Sergiu Celibidache
Vor 30 Jahren, am 14. August 1996, starb Sergiu Celibidache. Aus Rumänien nach Berlin gekommen, studierte er mitten im Weltkrieg Chorleitung und Komposition an der Hochschule für Musik, der heutigen Musik-Fakultät der UdK. Nach Kriegsende wurde er Furtwänglers „Statthalter“ als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Wenig bekannt ist, dass Celibidache zuvor bei ihm an der Hochschule in die Lehre ging.
Über das Leben von Sergiu Celibidache war manche Halbwahrheit im Umlauf. Was er im Lebenslauf bei seiner Bewerbung an der Hochschule für Musik angab, dürfte jedoch zutreffen: In Roman, einer in der rumänischen Moldau-Region gelegenen Stadt, wurde er – am 28. Juni 1912 nach julianischem Kalender – als Sohn eines Offiziers geboren. Später studierte er in Bukarest eine Zeitlang Mathematik, musste diese Ausbildung aber aus finanziellen Gründen abbrechen. Nach Jassy (Iaşi) zurückgekehrt, wo er aufgewachsen war, lernte er Klavierspiel und Musiktheorie „mit Selbstunterricht“. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Klavierbegleiter in einer Tanzschule und gründete mit den gewonnenen Erfahrungen dann selbst eine solche Schule.
Anfang 1939 taucht Celibidache in Berlin auf. An der Hochschule für Musik stellte er den Antrag, bei Kurt Thomas, einem damals angesehenen Komponisten und Chorleiter, hospitieren zu dürfen. So wollte sich Celibidache auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten. Als Wohnadresse gab er Halensee, Eisenzahnstraße 26 a an. Das Gesuch wurde abgelehnt, doch bestand er die Prüfung trotzdem und nahm zum Sommersemester im Fach Tonsatz und Komposition das Studium auf; wunschgemäß war Heinz Tiessen sein Lehrer. Die Unterrichtsgebühren bezahlte der Vater, wie in der Studentenakte eigens vermerkt ist.
Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der grauenvolle Krieg, den wir heute als Zweiten Weltkrieg bezeichnen. Celibidaches Vaterland näherte sich zu dieser Zeit den Achsenmächten an, also dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und dem faschistischen Italien. Die Berliner Hochschule, an der er sich einschrieb, hatte sich nach dem personellen Exodus von 1933, äußerlich betrachtet, konsolidiert; die wirtschaftlich günstigen Verhältnisse in den ersten Jahren des NS-Regimes trugen dazu bei. Selbstbewusst nahm sie nun die Position der hauptstädtischen Musikhochschule im „Großdeutschen Reich“ ein. Ihr Direktor Fritz Stein, ein Musikwissenschaftler, wurde 1940 in die NSDAP aufgenommen.
Celibidache besaß bei seinem Eintreffen in Berlin schon Kontakte. So verkehrte er in dem großbürgerlichen Haus des Nationalökonomen und Soziologen Werner Sombart im Grunewald, dessen Ehefrau eine Rumänin war. Der Sohn Nicolaus, dessen „spiritueller Mentor“ Celibidache für einige Zeit war, hat die ungewöhnliche Erscheinung des angehenden Musikers in seinen Erinnerungen Jugend in Berlin beschrieben. „Cili“ (oder „Celi“), wie man ihn nannte, hatte weitgespannte Interessen: Er war an vielerlei weltanschaulichen Fragen interessiert und kam in Berlin mit dem Zen-Buddhismus in Berührung. An seiner ausgefallenen Kleidung ablesbar, neigte er zur Selbstinszenierung.
Heinz Tiessen lernte den ambitionierten jungen Mann schnell schätzen, und umgekehrt hielt Celibidache große Stücke auf seinen Lehrer. Vor 1933 hatte dieser der Arbeiterbildungsbewegung nahegestanden. Im Berliner Umfeld von Richard Strauss begann sein Berufsweg. Zeitweilig wirkte er als Dirigent an der Volksbühne. Auch zählte er zum Kreis der Musiker und Schriftsteller um die Zeitschrift Melos und engagierte sich in der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. 1926 war er an der Hochschule für Musik als Lehrer für Komposition und Musiktheorie eingestellt worden.
In der NS-Zeit schaffte er die Wende zu einer – offenbar weithin unbehelligten – Existenz. Die Position an der Hochschule konnte er behalten; sein Schüler Eduard Erdmann trat der Partei bei, was Tiessen anscheinend vermied. In der Nachkriegszeit wechselte er mit Leo Kestenberg, dem ehemaligen Musikreferenten im preußischen Kultusministerium, der emigrieren musste, lange Briefe. In jüngerem Lebensalter waren sie Weggefährten gewesen; der überschwänglich freundschaftliche Ton – übrigens auf beiden Seiten – mutet aus heutiger Sicht ein wenig gekünstelt an.
Doch zurück zu Celibidache. Im Laufe des Studiums zeigte sich, dass er auf dem Gebiet des Dirigierens besonders begabt war. Vor Beginn des Wintersemesters 1940/41 legte er eine zweite Aufnahmeprüfung ab, nun in diesem Fach. Wieder bestand er die Prüfung und kam in die Klasse von Theodor Jakobi, der seit 1932 an der Hochschule lehrte; von 1940 an führte er den A-cappella-Chor. Als ein inzwischen fortgeschrittener Student übernahm Celibidache mit der Zeit immer größere praktische Aufgaben: Gelegentlich vertrat er seinen Lehrer Tiessen als Leiter eines gemischten Chors, veranstaltete Kammerkonzerte mit einem Ensemble von Studierenden und versah schließlich die Dirigate von Orchesterkonzerten im „neutralen Ausland“, die mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes zustande kamen.
Celibidaches Charme und Charisma beeindruckte seine Lehrer erstaunlich stark. Sei es, dass sie dabei helfen wollten, seine Einziehung zum Wehrdienst in Rumänien zu verhindern, sei es, dass der Irrationalismus eines überzogenen Genie-Gedankens durchschlug – die preußische Strenge, die Beurteilungen an der Hochschule jahrzehntelang charakterisiert hatte, ging gänzlich verloren; es kam ein beinahe lobhudlerischer Ton auf.
Tiessen schrieb, dass Celibidache „auf dem sicheren Wege“ sei, „eine führende musikalische Persönlichkeit allerersten Ranges zu werden“. Zu diesem „seltenen Urteil“ gelange er unter Anlegung strengster Maßstäbe. Auch andere Lehrkräfte schwelgten in Superlativen. Walther Gmeindl, Leiter einer Kapellmeisterklasse, formulierte: Celibidache sei „eine höchst hoffnungsvolle Musikererscheinung und – ich stehe nicht an das zu sagen – ein Mann, der ganz sicher einmal das Musikleben seiner rumänischen Heimat beeinflussen wird.“
Nach einem – für damalige Verhältnisse – langen Studium von fünf Jahren legte Celibidache 1944 die Reifeprüfung ab. Das geschah zu einem Zeitpunkt, da Rumänien in dem in ganz Europa tobenden Krieg die Seiten gewechselt hatte; er war nun Bürger eines feindlichen Landes. In dieser Lage setzte sich auch der Direktor der Hochschule für Musik, Fritz Stein, für ihn ein. Durch die Note „Mit Auszeichnung“ in sämtlichen Einzelfächern habe Celibidache „ein Prüfungsergebnis“ erzielt, „das seit vielen Jahren nicht vorgekommen ist“, schrieb Stein an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität. Er bat darum, dass Celibidache trotz seines Status als „Ausländer“ dort zum Doktorexamen zugelassen werde.
Zu den Bemühungen der Hochschule für Musik, trotz nationalsozialistischer Einflussnahme Standards zu wahren, gehörte das Werben um Wilhelm Furtwängler. Stein konnte den berühmten Dirigenten 1941 dazu bewegen, einen Lehrauftrag zu übernehmen. Dieser bestand verabredungsgemäß darin, dass eine Handvoll Studierender Proben der Berliner Philharmoniker besuchen durften. An die Visitationen schloss sich ein Gespräch an, in dem der berühmte Dirigent Rede und Antwort stand. Einer der Teilnehmer war Sergiu Celibidache.
Die Begegnung mit Furtwängler an der Hochschule gehört zur Vorgeschichte des „großen philharmonischen Konflikts“ (Klaus Lang), in dem beide Dirigenten in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu Rivalen wurden. Das Berliner Philharmonische Orchester befand sich Ende 1945 in einer schwierigen Situation. Der angestammte Konzertsaal in der Bernburger Straße war zerstört. Leo Borchard, der das Orchester in den ersten Wochen nach Kriegsende leitete, wurde im August 1945 von einem amerikanischen Soldaten irrtümlich erschossen. Und Wilhelm Furtwängler, der langjährige Chefdirigent, durfte bis zum Abschluss seines Entnazifizierungsverfahrens nicht auftreten. Der 33-jährige Celibidache, der kurz zuvor noch studiert hatte, sprang ein. Bekanntlich konnte sich der junge Dirigent auf die Dauer jedoch nicht in Berlin etablieren.
Seinem Lehrer Tiessen blieb er übrigens treu. Im Dezember 1946 nahm er dessen Vorspiel zu einem Revolutionsdrama in ein Programm der Berliner Philharmoniker, und zu Tiessens 70. Geburtstag 1957 dirigierte er im Schlusskonzert der Berliner Festwochen das Radio-Symphonie-Orchester mit einem „Tiessen-Programm“, das auf Wunsch des Jubilars mit Beethovens 7. Symphonie schloss. An diesem 7. Oktober erklangen die Hamlet-Suite, Zwei Orchesterstücke nach dem Tanzdrama Salambo und die Symphonie Nr. 2 ‚Stirb und Werde!‘. Tiessen hielt fest, dass Celibidache „alle Werke auswendig dirigierte“.
Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)