Grete von Zieritz
Genau vor einem Vierteljahrhundert, am 26. November 2001, starb Grete von Zieritz im Alter von 102 Jahren. Die österreichische Komponistin war und ist gerade in Berlin geschätzt, wo sie seit 1917 lebte. Sie studierte in den 1920er Jahren bei Franz Schreker an der Hochschule für Musik, der heutigen Musik-Fakultät der UdK. In der hochschulgeschichtlichen Kolumne dieses Newsletters wird aus Anlass des Jahrestags an sie erinnert.
Grete von Zieritz‘ langes Leben umspannt das gesamte 20. Jahrhundert. Sie wurde am 18. März 1899 in Wien geboren und starb 2001 in Berlin. Die Tochter eines 1918 in den Adelsstand gehobenen Offiziers der k. u. k. Armee hieß mit vollem Namen Margarethe Edle von Zieritz; ein in Österreich verliehener Professorentitel kam 1958 hinzu.
Als der Vater nach Graz versetzt wurde, erhielt das musikalisch begabte Mädchen nach ersten musikalischen Eindrücken in Lemberg (Lviv) – begleitend zum Schulbesuch – eine Ausbildung am Konservatorium des steiermärkischen Musikvereins; es war ihre „glücklichste Zeit“. 1917 bestand sie die Reifeprüfung mit Auszeichnung. Zusammen mit ihrem Kompositionslehrer Roderich Mojsisovics von Mojsvár fuhr sie mitten im Weltkrieg nach Berlin; geplant war ein Aufenthalt von drei Monaten, doch sollte sie zeitlebens hier bleiben.
Zunächst vervollkommnete sie ihre Klavier-Ausbildung bei Martin Krause am Stern’schen Konservatorium der Musik, einem Liszt-Schüler und hoch angesehenen Pädagogen. Nach dessen Tod 1918 wurde Rudolf Maria Breithaupt ihr Lehrer und Mentor. Für kurze Zeit war sie als Lehrerin am Stern’schen Konservatorium tätig; sie wagte es, diese Stelle um ihrer kompositorischen Ambitionen willen aufzugeben. Nach dem Erfolg der Japanischen Lieder, die 1921 in der Sing-Akademie mit dem Philharmonischen Chor uraufgeführt wurden, wollte sie Komponistin werden. Dieses Ziel verfolgte sie hartnäckig unter oft widrigen Umständen: Sie sollte ihr gesamtes Leben lang niemals mehr eine feste Anstellung erlangen. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie überwiegend durch privat erteilten Klavierunterricht.
Infolge ihres gelungenen Debuts lernte sie – ebenfalls 1921 – Franz Schreker, den Direktor der Hochschule für Musik, kennen. Die Begegnung fand im Hause des Klavierfabrikanten Grotrian- Steinweg in Braunschweig statt; Zieritz wurde von Elsbeth Grotrian-Steinweg protegiert und konnte dort zu Gast sein. Auf Schrekers Einladung hin trat sie in seine Klasse ein. Komponierende Frauen gab es damals noch kaum, in der Schreker-Klasse war sie aber nicht die einzige: die Ungarin Zdenka von Ticharich, die auch als Pianistin hervortrat, sowie die später in die USA und nach England emigrierte Charlotte Schlesinger, eine Musikpädagogin, studierten ebenfalls bei Schreker.
Zieritz‘ Studium wurde durch ihre Heirat und die Geburt einer Tochter, der späteren Violinistin Hedi Gigler-Dongas, unterbrochen. Bald trennten sich Zieritz‘ Wege jedoch von denen ihres Gatten, eines Schriftstellers; es kam zur Scheidung, und die Tochter gelangte in die Obhut der Schwiegereltern in Österreich. Inzwischen 27-jährig, kehrte Zieritz 1926 in Schrekers Kompositionsklasse zurück, um dort nun noch fünf Jahre lang eingeschrieben zu sein.
1928 wurde ihr der begehrte Mendelssohn-Preis zugesprochen. An der Hochschule fanden mehrere Uraufführungen ihrer Werke statt. Am Anfang stand ein Vortragsabend der Schreker- Klasse; Franz Osborn, der spätere Duopartner Max Rostals, interpretierte zwei ihrer Kompositionen für Klavier; Präludium und Fuge c-Moll und eine Suite in vier Sätzen. Daneben standen Werke von Berthold Goldschmidt, Alfred Freudenheim, Charlotte Schlesinger und Ignace Strasfogel auf dem Programm.
Zieritz strebte nun den Sprung in die Konzertsäle Berlins an. Ihre Vier geistlichen Gesänge für Bariton, Flöte und Klavier wurden 1928 im Berliner Meistersaal in einem Konzert der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) aufgeführt; an Schünemann, den stellvertretenden Direktor der Hochschule für Musik, schrieb sie, in mädchenhaftem Tonfall: „Bitte kommen Sie Mittwoch! Ihre dankbare Grete Zieritz“.
Das größte, dramatisch ausgreifende Werk, das mit Unterstützung ihrer Lehrer zur Aufführung gelangte, war 1932 die Passion im Urwald. Sechs Gesänge auf eigene Texte für Sopran und Orchester. Als die Komposition 1930 fertiggestellt war, zog Schreker offenbar in Erwägung, es an der Hochschule uraufzuführen. Im Jahr darauf berief sich Zieritz Schünemann gegenüber brieflich darauf; sie habe das Werk sogar Erich Kleiber, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, vorstellen dürfen. Nachdem die Proben bereits begonnen hatten, wurde es aber abgesetzt; eine Aufführung von Schönbergs Gurreliedern unter Schrekers Dirigat, 25 Jahre nach der Wiener Uraufführung, hatte Vorrang.
Das Konzert fand dann zwar im Saal der Hochschule statt, aber nicht als Hochschulveranstaltung; das Debüt von Zieritz‘ Werk gehörte nun zu einem „Gemeinnützigen Uraufführungskonzert für zeitgenössische Tonsetzer“. Zieritz war besorgt, dass Schreker verärgert sein könnte, da er nicht von Anfang an über dieses Arrangement informiert war. Sie gab an, dass er bei der Aufführung dann aber mit Kleiber zufrieden in der Direktionsloge saß.
Bei ihrer Etablierung konnte sich Zieritz, wie die Musikhistorikerin Anna-Christine Rhode-Jüchtern herausgearbeitet hat, auf ein – teils konservativ-national eingestelltes – Netzwerk von Frauenverbänden stützen; einflussreiche Personen in diesen Kreisen waren der adligen Offizierstochter aus Österreich gewogen. Es waren Organisationen wie der Deutsche Lyceum Club, die Verbündeten Vereine für Mittelstandsfürsorge und der Kreis Schaffender Frauen, die Aufführungsmöglichkeiten boten. Solange die Weimarer Republik existierte, befand sich Zieritz freilich in einem Zwiespalt: Einerseits war sie Schülerin eines modernen, als „jüdisch“ verschrienen Komponisten und sie trug zeitweilig einen Bubikopf. Andererseits gehörte sie, schon bedingt durch ihre familiäre Herkunft, zu eher traditionalistischen Milieus.
Im „Dritten Reich“ gelangen ihr einige beachtliche Erfolge, nicht zuletzt im Rundfunk. „Kein Zweifel“, schrieb etwa die Kreuzzeitung, ein Organ des preußischen Konservatismus, „Grete von Zieritz hat in unserer deutschen Gegenwart ein Wörtchen mitzureden.“ Ihre Vogellieder für Koloratursopran, Soloflöte und Orchester sang Erna Sack 1936 in der Uraufführung in Dresden unter der Leitung von Karl Böhm. Auch weil sie – dank ihrer Rolle als Frau – musikalisch für’s Unterhaltsame, Gemeinschaftsfördernde und Volkstümliche, aber nicht fürs Heroische zuständig war, schadete ihr das nach 1945 nicht; es schien harmlos gewesen zu sein.
Dennoch hatte es Zieritz in der Nachkriegszeit nicht leicht. Sie befand sich nun im Westteil der Stadt: Ihre Wohnung lag in der Marburger Straße, einer Seitenstraße der Tauentzienstraße, nicht weit entfernt von der Hochschule in der Fasanenstraße, die sie geprägt hatte. Eine Stelle dort blieb ihr versagt: Paul Höffer, wie sie ein Schreker-Schüler, wollte sie während seines kurzen Direktorats 1948/49 als Lehrerin für Klavier einstellen, verstarb dann aber plötzlich; der Nachfolger Werner Egk ließ sie leer ausgehen.
Ihre „Kunst des unbedingten Ausdrucks“ wies expressionistische Züge auf, wie Beate Philipp in ihrer an der Hochschule der Künste angenommenen Dissertation aufgezeigt hat; oft wurden kompositorische Arbeiten – wie Zieritz berichtete – durch „Bilder, Visionen“ ausgelöst. Ihren Lehrer Schreker verleugnete sie nicht. Ganz im Gegenteil: Sie gehörte zu denen, die sich um sein Erbe bemühten. Mit der um 1980 allmählich einsetzenden Schreker-Renaissance ergaben sich auch für sie neue Chancen.
So wurde 1984 bei den Berliner Festwochen ihr Zigeunerkonzert für Violine und Orchester mit Marianne Boettcher als Solistin uraufgeführt. Zieritz bekannte sich, an Trends der 1920er Jahre anknüpfend, zeitlebens zur Idee der „Musikpolitik“, die sie eigenwillig auslegte; zu den Projekten, an denen sie mitwirkte, gehört zum Beispiel die Ausstellung Der Krieg trifft jeden ins Herz, die 1984/85 in Minsk und Berlin gezeigt wurde und an der die Hochschule der Künste als Veranstalter beteiligt war. In der Neue Musik-Szene Berlins war sie nun ein feste Größe.
Die Forschung kann sich freuen, dass Zieritz für die Bewahrung von Dokumenten selbst sorgte: 1934 lernte sie die Archivarin Toska Lettow kennen, die für sie ein Personenarchiv aufbaute. Es gelangte bereits als sogenannter Vorlass, also zu Lebzeiten, in die Österreichische Nationalbibliothek.
Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)
Hinweis:
Am 26. Mai 2026 führte das Steiermärkische Landesarchiv in Graz eine Tagung Das Archiv als Zeitenspiegel anlässlich der Übernahme des Nachlasses der Geigerin Hedi Gigler-Dongas, durch. Wie erwähnt, ist sie die Tochter der Grete von Zieritz. Auch Zieritz‘ Leben und Werk standen immer wieder zur Diskussion. Die Vorträge werden 2027 im Jahrbuch des Landesarchivs veröffentlicht.