Vorausgesetzt! – Kunst/Pädagogik und ihre Bedingungen

Quelle: Nanna Lüth

Vorausgesetzt! – Kunst/Pädagogik und ihre Bedingungen

Ringvorlesung, organisiert von Prof. Nanna Lüth, Institut für Kunstdidaktik und ästhetische Bildung

Im Sommersemester 2015 fand in der Fakultät Bildende Kunst eine öffentliche Ringvorlesung mit internationalen Gästen aus dem Bereich der Kunst und ihrer Vermittlung statt. Die Reihe präsentiert außergewöhnliche Schnittmengen von künstlerischer und pädagogischer Praxis. Bei allen Veranstaltungen geht es um die Frage, unter welchen gesellschaftlichen oder politischen Voraussetzungen die beschriebenen Perspektiven von Lehrer_innen, Forscher_innen und Künstler_innen möglich werden, aber auch, welche sie selbst hervorbringen.

Am 28.5.15 stellte Ellen Kobe unter dem Titel „Mensch im Museum“ eine Auswahl ihrer Performances vor, in denen sie ihre eigene Lohnarbeit als Kulturvermittlerin reflektiert. Im Video Herzlich Willkommen! (2014), das eine Performance zur Eröffnung der Kunstmesse „Berliner Liste“ dokumentiert, findet eine imaginäre Raumverschiebung statt. Nach MoMA goes on (2004), einer Führung vor den leeren Wänden der Neuen Nationalgalerie und Goya to Go (2005) im Kunstverein Tiergarten setzte Kobe darin ihre Reihe über Kunstvermittlung fort: Mit dem Wortlaut der Schlossführung führte sie eine Gruppe durch die Messehallen. Abschließend stellte sie die Aktion Sprechen und Stillen (2007) vor, die anlässlich der documenta 12 stattgefunden hatte. Die VIP-Lounge an der Kasseler Orangerie wurde in eine „Stillplattform“ umgewandelt. Dies gab einigen Müttern die Chance, im Zentrum des Kunstgeschehens einen geschützten Raum zu genießen. Sie hatten die Möglichkeit, als Ausstellungsbesucherinnen an einem Rundgang teilzunehmen, ohne dabei ihre Kinder vernachlässigen zu müssen. Die Kommentare nach Kobes Vortrag thematisierten die Hierarchie zwischen den Praktiken der Kunst und der Kunstvermittlung.

Am 11.6.15 führte die Kunsthistorikerin Wiebke Trunk in der Gemäldegalerie einen Workshop über „Das Kleingeschriebene“ durch. Ausgangspunkt waren Details, die das Display als Schnittstelle zwischen Institution und Publikum rahmen. Wie beeinflussen die Informationen an den Rändern unsere Sicht? Dem nachzugehen, was nur so nebenbei – gleichsam zweitranging – auftaucht, stand im Mittelpunkt der Veranstaltung. Die Teilnehmer_innen suchten, mit sorgfältig aufbereitetem Material und zahlreichen Hintergrundinformationen ausgestattet, nach den entsprechenden Werken, um deren Kleingeschriebenes aus der Nähe zu betrachten. Unter anderem wurden von einer Kleingruppe zwei Bilder von Rembrandt erarbeitet, wobei den Titeln „Bildnisstudie eines jungen Juden“ und „Christuskopf“ besonders nachgegangen wurde. In einem Dialog, den diese Gruppe anleitete, wurden die Gemälde in den historischen Kontext gestellt und die Gründe für die Namensgebung differenziert. Die gewohnte Dekontextualisierung der Werke im Museum geriet in den Blick.

Am 18.6.15 startete Vera Simon Harder, Kunstvermittler_in, Lehrer_in und Praxisforscher_in aus Olten/CH mit einer Wahrnehmungsübung und Aufzeichnung. „Chewing Reality: Auf der Suche nach Interventionen, die Seh- und Denkgewohnheiten herausfordern, (wieder)käuen und auf’s Spiel setzen“ war das Motto, unter dem Harder das Projekt eines Wahlpflichtkurses im Fach Bildnerische Gestaltung präsentierte. Der Beitrag mit Work-in-Progress-Charakter gab Einblick in die Konzeption, Durchführung und Auswertung von dem gleichnamigen Praxisforschungsprojekt. Dieses geht aus queer-feministischer Perspektive der Frage nach, wie Kunstvermittlung als Verhandlungsraum von UnSichtbarkeiten angelegt werden kann. Geschlechtskonstruktionen wurde in diesem Rahmen durch queere künstlerische Arbeiten vorgeführt und debattierbar gemacht. Es entstanden Hörspiele, die durch die Schullautsprecheranlage verbreitet wurden. Am Ende wurde im Plenum die Frage nach der Grenze zwischen Politischem und Privatem gestellt, und wieweit das eine und das andere in der Schule vorgesehen ist.