich nie interessiert. Ich habe sie auch nicht gern gehört. Es geht mir auf die Nerven.“
Selbstbewusstsein und eine souveräne Haltung brachte die junge Pianistin auch deshalb mit, weil sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus bereits früh viel sehen und lernen konnte. Bereits als Jugendliche traf sie mit hervorragenden Musikern zusammen. Sie wuchs in einer stattlichen Villa am Hubertussee in Berlin-Grunewald auf; ihr Vater, Inhaber einer Spirituosenfabrik, hat sich von niemand Geringerem als Max Liebermann porträtieren lassen. Im Elternhaus gingen Künstler ein und aus, und Einladungen führten Grete Sultan in interessante Musiksalons.
Der amerikanische Pianist Richard Buhlig wurde Gretes Mentor, mit ihm erarbeitete sie schon 1916 Schönbergs Klavierstücke op. 11. Sie hörte 1921, ein Jahrfünft später, Busonis umjubelte Mozart-Konzerte, die er in Berlin nach seiner Rückkehr aus der Schweiz gab, und lernte den bedeutenden Pianisten und Komponisten persönlich kennen, als sie ihm vorspielen durfte. Zu den Talenten, die sich damals in Berlin aufhielten, gehörte auch der Chilene Claudio Arrau, mit dem Sultan eine lebenslange Freundschaft schloss.
Der Besuch der Hochschule war unter diesen Voraussetzungen nicht die einzige Chance, die sich ihr bot. Dennoch ist die Zeit, die sie dort verbrachte, für ihre Entwicklung wichtig gewesen. Ihr Lehrer, Leonid Kreutzer, war kurz vor ihrem Studienbeginn eingestellt worden. Zu seinen Schülern gehören unter anderen Franz Osborn, Hans-Erich Riebensahm, Karl-Ulrich Schnabel und Władysław Szpilman, der „Pianist“ in Roman Polanskis gleichnamigen Film. Kreutzer war dafür bekannt, dass er gerade aus dem Osten Europas begabte Studierende anzog.
Sultan lobt im Rückblick Kreutzers aufmunternde Art und den Lehrstoff in seinem Unterricht, der nicht auf Czerny-Etüden beschränkt war. „Er sagte immer: ‚Gretchen, nächste Woche spiel‘ mir das vor!‘ […] Und ich war sehr begeistert“. In den Jahresberichten der Hochschule ist festgehalten, dass sie in den Vortragsabenden der Klasse Kreutzer mehrfach vertreten war: Am 10. Juli 1924 trug sie das Italienische Konzert von Johann Sebastian Bach vor. Am 26. November wurden Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven gegeben; Sultan spielte die Sonate d-Moll, op. 31, Nr. 2. Im März 1925 wurde ihr das Zeugnis der Reife ausgestellt, Kreutzer attestierte ihr „bemerkenswerte Reife, Musikalität und Logik“.
Kreutzer stand zeitgenössischen Kompositionen aufgeschlossen gegenüber. Aber auch außerhalb ihres Klavierunterrichts begegnete Sultan weiterhin interessanten Menschen aus dem Umkreis der Neuen Musik. Im Herbst 1922 lernte sie Ernst Krenek kennen, der mit seinem Lehrer Franz Schreker nach Berlin gekommen war; sie studierte seine Werke. Und 1923 traf Buhlig in Begleitung eines Schülers, des kalifornischen Komponisten Henry Cowell, ein. Als Arnold Schönberg 1926 eine Meisterschule für Komposition an der Akademie der Künste übernahm, konnte Sultan auch ihm vorspielen. In Else C. Kraus, Dozentin an der Akademie für Kirchen- und Schulmusik, gab es aber bereits eine Pianistin, die als Schönberg-Interpretin ausgewiesen war und auf die der Komponist baute. Die Verbindung mit ihm vertiefte sich nicht. Dennoch war Sultan nach dem Urteil Alfred Brendels „vielleicht die erste Pianistin in Mitteleuropa, die sich mit solcher Entschiedenheit der Neuen Musik zuwandte.“
Die Faszination des Neuen hielt sich die Waage mit der Liebe zur Tradition. Bachs Goldberg-Variationen lernte Grete Sultan 1915 in einem Berliner Konzert der Hamburger Komponistin und Pianistin Ilse Fromm-Michaels kennen, dieses Werk sollte sie ein Leben lang begleiten. Wanda Landowska hörte sie mit Auszügen daraus während eines Hausabends bei Marie von Bülow – es waren die Jahre, in denen Landowska an der Hochschule für Musik als Lehrerin für Cembalo tätig war. Nach Abschluss des Studiums fand Grete Sultan dann in Edwin Fischer, einem großen Interpreten Bachs, einen weiteren Lehrer, der sie prägte. Fischer lebte in Berlin, 1931 übernahm er an der Hochschule eine Professur.
Zu einem Zeitpunkt, da Grete Sultan bereits als Konzertpianistin wirkte, absolvierte sie noch die Prüfung zum Privatmusiklehrer, die 1925 neu eingeführt worden war, um sich beruflich abzusichern. An der Gartentür des elterlichen Hauses, das sich inzwischen am Schlachtensee befand, brachte sie – wie viele Klavierpädagoginnen und -pädagogen jahrzehntelang – ein Schild an, das auf ihre Tätigkeit als staatlich geprüfte Lehrerin hinwies.
Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht an sich reißen konnten, war Sultan nicht im Mindesten darauf vorbereitet, dass die politischen Veränderungen für sie auch persönlich Folgen haben würden. Sie blieb in Berlin, so lange es ging, und engagierte sich im Jüdischen Kulturbund. In dessen organisatorischen Rahmen mussten Personen, die nach den Kriterien der NS-Rassengesetze als „Juden“ definiert waren, unter sich bleiben; die Nationalsozialisten erzwangen eine Art von Ghettoisierung. Noch bis 1941, also bis weit in den Weltkrieg hinein, war der Kulturbund aktiv. Hier begegnete Sultan auch ihrem Lehrer Kreutzer wieder, der dann nach Japan emigrierte. Sie unternahm deutschlandweite Konzertreisen, Edwin Fischer ermöglichte zudem Engagements in der Schweiz. Im letzten Moment konnte sie glücklich in die USA entkommen; im Juni 1941 ging sie in Staten Island, New York, an Land. Eine ihrer Schwestern wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Zu ihrem späteren Berufsweg müssen wenige Worte genügen: Es gelang ihr, eine Brücke von der Neuen Musik, die sie im Berlin der 1920er Jahre kennengelernt hatte, zur US-amerikanischen Avantgarde zu bauen. Sultan lebte sich in New York ein; sie nahm ihre Mutter zu sich auf, die es schaffte, ihr in die USA zu folgen. Den Lebensunterhalt verdiente sie als Musiklehrerin, konzertierte aber auch. So trat sie 1958 in der Carnegie Hall auf, wo sie die Goldberg-Variationen vortrug. Kurz darauf erhielt sie eine Einladung, das Werk in der Zürcher Tonhalle zu spielen, und im April 1960 fand sie mit ihm den Weg in den neuen Konzertsaal der Berliner Hochschule für Musik in der Hardenbergstraße. Nach Deutschland wollte sie aber nicht dauerhaft zurückkehren.
Sultan war mit John Cage befreundet, sie spielten gern zusammen Schach. Eine Reihe seiner Werke hatte sie bereits interpretiert, als sich der Komponist entschloss, den umfangreichen Zyklus Etudes Australes speziell für sie zu schreiben; er entstand 1974/75. Begleitet von Cage, war sie weltweit unterwegs, um das Werk aufzuführen. Diese Reisen stellen den Höhepunkt ihrer bemerkenswerten Alterskarriere dar. Grete Sultan starb am 26. Juni 2005 in New York.
Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)