Paul Hindemith

Quelle: Hindemith Institut Frankfurt

Wie eine Anstiftung zu Gegentönen lesen sich provokante Spielanleitungen, die der junge Paul Hindemith 1922 notierte: „Wild. Tonschönheit ist Nebensache“ (op. 25 Nr. 1) oder „Nimm keine Rücksicht auf das, was Du in der Klavierstunde gelernt hast“ (op. 26). Kein Wunder, dass er sich den Ruf eines Bürgerschrecks erwarb. Doch 1927 übernahm er eine Position als Lehrer an der Hochschule für Musik in Berlin, durch die er zum Repräsentanten einer neuen, aber nun etablierten Generation wurde. Die hochschulgeschichtliche Kolumne widmet sich, passend zum diesjährigen Crescendo-Motto „GegenTöne“, diesem Komponisten.

 

Paul Hindemith (1895–1963) fasste vor und nach dem Krieg 1914/1918 als Bratschist und mit ersten Kompositionen Fuß im bürgerlich geprägten Musikleben seiner Heimatstadt Frankfurt am Main. Ein Detail weist voraus auf die Jahre, die uns hier interessieren: Hindemiths Lehrer für Komposition am Hoch’schen Konservatorium war Arnold Mendelssohn, der am Berliner Institut für Kirchenmusik und an der Hochschule für Musik studiert hatte.

Der erste Anstoß, Hindemith nach Berlin zu ziehen, ging um die Mitte der 1920er Jahre wohl von Georg Schünemann aus, dem stellvertretenden Hochschuldirektor. Er arbeitete eng mit Kestenberg, dem Musikreferenten im preußischen Kultusministerium, zusammen; dieser schrieb allerdings 1926 in einem Brief nach einer Begegnung mit Hindemith bei den Donaueschinger Kammermusiktagen, dass mit ihm wohl nicht gerechnet werden könne. Er sei „voll Verachtung für den Hochschulbetrieb und nur für Stadtpfeifen und dergleichen zu haben“.

Doch nur wenig später ließ sich Hindemith an die Berliner Hochschule verpflichten. Er nahm seine Lehrtätigkeit zum Sommersemester 1927 auf; sein Kommen hatte er mit einem musikalischen Debut bereits im Februar angekündigt. Er präsentierte sich mit einem Trio im Hochschulsaal; es gab „Kammermusik mit alten Instrumenten“, von Händel bis Stamitz. Hindemith spielte die Viola d’amore, gemeinsam mit Alice Ehlers am Cembalo, einer ungarischen Schülerin von Wanda Landowska in deren Zeit an der Hochschule, und mit seinem Bruder Rudolf Hindemith (Viola da gamba).

Indem er die Berliner Stelle annahm, entschied sich Hindemith für die Reichshauptstadt, die damals einen gewissen Vorrang vor allen anderen deutschen Musikstädten erreicht hatte. Parallel zu diesem Ortswechsel verfasste Heinrich Strobel in der „Melosbücherei“ einen eigenen Band über den erst 32-jährigen Musiker und konstatierte: „Man überträgt höchste staatliche Stellen einem Komponisten, der vor fünf Jahren noch als das ‚enfant terrible‘ der deutschen Moderne bezeichnet werden konnte.“ Darüber hinaus erweiterte Hindemith sein Tätigkeitsgebiet. Bisher hatte er viel komponiert und ausgiebig konzertiert, aber nicht gelehrt. Von der Pädagogik aus eroberte er sich bald auch das Gebiet der Musiktheorie; ein Vermächtnis der Berliner Jahre ist seine dreiteilige Schrift Unterweisung im Tonsatz, deren erster Band 1937, im Jahr der Kündigung an der Hochschule, erschien.

In Berlin und an der Hochschule stürzte sich Hindemith sofort in eine Vielzahl von Aktivitäten. Die im Frühjahr 1928 eröffnete Rundfunkversuchsstelle war längst geplant, als er eintraf; doch beteiligte er sich beratend an der Entwicklung des Trautoniums, eines elektrischen Musikinstruments, das dort erfunden wurde. Einer seiner Schüler, Oskar Sala, schickte er auf den Dachboden des Unterrichtsgebäudes in der Fasanenstraße – zu den Tüftlern, die dort mit elektrisch erzeugten Klängen experimentierten. Sala war einer der ersten, die das Instrument spielten; er blieb ihm sein Leben lang treu und entwickelte es weiter. Hindemith schrieb die Kompositionen, die bei verschiedenen Präsentationen erklangen. Am Anfang stand das Trio Des kleinen Elektromusikers Lieblinge, das während der Arbeitstagung Neue Musik Berlin1930 zu hören war.

Diese Veranstaltung der Rundfunkversuchsstelle setzte die Donaueschinger und Baden-Badener Musiktage fort, die für die Entfaltung der Neuen Musik in den 1920er Jahren bekanntlich bedeutsam waren; Hindemith saß im Programmausschuss. Nun steuerte er Grammophon-eigene Musik (musique concrète) bei, und das Singspiel für Kinder Wir bauen eine Stadt wurde uraufgeführt. In den Lehrgängen für Rundfunkrede und Rundfunkmusik, die der Versuchsstelle angeschlossen waren, erteilte Hindemith den Tonfilmkurs.

Wichtige personelle Konstellationen hängen ebenfalls mit der Hochschule zusammen. Hindemith bildete in den Berliner Jahren zusammen mit Emanuel Feuermann (Cello) und Josef Wolfsthal (Violine) ein Trio; sie beide waren Kollegen an der Hochschule. Hindemith begegnete zudem Fritz Jöde, einem führenden Protagonisten der Jugendmusikbewegung, der an der benachbarten Akademie für Kirchen- und Schulmusik tätig war. Selbst das Zerwürfnis mit Bert Brecht lässt sich auf die Hochschule beziehen, denn ihre Erneuerung während der Weimarer Republik war ein ‚reformistisches‘ Projekt, während sich Brecht dem Kommunismus zuwandte.

Alois Hába – Komponist aus der damaligen Tschechoslowakei, der wenige Jahre zuvor selbst an der Hochschule studiert hatte – beschrieb Hindemith als einen noch ganz jugendlich wirkenden Lehrer. Professoraler Habitus sei ihm fremd gewesen: „alle Anhänger der ‚distanzierten Autorität‘ könnte er zum Staunen bringen“. Mit dem Zeitgeist der Neuen Sachlichkeit freundete sich Hindemith an. Seine Ausstrahlung als Lehrer war nicht gering: Einzelne aus Schrekers Umkreis, etwa Charlotte Schlesinger und Kurt Fiebig, fühlten sich zu Hindemith hingezogen. Als er 1934, schon im „Dritten Reich“, vom nationalsozialistischen Propagandaminister Joseph Goebbels angegangen wurde, solidarisierten sich zahlreiche Studierende sofort mit ihm, allen voran der – später nach Brasilien emigrierte – Hans-Joachim Koellreutter.

Wenn Hindemiths Klasse keine ganz so großen Namen hervorbrachte, wie sie bei Schreker, Schönberg und Busoni zu finden sind, ist das wohl den Zeitumständen geschuldet. Wer um 1930 studierte, sollte es im Leben und in seiner Karriere schwer haben. Hindemiths in London geborener Schüler Walter Leigh starb im Zweiten Weltkrieg als Soldat auf Seite der Alliierten, Hans Ulf Scharlau kämpfte auf deutscher Seite und wird vermisst. Zu erwähnen sind weiter Franz Reizenstein, der nach England emigrierte, Remi Gassmann und Bernhard Heiden, die in die USA gingen, sowie Harald Genzmer, der nach 1945 in Freiburg und München Komposition lehrte.

In Hindemiths Berliner Jahre fallen tiefgreifende kulturelle Umbrüche, die er mitvollzog. Dazu gehört schon um 1930 das Aufkommen einer eher restaurativen Stimmung, die den Modernismus der Zwanziger Jahre ablöste. Hindemith ging mit dem Oratorium Das Unaufhörliche (1931), das er in Zusammenarbeit mit Gottfried Benn schuf, auf die veränderte Atmosphäre ein. Die nur zwei Jahre zuvor uraufgeführte „lustige Oper“ Neues vom Tage mit ihrem Libretto von Marcellus Schiffer, einem Autor literarischer Revuen, ist ganz anders: hier coole Persiflage, dort eine gewisse Schwere mit verhaltenem Pathos.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Trotz der rigiden Säuberung der Hochschule für Musik behielt Hindemith seine Position, und er stellte sich auf die neue Lage ein. Der geschasste Direktor Schünemann war nun Leiter der Instrumenten-Sammlung; mit ihm zusammen organisierte er „Musikstunden“ mit Alter Musik auf historischen Instrumenten. Mit dem Musiktheoretiker Herman Roth, einem Schüler Heinrich Schenkers, tauschte er sich aus. Dennoch wurde die Lage auch für Hindemith prekär: In der Personalakte, die im Archiv der Universität der Künste bewahrt wird, findet sich ein Hinweis auf eine – nicht erhaltene – „Geheimakte“ zu seiner Frau Gertrud, geborene Rottenberg, der Tochter des jüdischen Kapellmeisters an der Frankfurter Oper.

Hindemith war zunächst bereit, in Deutschland zu bleiben. Er wollte sich aber mit seiner Ächtung im öffentlichen Konzertleben durch das NS-Regime nicht abfinden. Die Uraufführung der Mathis-Symphonie mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler wurde 1934 zu einer Demonstration zu seinen Gunsten. Daraufhin setzte sich Furtwängler in einem Zeitungs-Beitrag für die Rehabilitierung Hindemiths ein. Goebbels reagierte jedoch schroff ablehnend. In einer Rede im Berliner Sportpalast antwortete er auf Furtwänglers Intervention und bezeichnete Hindemith als „atonalen Geräuschemacher“, auf den Deutschland verzichten könne.

Daraufhin suchte Hindemith an der Hochschule um Beurlaubung nach. Er begab sich zeitweilig in die Türkei, wo er beim Aufbau des Musikwesens beratend tätig war. Der nationalsozialistische Direktor, Fritz Stein, versuchte zu vermitteln. Hindemith kam noch einmal an die Hochschule zurück, reichte aber 1937 seine Kündigung ein. 1938 begab er sich – auf dem Sprung in die USA – in die Schweiz. Aus Sierre im Wallis, Rilkes einstigem Refugium, schrieb Hindemith im Dezember 1930 an Wolfgang Boettcher, den Leiter der Volksmusikschule im Arbeiterbezirk Neukölln, an der er ehrenamtlich gelehrt hatte: „Berlin ist weiter weg als der Nordpol und die dort verlebte Zeit ist entschwunden, ohne dass ich ihr jemals mit ein bisschen Sehnsucht nachgedacht hätte.“

Der „Fall Hindemith“ im Jahr 1934 hatte in Berlin viel Aufsehen erregt, und er blieb in Erinnerung. Bei der Wiedereröffnung der Hochschule nach Kriegsende, im Herbst 1945, bat der Berliner Oberbürgermeister Hindemith öffentlich, die Leitung zu übernehmen. Eine förmliche Anfrage bei ihm – er lehrte damals in Yale – unterblieb anscheinend, doch wandte sich der Senat der Hochschule zweimal, 1946 und 1948, sondierend an den Komponisten. Hindemith wollte aber nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren; er siedelte 1953 in die Schweiz über.

Im neuen Konzertsaal an der Hardenbergstraße trat Hindemith aber mehrfach als Dirigent auf. Der von Paul Baumgarten entworfene Saal hatte im Berliner Volksmund den Spitznamen „Bahnhof Hindemith“ – in der Nachkriegszeit galt Hindemith gerade in Berlin in breiten Kreisen als der Exponent der musikalischen Moderne. Heute trägt der Verein zur Förderung von Musik und Schauspiel an der Universität der Künste den Namen Paul Hindemith Gesellschaft in Berlin.

Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)