Ins Museum!

Quelle: Stefanie Johns

Ins Museum!

So heißt das neue Projekt der grund_schule der künste der UdK Berlin. Dass Kinder unabhängig von Kultur und Herkunft eine Schwelle zu überwinden haben, um in die institutionelle Museumslandschaft einzutreten, ist bekannt. Vorformuliert und streng sind die Regeln für junge Besucherinnen und Besucher und entsprechend vorbereitend die bekannten Museumsführer. „Nicht berühren und bewegen!“ steht gefühlt an allen Objekten und Wänden. Kirsten Winderlich und Mark Lammert haben dies als Herausforderung gesehen, trotz zu respektierender Regeln, Zugänge zu schaffen und eine andere Form der Vermittlung im Museum zu initiieren. Von der Idee geleitet, dass das Museum als Raum an sich spannend ist und es sich lohnt entsprechend „vor Anker“ zu gehen, entwickelten der Bildende Künstler und die Kindheitsforscherin in Kooperation mit dem Berliner Verlag „wamiki“ (Was mit Kindern) Leporellos im Bild der Karte. Exemplarisch wie auch konkret für insgesamt acht Museen in Berlin bringt eine Seite der gefalteten Karten die Expert*innen, exklusiv den/ die jeweilige*n Museumsdirektor*in durch ihre eigene Handschrift zum Sprechen. Die andere Seite des Leporellos ist für die Rezeption und den Ausdruck der Kinder freigehalten und bietet Raum für Unerwartetes.

Dank der freundlichen Unterstützung der Freunde und Förderer der Universität der Künste Berlin stehen kostenfreie Klassensätze für die Erprobung im Rahmen der Seminare der grund_schule der künste zur Verfügung.

Bei Interesse melden Sie sich bitte bis Ende des Jahres unter:
grundschulekunstbildung_ @udk-berlin.de

 

Über die Museumskarten »Ins Museum!« von Kirsten Winderlich und Mark Lammert

Sind es Objekte? Gute Frage. Das weiß ich gar nicht so genau. Unter Objekt habe ich mir noch nie eine Museumskarte vorgestellt. Was aber ist es, wenn es kein Objekt ist? Diese Museumskarte ist auf jeden Fall ein Stück Papier, das gut in der Hand liegt und eine raffinierte Faltung hat. Sie gibt erste Hinweise darauf, was sich darin verbergen könnte ohne gänzlich zu verraten, was genau es ist. Dieses gefaltete Papier funktioniert ein bisschen wie eine Schatztruhe, in deren Schloss schon der Schlüssel steckt, der nur noch umgedreht werden will. Oder wie ein Blick durchs Schlüsselloch selbst, der einen Ausschnitt umreißt, aber eben nicht alles zeigt. Die Karte macht neugierig und möchte entschlüsselt und aufgefaltet werden. Ohne zu viel nachzudenken, lande ich zuerst auf der farbigen Seite und lese die rote, handschriftlich verfasste Beschreibung der Lieblingsfigur einer Person. »Wer ist diese Person, die über ihre Lieblingsfigur schreibt?«, frage ich mich. Sie mag wohl jemand sein, die sich Zeit genommen hat, eine Widmung oder besser eine Liebeserklärung an ein Objekt zu verfassen. Deshalb vielleicht auch die rote Schrift. Ich tauche ein in einen intimen Moment von … der Direktorin! Sie verrät uns ihr Lieblingsobjekt. Schön, dass eine Direktorin eine Kunstliebhaberin ist, denke ich, und toll, dass für sie nicht alle Dinge gleich sind im Museum. Diesen persönlichen Bezug zum Artefakt, der durch die Liebeserklärung hergestellt wird, bricht für mich das Museum auf eine persönliche Ebene herunter und ich spüre, dass hinter diesen Mauern, hinter der Tür, auf der Eingang steht, nicht nur irgendwelche anonymen Objekte aus der Vergangenheit ausgestellt werden. Hier gibt es Menschen, die sich von den Artefakten berühren lassen, sich zu ihnen beziehen, emotionale Verbindungen herstellen und ihre ganz eigene Perspektive, Lesart und Geschichte entwickeln. Ich kann mir vorstellen, dass dieser persönliche Bezug zum Artefakt bei den Kindern nicht nur eine Schwelle abbaut und sie zu einem persönlichen Zugang zu den Artefakten ermuntert; vielmehr greift er die subversive Herangehensweise auf, mit der Kinder sich die Welt sowieso schon aneignen. Nach dem Motto: »Das mag ich, das finde ich spannend, also schenke ich diesem Ding meine Aufmerksamkeit.«

Nachdem die Nijinsky-Figur durch die Widmung persönlich aufgeladen ist, rückt sie näher an mich und mein persönliches Interesse heran. Ich möchte wissen, wie dieser Gegenstand aussieht, der zum Liebhaberstück der Direktorin geworden ist. In meiner Fantasie zeichnen sich schon erste Bilder dieser Figur ab und ich möchte meine Vorstellung abgleichen mit der Realität.

Ich drehe die Karte um. Ich glaube, in diesem Moment ist die Museumskarte für mich erst zur Karte geworden und damit auch zu einem Objekt, zu dem ich mich als Subjekt beziehen und anhand dessen ich mich orientieren kann. Neben der Fotographie der Nijinsky-Figur lese ich in Druckbuchstaben, was ich auf der anderen Seite bereits entziffert habe. Oder? Ist es die gleiche Beschreibung? Sie wirkt viel neutraler. Ich drehe die Karte nochmal um und vergewissere mich. Es scheint der gleiche Text zu sein und doch mit einer ganz anderen Wirkung. Eine ästhetische Erfahrung, eine Irritation. Beide Seiten haben sich für mich durch das Wenden und überprüfen miteinander verbunden und ich lasse die farbige Seite länger auf mich wirken. Ich verweile und lasse mir Zeit, unabhängig vom Text den Rest der Karte für mich aufzuschlüsseln. Das Aufschlüsseln, Entziffern, Deuten, Interpretieren und Übersetzen dieser Karte wird zum performativen Akt und Gedankenspiel.

Auf dem zart karierten Papier zeichnet sich ein rosa blauer Hintergrund. Die Farben sprechen zu mir, sie vermitteln ein Wohlgefühl, ein großer, roter, scharf umrissener Punkt sitzt wie eine Insel auf einer Flussgabelung. Ist das die Museumsinsel? Ich glaube, das Kolbe Museum liegt nicht am Wasser. Was bedeutet dieser rote Punkt? Er erinnert mich an den Kreis auf der japanischen Flagge. Ein kleines Schiff schippert den breiten Flussarm entlang, hinweg oder in Richtung einer gelb-orange- gestreiften Flagge? Wo steuert das Schiff hin? Wo kommt es her? Wer sitzt da auf dem Schiff? Bin das ich? Und kann ich das Steuer in die Hand nehmen?

Links oben im Bild zeigt ein Kompass in alle Richtungen. Bin ich in Berlin? In Japan? Am Meer oder an der Spree? Das ist überhaupt nicht eindeutig, aber ich merke, ich befinde mich auf einer Reise, die unabhängig ist von einem bestimmten geographischen Ort. Ich muss hier nichts verstehen. Und ich muss auch nichts wissen. Das ist zumindest das, was mir die Karte vermittelt und das beruhigt mich. Ich darf mich treiben lassen. Vielleicht geht es darum, in eine andere Welt abzutauchen, die den spezifischen Standort des Museums hinter sich lässt und auch all das, wovon ich denke, dass es ein Museum ist. Umso spannender nochmal einen Blick auf die Schwarz-Weiß-Fotografie zu werfen, auf der die Eingangstür des Kolbe Museums abgebildet ist. Ich möchte mich vergewissern, zu welchem Museum die Nijinsky-Figur gehört. Durch diese Tür wäre ich wohl gegangen, um ins Museum und zu Nijinsky zu kommen. Stattdessen liegt das Museum hier auf meinem Boden im Schlafzimmer, ausgefaltet neben all den anderen Museumskarten, die ich gleich näher betrachten werde.

Die anderen Karten sind in ihrem Aufbau ähnlich strukturiert und stellen Variationen der ersten Karte dar. Trotzdem ist jede einzelne Karte für sich einzigartig. Mir bereitet es Vergnügen, Verbindungen und Abweichungen herzustellen und ich kann für mich eine ästhetische Logik, einen Fahrplan entwickeln, der mir eine Orientierung gibt, ohne dass sie mich auf meiner Entdeckungstour einschränkt. Die meisten Motive wiederholen sich und sind doch jedes Mal anders: das Schiff, der Fluss, das Meer, der Punkt, die Flagge, der Kompass, die rote Handschrift, eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die die Architektur des jeweiligen Museums sowie den Zugang zu diesem einfängt, die Abbildungen des ausgewählten Lieblings-Artefaktes der Museums-Direktoren. Zeichnung, Malerei, Fotografie, Schrift und Bild vermischen sich hier zu einer Collage, die mit der Idee von Karte sehr spielerisch umgeht.

Spannend sind auch die Instruktionen, mit Hilfe derer die Kinder über einzelne Orte, den Raum und die Artefakte erkunden können. Sie werden animiert, den Fokus auf bestimmte Akzente zu setzen, ihre Vorstellungskraft zu entwickeln oder selbst gestaltend tätig zu werden. Die Instruktionen wirken wie Impulse, erinnern mich teilweise an meine eigene Kindheit, in der wir Gesellschaftsspiele mit Ereigniskarten spielten oder abenteuerliche Schnipseljagden machten, bei denen es auf jeder Station etwas Neues zu entdecken oder auch zu lösen gab. In der Mischung aus Rezeption und Interaktion, Beobachtung, Interpretation, Suche und Eigenkreation knüpft die Museumskarte an Spielstrukturen an, die den Kindern aus ihrem Alltag vertraut sind. Der Aufbau der Karten, ihr collagenartiger Charakter, sowie ihre Impulse zur Raumwahrnehmung, Raumorientierung, Gedankenspielerei, Entdeckung der Artefakte über Rezeption oder Handlungsvorschläge ermöglicht den Kindern einen spielerischen Zugang zur Architektur und den Artefakten. Wenn ich ein Kind wäre, würde ich mir wünschen, dass die Museumskarte mir vermittelt, dass dieses Museum nur für mich gemacht ist, damit ich mich spielerisch durch alles durchbewegen kann. Ohne diese Reise wirklich gemacht zu haben, vermitteln mir die Karten das Gefühl einer Umgebung, die mir vertraut und fremd zugleich ist, und die nur darauf gewartet hat, von mir ganz persönlich entdeckt und neu beschrieben zu werden.

 

Juni 2020, Helen Naujoks