Wolfgang Boettcher
Wolfgang Boettcher
Vor fünf Jahren, am 24. Februar 2021, starb der Cellist Wolfgang Boettcher, ein Urgestein der UdK, im Alter von 86 Jahren. Die hochschulgeschichtliche Kolumne nimmt dieses Datum zum Anlass, den renommierten Solisten, Kammermusiker und Lehrer mit einem Porträt zu würdigen. Boettcher war Berliner, er studierte an der Hochschule für Musik, der heutigen Musikfakultät der UdK, und wechselte 1976 von den Berliner Philharmonikern an die damalige Hochschule der Künste, der er – trotz mancher anderer Angebote – treu blieb. Die Zahl seiner namhaften Schülerinnen und Schüler ist riesig.
Wolfgang Boettcher, am 30. Januar 1935 geboren, wuchs in einem Haus „voll schöner Musik“ auf, wie er noch 2020 in einem Rundfunk-Interview erzählte. Seine Eltern brachten viel Musikalität mit: Der Vater Hans leitete die Volksmusikschule in Neukölln, eine innovative Stätte der „Volksbildung“, an der in den Jahren der Weimarer Republik auch Paul Hindemith unterrichtete. Hans Boettcher war Wissenschaftler und ein Pionier der Musiksoziologie, nicht zuletzt als Mitherausgeber der kurzlebigen, aber konzeptionell interessanten Zeitschrift Musik und Gesellschaft (1930/31), die er zusammen mit Fritz Jöde ins Leben gerufen hatte.
Die Mutter Hildegard stammt aus einer Musikerfamilie in Siebenbürgen und kam aus Hermannstadt (Sibiu) nach Berlin zum Musikstudium. 1932 heiratet sie Hans Boettcher, und beide zogen nach Kleinmachnow. Wolfgang hatte zwei Schwestern: eine ältere, Ursula Trede-Boettcher, und eine jüngere, Marianne Boettcher; sie beide sind ebenfalls angesehene Musikerinnen geworden. Sie verloren 1945, in den Tagen, nachdem die Rote Armee Berlin besetzt hatte, auf tragische Weise ihren Vater. Umso mehr hielt der Rest der Familie zusammen: Die drei Geschwister bildeten zeitweilig gemeinsam das Trio Boettcher.
Wolfgang Boettcher studierte an der Berliner Hochschule Cello; sein Lehrer, den er zeitlebens sehr geschätzt hat, war – zunächst privat – Richard Klemm. Die große weite Welt der Musik öffnete sich für ihn auch dank familiärer Kontakte: Sein Patenonkel Eberhard Preußner lud ihn zu den Sommerakademien am Mozarteum in Salzburg ein. Dort konnte Boettcher viele bedeutende Musiker, die bei Preußners ein- und ausgingen, in jungen Jahren persönlich kennenlernen. 1958 gewann Boettcher den zweiten Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München. In demselben Jahr nahm er eine Stelle bei den Berliner Philharmonikern an. Es war damals die Ära Herbert von Karajans, Boettcher wurde unter seiner Ägide zweiter Solocellist.
Die Entscheidung, 1976 in eine Professur an die Hochschule für Musik in der Charlottenburger Fasanenstraße zu wechseln, fiel Boettcher nicht leicht. Doch erwies er sich als ein begnadeter Lehrer, wozu seine aufgeräumte, aber auch zugewandte Wesensart beitrug. Aus seiner Schule ging eine kaum überschaubare Zahl von Cellistinnen und Cellisten hervor; das von Claus-Ulrich Bader herausgegebene Gedenkbuch Jawoll – in dessen Titel Boettchers berlinernde Sprache hineingeraten ist – versammelt Texte und Zeugnisse von mehr als 150 Weggefährten, Kolleginnen und Freunden; darunter sind viele ehemalige Studierende.
Boettcher war Cellist im Brandis-Quartett, das er mitbegründete; der Primarius, Thomas Brandis, hatte an der Hochschule eine Professur für Violine inne. Boettcher gehörte auch zur Urbesetzung der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. Als Solist konzertierte er unablässig und weltweit. In Japan hatte er die Ehre, mit Kaiserin Michiko zu spielen. Boettcher engagierte sich für den Grand Prix Emanuel Feuermann, den die Kronberg Academy zusammen mit der Universität der Künste durchführt; Feuermann, ein Cellist, den Boettcher bewunderte, war in der Weimarer Republik Lehrer an der Berliner Hochschule. Als Leiter der Sommerlichen Musiktage Hitzacker zwischen 1987 und 1993 öffnete Boettcher das kammermusikalische Repertoire des Festivals für die Gegenwart, für das musikalische Schaffen NS-verfolgter und jüdischer Komponisten sowie für Alte Musik. Gemeinsam mit Winfried Pape legte Boettcher die Monographie Das Violoncello (1996, 2. Aufl. 2005) vor. Boettcher konzertierte bis an sein Lebensende und spielte zahlreiche CDs ein.
Vermittelt durch seinen Vater, stand Wolfgang Boettcher in der lebendigen Tradition eines gleichermaßen musikpädagogischen und sozialen Engagements, das mit dem Namen Leo Kestenbergs, des legendären Musikreferenten im preußischen Kultusministerium, verbunden ist. Diese Arbeit setzt sich übrigens in der Familie Boettcher fort: Marie Kogge, Wolfgang Boettchers Tochter, widmet sich der Initiative MitMachMusik. Deren Anliegen ist es, mit Hilfe von Musik Wege zur Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher zu ebnen.
Im Internet sind nach wie vor mehrere Nachrufe auf Wolfgang Boettcher abrufbar; dort finden sich weitere Details zu seinem Leben und Wirken. Sie brauchen hier nicht wiederholt werden. Stattdessen sei eine persönliche Begegnung erwähnt, die mich mit Boettcher zusammenbrachte, als es um Fragen des Archivierens ging. Die Wohnung des Cellisten besuchte ich mehrmals, mit dem großen Abstand von mehr als zwei Jahrzehnten.
1998 ging es um den Nachlass des – eben schon erwähnten – Eberhard Preußner. In Berlin war er als Musikwissenschaftler und -schriftsteller so etwas wie die rechte Hand Kestenbergs in der Musikreform der Weimarer Republik gewesen; später ging er ans Mozarteum in Salzburg. Wolfgang Boettchers Gattin Regine (Gini) Boettcher, eine Nichte Preußners, verwahrte dessen Manuskripte, Aufzeichnungen und Briefe, die sie zu meiner Freude ins Archiv der Universität der Künste gab. Zuvor hatte uns Wolfgang Boettcher bereits einen Brief Hindemiths an seinen Vater für eine Edition zur Verfügung gestellt. Er war 1939, kurz vor der Emigration in die USA, in Sierre (Kanton Wallis, Schweiz) geschrieben worden: als eine Art Abschiedsbrief.
Lange Zeit später fiel mir die Aufgabe zu, Boettchers eigenen Nachlass zu übernehmen. Aus der Distanz meiner Tätigkeit als Historiker hatte ich sein Wirken all die Jahre hindurch verfolgt. Noch kurz vor seinem Tod bat er mich um Auskünfte über Einzelheiten der NS-Zeit. 2022 wurde ich dann erneut in die Wohnung nahe der S-Bahn-Station Wannsee gebeten, um bei der Vorordnung des Nachlasses mitzuhelfen und um bei der Auswahl dessen, was ins Archiv gelangen sollte, Rat zu geben. Ich stieg zusammen mit Marie Kogge auf einer Leiter ins Dachgeschoss, wo Boettcher früher gearbeitet hatte. Dort sah ich das „Studio“, das „Arbeitszimmer“ und die „Bibliothek“ – so lauteten die Beschriftungen der Kartons, in denen wir das Archivgut erhielten. Nachdem Freunde der Familie mitgeholfen hatten, die Noten, Schriftstücke und Tondokumente zu sichten, wurde alles im Herbst von der Firma Stadtbote ins Archiv der Universität der Künste gebracht. Die Enkel halfen beim Beladen des Autos, das den Transport durchführte, mit. Nach der Umbettung in archivgerechte Materialien zählten wir die Archivkartons durch; es waren nicht weniger als 117.
Ein Archivreferendar, Lasse Stodollick, fertigte im September 2023 während eines Praktikums bei uns eine erste grobe Verzeichnung des Nachlasses an. Die Inhalte beschreibt er zusammenfassend wie folgt: „Der Nachlass […] umfasst bezeichnete Notendrucke, eine umfassende Aufführungsdokumentation mit Programmen und Presseberichten, zahlreiche Tonaufnahmen sowie Notenhandschriften, darunter Werke zeitgenössischer Komponisten, die ihre Arbeiten Boettcher zur Ansicht, für Aufführungen oder als Widmungsexemplar haben zukommen lassen. […] Aus der jahrzehntelangen Lehrtätigkeit stammen Unterrichtsvorbereitungen, Protokolle und Dokumente zu Gehalts- und Bleibeverhandlungen. Schüler und Wettbewerber kommentierte Boettcher auf Schmierzetteln, in Kladden oder auf der Rückseite von Programmheften. […] Hans Vogt, Karlheinz Stockhausen, György Ligeti, Yoko Nakamura und Aribert Reimann unterhielten einen teils regen Schriftverkehr mit Wolfgang Boettcher.“
Alles das ist hochgradig spannend und verdient eine genaue Auswertung, die gewiss bald stattfinden wird.
Verfasser: Dr. Dietmar Schenk (ehem. Leiter des Universitätsarchivs)